Rafaela Kraus, Professorin für Unternehmens- und Personalmanagement an der Universität der Bundeswehr München sieht tiefgreifenden Veränderungen der globalen Wirtschaftsordnung und Europa an einem historischen Wendepunkt.

Sicherheit ist wirtschaftliche Kernfrage
Der Krieg in der Ukraine, die strategische Rivalität zwischen den USA und China sowie neue Abhängigkeiten bei Energie, Infrastruktur und Schlüsseltechnologien haben die wirtschaftspolitischen Prioritäten grundlegend verändert. Sicherheit ist längst kein isoliertes Thema staatlicher Verteidigungspolitik mehr. Sie entwickelt sich zunehmend zu einer industrie-, innovations- und standortpolitischen Aufgabe. „Die regelbasierte Weltordnung weicht einer Interessen- und machtbasierten Ordnung. Die USA und China richten ihre wirtschaftliche und technologische Macht strategisch aus. Und Europa sucht noch nach einer eigenen, hinreichend klaren Antwort“, erklärte Kraus.
Entscheidend sei die Frage, welche Volkswirtschaften künftig in der Lage sein werden, Sicherheit, technologische Souveränität und wirtschaftliche Wertschöpfung gleichzeitig hervorzubringen.
Verteidigung als Vorbote eines größeren Wandels
Die Professorin betrachtet die aktuellen Entwicklungen nicht nur durch die sicherheitspolitische Brille. Vielmehr sei für sie die Verteidigungsindustrie der sichtbarste Teil einer wesentlich größeren Transformationswelle. 2025 flossen weltweit rund 2,9 Billionen US-Dollar in Verteidigungsausgaben. Europa verzeichnete dabei einen Anstieg von 14 Prozent – den stärksten Zuwachs seit 1953. Für Kraus ist diese Entwicklung Ausdruck eines grundlegenden Strukturwandels. „Verteidigung ist nicht das Ziel der Zeitenwende. Sie ist der sichtbarste Punkt einer Welle, die auf unsere Gesellschaft zurollt“, betonte Kraus.
Besonders deutlich werde dies am Beispiel der Ukraine. Dort zeige sich, wie schnell technologische Innovationen militärische, wirtschaftliche und organisatorische Prozesse verändern können. Nach Angaben von Kraus gehen inzwischen 70 bis 80 Prozent der Gefechtsverluste auf den Einsatz von Drohnen zurück. Innovation werde damit zu einem unmittelbaren Faktor staatlicher Handlungsfähigkeit.
Der Preis des Denkens sinkt
Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Künstliche Intelligenz. Sie verändert nach Ansicht von Kraus aktuell die Grundlagen wirtschaftlicher Organisation. „Künstliche Intelligenz senkt den Preis des Denkens dramatisch.“ Die Auswirkungen seien mit früheren industriellen Revolutionen vergleichbar, weil nicht einzelne Branchen betroffen seien, sondern sämtliche Organisationen, die auf menschliche Kognition angewiesen sind.
Gerade im Verteidigungsbereich werde dieser Wandel besonders sichtbar. Dort sei der Druck, Entscheidungen schneller zu treffen und neue Technologien rasch einzusetzen, besonders hoch. Was heute im Sicherheitsbereich getestet werde, könne morgen in Wirtschaft, Verwaltung oder Industrie zum Standard werden. Die Investitionsströme spiegeln diese Entwicklung wider: Bereits 44 Prozent des europäischen Verteidigungs-Wagniskapitals flossen 2025 in KI-Anwendungen. Für Unternehmen auch außerhalb klassischer Verteidigungsbranchen eröffnen sich dadurch neue Geschäftsfelder entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Neue Chancen für Mittelstand und Start-ups
Kraus sieht insbesondere für Start-ups und mittelständische Betriebe neue Marktpotenziale. Die Verteidigungswirtschaft sei längst kein abgeschlossener Industriezweig mehr. Moderne Sicherheitssysteme benötigen Softwarelösungen, Sensorik, Datenanalyse, Kommunikationssysteme, Robotik, Materialtechnologien und zahlreiche weitere Innovationen, die häufig aus zivilen Anwendungsbereichen stammen.
Dadurch entstünden neue Einstiegsmöglichkeiten für Unternehmen, die bisher keinerlei Berührungspunkte mit der Verteidigungsindustrie hatten. Gerade technologieorientierte Mittelständler könnten von den steigenden Investitionen profitieren und ihre Kompetenzen in neue Märkte einbringen. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an Innovationsgeschwindigkeit, Skalierbarkeit und internationale Zusammenarbeit.
Europas „Erlaubnisproblem“
Trotz großer technologischer Fähigkeiten sieht Kraus Europas größte Schwäche nicht beim Kapital, sondern bei den Entscheidungsstrukturen. „An Zeit, Geld und Talent fehlt es Europa nicht“, stellte sie fest. Was fehle, seien Geschwindigkeit und Entschlossenheit. Besonders prägnant formulierte Kraus dies mit dem Begriff des europäischen „Erlaubnisproblems“. Innovation werde häufig nicht durch fehlende Ideen verhindert, sondern durch langwierige Verfahren, regulatorische Hürden und eine ausgeprägte Risikoscheu.
Resilienz als lernfähiges System
Ein weiterer Schwerpunkt sei Resilienz. Kraus versteht darunter keine statische Absicherung gegen Krisen, sondern die Fähigkeit zur kontinuierlichen Anpassung: „Resilienz ist kein Bunker. Resilienz ist ein Immunsystem.“
Ein Immunsystem könne sich laufend an neue Bedrohungen anpassen, Erfahrungen verarbeiten und daraus lernen. Genau diese Fähigkeit brauche Europa angesichts geopolitischer Unsicherheiten, technologischer Umbrüche und globaler Wettbewerbsverschiebungen.
Besonders deutlich werde die Verwundbarkeit Europas bei kritischen Rohstoffen. So werde rund 90 Prozent der weltweiten Verarbeitung Seltener Erden von China kontrolliert. Solche Konzentrationen schaffen strategische Abhängigkeiten, die zunehmend zu wirtschaftlichen Risikofaktoren werden. „Arbeitsteilung ist Abhängigkeit, die man steuert. Abhängigkeit, die man verdrängt, ist eine Waffe in fremder Hand“, formuliert die Professorin.
Wirtschaftspolitik unter neuen Vorzeichen
Auch der Präsident der Deutschen Handelskammer in Österreich, Hans Dieter Pötsch, griff die veränderten Rahmenbedingungen auf. Sicherheit sei angesichts der aktuellen Entwicklungen zu einer industrie- und innovationspolitischen Aufgabe geworden. „Entscheidend wird nun sein, die sicherheitspolitischen Ziele rasch in industrielle Kapazitäten, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen und belastbare europäische Wertschöpfungsketten zu übersetzen.“ Die deutsch-österreichische Wirtschaftsgemeinschaft könne dabei eine wichtige Rolle spielen. Gemeinsame Innovationsprojekte, neue Technologien und grenzüberschreitende Kooperationen eröffnen zusätzliche Marktchancen.
