Hellmuth Swietelsky war studierter technischer Chemiker. Die gewerberechtliche Befähigung für den Straßenbau besaß er nicht. Die Behörden hatten ihm vor 1938 daher nur eng begrenzte Tätigkeitsfelder genehmigt, die eine Betätigung als vollwertiges Bauunternehmen faktisch ausschlossen. Nach dem „Anschluss“ Österreichs fielen diese gewerberechtlichen Schranken. Die Autoren zeigen, dass Swietelsky die geänderten Machtverhältnisse für sein wirtschaftliches Vorankommen zu nutzen verstand. Das Unternehmen erhielt Aufträge im heutigen Österreich, im besetzten Polen, in der Ukraine und in Rumänien. Das Auftragsvolumen stieg von kleinen Aufträgen in der Höhe von 10.000 Reichsmark im Jahr 1938 auf Ratenzahlungen in Millionenhöhe im Jahr 1944.

Zwangsarbeit als Geschäftsmodell

Ein zentraler Befund der Studie ist, dass dieser Aufstieg ohne den systematischen Einsatz von Zwangsarbeitskräften nicht vorstellbar gewesen wäre. Pawlowsky und Wendelin dokumentieren den Einsatz jüdischer Zwangsarbeiter, von Roma und Sinti sowie von KZ-Häftlingen auf den Baustellen des Unternehmens. Besonders aufschlussreich sind die Kapitel über den Bau der Durchgangsstraße IV in der Ukraine. Dort errichtete die SS für die Firma Swietelsky fünf Zwangsarbeitslager, in denen zwischen 1.000 und 2.000 als Juden verfolgte Menschen unter katastrophalen Bedingungen schuften mussten. Die Autoren belegen, dass die SS kranke oder nicht mehr arbeitsfähige Insassen ermordete.

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Die Verantwortung des Wegsehens

Die Studie wirft grundlegende Fragen über die Rolle von Unternehmen in Unrechtsregimen auf. Die Historiker*innen konstatieren eine „zweifellos bestehende Mitverantwortung“ der Firma, auch wenn sie nicht selbst an den Tötungen beteiligt war. Hellmuth Swietelsky besuchte seine Baustellen persönlich – die Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter können ihm nicht verborgen geblieben sein. Das Buch zeigt die Dilemmata der Unternehmen: Sie waren auf die zugewiesenen Arbeitskräfte angewiesen, ihre Ablehnung hätte in den meisten Fällen den Tod der Betroffenen bedeutet.

Ein unbequemes Vermächtnis

Die Studie ist keine Abrechnung, sondern eine fundierte historische Analyse, die weit über den Einzelfall hinausweist. Sie liefert eine diskussionswürdige Innenansicht der Verflechtung von Wirtschaft und NS-Herrschaft und stellt unbequeme Fragen an die österreichische Wirtschaftsgeschichte. Die Autoren zeigen, dass unternehmerischer Erfolg im NS-System untrennbar mit der Ausbeutung von Zwangsarbeitern verbunden war – und dass diese Verstrickung kein Randphänomen, sondern struktureller Bestandteil der Kriegswirtschaft war. 

Besonders bemerkenswert ist die methodische Herangehensweise der Studie: Da kein Unternehmensarchiv existiert, rekonstruieren Pawlowsky und Wendelin die Tätigkeiten der Firma Swietelsky aus Fragmenten – Krankenkassenakten, Gerichtsprotokollen, Zeugenaussagen. Diese Quellenarbeit fördert Details zutage und macht die Studie zu einem Beispiel dafür, wie Unternehmensgeschichte unter Einbeziehung der Opferperspektive geschrieben werden kann. Die Lektüre ist für jeden gewinnbringend, der die Mechanismen wirtschaftlicher Kooperation mit einem verbrecherischen Regime verstehen will.


Verena Pawlowsky (Hg.), Harald Wendelin (Hg.)

Unternehmergeist und Komplizenschaft: Hellmuth Swietelskys Baufirmen in der NS-Zeit.

Böhlau Verlag Wien, 2025

ISBN: 978-3-205-22314-6

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