Wirtschaftliches Wachstum unter schwierigen Marktbedingungen beginnt für Werner Theißen mit der Bereitschaft, etablierte Routinen zu hinterfragen. Gerade mittelständische Unternehmen hätten ihre Position häufig durch Kundennähe, verlässliche Leistungen und gute Marktkenntnis aufgebaut. Veränderten sich Märkte jedoch schneller als die eigenen Prozesse, könnten bisherige Erfolgsrezepte zum Hindernis werden.
Zukunftsfähigkeit entstehe deshalb dort, wo Unternehmen relevante Marktsignale früh erkennen und daraus konkrete Entscheidungen ableiten. In der Digitalisierungsdebatte werde dabei häufig vor allem über Technologie gesprochen. Moderne und sichere Systeme seien zwar eine wichtige Voraussetzung, über den Erfolg eines Digitalisierungsprojekts entscheide aber auch, ob relevante Daten vorhanden seien und richtig interpretiert würden.
Datenkompetenz als Voraussetzung
Viele mittelständische Unternehmen verfügen heute über große Datenmengen. Diese führten jedoch nicht automatisch zu besseren Geschäftsmodellen oder Entscheidungen. Als mögliche Hindernisse nennt Theißen unklare Zuständigkeiten, fehlende Datenkompetenz und eine Unternehmenskultur, die den Wissensaustausch nicht ausreichend unterstützt.
Entscheidend sei daher, Daten nicht ausschließlich für das Reporting zu verwenden. Ihr wirtschaftlicher Wert entstehe insbesondere dann, wenn sie interpretiert, innerhalb des Unternehmens geteilt und beispielsweise für Priorisierungen, Investitionsentscheidungen oder die Gestaltung von Prozessen eingesetzt würden. Dazu gehöre auch die Bereitschaft, bestehende Annahmen anhand der eigenen Kennzahlen zu überprüfen.
Kundenbedürfnisse statt bestehender Angebote
Konica Minolta verfolgt diesen Ansatz nach Angaben des Unternehmens mit der strategischen Initiative „Market First“. Dabei soll die Kundenperspektive stärker in den Mittelpunkt rücken. Ausgangspunkt ist nicht die Frage, welche bestehenden Produkte angeboten werden können, sondern welche Lösungen Kundinnen und Kunden tatsächlich benötigen.
Dafür sollen Daten mit den Erfahrungen unterschiedlicher Unternehmensbereiche verbunden werden. Wissen aus Vertrieb, Service, Beratung, Technik und Marketing könne dabei helfen, Kennzahlen einzuordnen. Erst aus der Kombination von Daten, Marktkenntnis, Kundenerfahrung und Prozessverständnis ließen sich laut Theißen tragfähige Entscheidungen ableiten.
Neue Geschäftsmodelle durch Marktbeobachtung
Als Beispiel nennt Theißen ein Kundenprojekt mit einem Großhändler für Telefonhardware und technische Lösungen. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass klassische Copyshops zunehmend verschwinden, gleichzeitig aber insbesondere in Großstädten weiterhin kurzfristiger Bedarf an Druck-, Kopier- und Scanservices besteht.
Daraus entstand die Idee, entsprechende Dienstleistungen an Standorten anzubieten, die ohnehin regelmäßig frequentiert werden – etwa in Kiosken und sogenannten Spätis mit langen Öffnungszeiten. Gemeinsam mit dem Kunden entwickelte Konica Minolta ein skalierbares Modell. Shopbetreibende können damit zusätzliche Erlöse erzielen, Endkundinnen und Endkunden erhalten wohnortnah Zugang zu den Dienstleistungen und für den Großhändler entsteht ein zusätzliches Geschäftsfeld.
Für Theißen zeigt das Projekt, wie sich Marktbeobachtung und Daten mit unternehmerischen Entscheidungen verbinden lassen. Angesichts wirtschaftlicher Unsicherheit, Fachkräftemangels, geopolitischer Spannungen sowie steigender Anforderungen an Effizienz und Nachhaltigkeit müssten Unternehmen ihre Ressourcen gezielter einsetzen. Daten könnten dabei insbesondere dann eine Rolle spielen, wenn sie nicht nur als Reportinginstrument, sondern als Grundlage für Führungsentscheidungen verstanden würden.
Der Gastautor

Werner Theißen ist Geschäftsführer von Konica Minolta Deutschland und Österreich.
