Facebook hat Kommunikation, Medienkonsum und politische Debatten wie kaum ein anderes Unternehmen verändert. Mit Mein Traumjob bei Facebook liefert Sarah Wynn-Williams einen seltenen Blick hinter die Kulissen: Als ehemalige Direktorin für Global Public Policy beschreibt sie einen Konzern, der zwischen globalem Gestaltungsanspruch, wirtschaftlichen Interessen und politischer Realität jongliert – und dabei seine eigenen Widersprüche offenbart. Die englische Originalausgabe Careless People wurde rasch zum internationalen Bestseller. Als langjährige Insiderin an der Schnittstelle von Technologie, Politik und Regulierung schreibt Wynn-Williams aus erster Hand. Ihr Buch ist keine klassische Managementerzählung, sondern eine Fallstudie über Macht, Unternehmens(un)kultur und die Realitäten globaler Plattformunternehmen.
Zuckerberg und der nächste Milliardenmarkt
Eine zentrale Rolle spielt Mark Zuckerberg. Die Autorin beschreibt ihn als jemanden, den eine klare Mission antreibt – möglichst viele Menschen zu vernetzen – und dessen strategischer Ehrgeiz dabei kaum Grenzen kennt. Besonders aufschlussreich sind die Kapitel über China. Für Zuckerberg war das Land der letzte große weiße Fleck auf der globalen Facebook-Landkarte, und Wynn-Williams schildert die Bemühungen, Zugang zu diesem Markt zu bekommen. Was das Buch dabei zeigt, geht über wirtschaftliche Logik hinaus: Facebook soll laut den Vorwürfen CCP-Funktionären Briefings zu neuen Technologien wie KI erteilt, maßgeschneiderte Zensurtools entwickelt und diese Kooperation aktiv vor dem US-Kongress verborgen haben. Meta – Facebooks Mutterkonzern – bestreitet die Darstellung.
Widerspruch unerwünscht
Für Wynn-Williams ist Facebook eine Organisation, die sich selbst nie als gewöhnliches Unternehmen verstanden hat, sondern als Antriebskraft einer globalen Mission. Diese Überzeugung war echter Treibstoff für den Aufstieg des Konzerns. Doch genau darin liegt das Problem, das das Buch freilegt: Eine Kultur, die Wachstum zur Maxime erhebt, duldet Widerspruch schlecht. Kritische Stimmen verhallen, Entscheidungen fallen in einem engen Kreis von Führungspersonen, die von ihrer eigenen Vision kaum loszulösen sind. Was als Stärke beginnt, kippt in eine Dynamik, die Kontrolle und Korrektiv systematisch schwächt.
Führung, Verantwortung und Macht
Die Autorin richtet ihren Blick auch auf das Innenleben der Führungsebene: ein Milieu, in dem Einfluss weniger durch Strukturen verteilt wird als durch persönliche Nähe zur Unternehmensspitze. Die Frage, ob interne Kontrollmechanismen diesem Machtgefüge gewachsen waren, zieht sich als roter Faden durch das Buch. Daneben schildert sie Fälle von Diskriminierung, sexueller Belästigung und Machtmissbrauch – und benennt, was sie als systematisches Versagen im Umgang mit Beschwerden bewertet. Auch das gehört zum Bild, das sie zeichnet: eine Organisation, der das eigene Wachstum mitunter davongelaufen ist.
Mehr als eine Abrechnung
Trotz aller Kritik sollte Mein Traumjob bei Facebook nicht ausschließlich als Abrechnung mit einem ehemaligen Arbeitgeber gelesen werden. Das Buch wirft grundlegende Fragen auf, die weit über Facebook hinausreichen: Wie viel Macht dürfen digitale Plattformen besitzen? Welche Verantwortung tragen ihre Führungskräfte? Und wie lassen sich wirtschaftliche Interessen mit gesellschaftlichen Erwartungen vereinbaren? Gerade für Führungskräfte, Unternehmer*innen und wirtschaftspolitisch interessierte Leser*innen bietet es deshalb einen hohen Erkenntniswert. Sarah Wynn-Williams liefert mit dem Buch eine diskussionswürdige Innenansicht eines der einflussreichsten Unternehmen unserer Zeit.

Sarah Wynn-Williams
Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor.
Kiepenheuer & Witsch 2026
ISBN: 978-3-462-01460-0