KI-Agenten sind in Unternehmen bereits im Einsatz und dürften künftig stärker in Arbeitsabläufe und Teams integriert werden. Damit verändert sich auch die Rolle von Führungskräften. Neben klassischer Personalführung gewinnen die Steuerung von KI-Systemen, die Gestaltung neuer Prozesse sowie die Beurteilung KI-gestützter Arbeit an Bedeutung. Darauf weisen Sibylle Tretera, Leadership- und Transformationscoach sowie Executive-MBA-Absolventin der WU Executive Academy in Wien, und Martin Giesswein, Digitalökonom und AI Program Director an der WU Executive Academy in Wien, hin.

Nach Einschätzung der beiden Fachleute reicht es nicht aus, einzelne KI-Anwendungen in bestehende Abläufe einzubauen. Unternehmen müssten vielmehr Strategien und Strukturen für die Zusammenarbeit zwischen Menschen und KI entwickeln. Giesswein verweist dabei auf sogenannte „Frontier Companies“ beziehungsweise „High Performer“, die ihre Organisationsstrukturen bereits stärker auf den Einsatz von KI-Agenten ausrichten.

KI als Assistent und Sparringpartner

Ein erstes Handlungsfeld betrifft den eigenen Umgang von Führungskräften mit KI. Giesswein zufolge sollten sie lernen, KI-Assistenten und -Agenten gezielt Aufgaben zu übertragen, deren Ergebnisse zu kontrollieren und bei Bedarf einzugreifen, ohne dabei in Micromanagement zu verfallen. Tretera empfiehlt, KI zusätzlich als „Thought Partner“ einzusetzen. Systeme könnten etwa genutzt werden, um eigene Denkmuster zu hinterfragen, alternative Lösungswege zu entwickeln oder blinde Flecken sichtbar zu machen. Voraussetzung dafür sei eine kontinuierliche praktische Beschäftigung mit den Werkzeugen.

Mit zunehmendem KI-Einsatz verändert sich auch die Aufgabenverteilung innerhalb von Teams. Beschäftigte übernehmen laut der Presseaussendung verstärkt die Rolle von „Agent Bosses“, indem sie KI-Agenten anleiten und deren Arbeit steuern. Führungskräfte müssten deshalb festlegen, welche Aufgaben Menschen übernehmen und welche sich für KI-Agenten eignen. Giesswein bezeichnet diese Aufteilung als „Human-Agent-Ratio“.

Das hat Auswirkungen auf die Ressourcen- und Personalplanung. Die Leistung von KI-Agenten müsse demnach in Kosten und Vollzeitäquivalente übersetzt werden, um Teamressourcen sinnvoll planen zu können. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie KI-gestützte Leistungen von Beschäftigten beurteilt werden. Tretera sieht dadurch eine Verschiebung bei den gefragten Kompetenzen: Fachwissen, kritisches Denken und soziale Fähigkeiten würden wichtiger, wenn KI zunehmend Inhalte und Strukturen vorbereitet.

Prozesse mit KI neu gestalten

Ein weiteres Handlungsfeld ist das Prozessdesign. Nach Einschätzung Giessweins genügt es nicht, KI-Werkzeuge lediglich in bestehende Prozesse einzubauen. Unternehmen sollten vielmehr prüfen, wie sich Arbeitsabläufe durch KI grundsätzlich neu gestalten lassen. Eine Rolle spielen dabei Multi-Agenten-Systeme (MAS). Dabei arbeiten mehrere KI-Agenten vernetzt zusammen, teilen Teilaufgaben untereinander auf und bearbeiten komplexere Arbeitsabläufe. Dadurch könnten Beschäftigte beispielsweise mehr Zeit für Führung, Strategie oder die Zusammenarbeit mit Kundinnen und Kunden erhalten. Als Hindernis nennt Giesswein allerdings unzureichend definierte Prozesse und mangelhaft aufbereitete Daten.

Parallel dazu brauche es eine Arbeitskultur, in der der Umgang mit KI kontinuierlich weiterentwickelt wird. Tretera sieht dabei auch bei Führungskräften Nachholbedarf. Neben Anwendungskompetenz gehe es zunehmend um einen reflektierten und kritischen Umgang mit KI-Systemen.

Die Presseaussendung verweist dazu auf den Microsoft Work Trend Index 2026. Demnach geben 66 Prozent der befragten KI-Nutzenden an, durch KI mehr Zeit für wertschöpfende Tätigkeiten zu haben. 58 Prozent könnten Arbeiten erledigen, zu denen sie ein Jahr zuvor noch nicht in der Lage gewesen seien. Als wichtige Kompetenzen würden 50 Prozent die Qualitätskontrolle von KI-Ergebnissen und 46 Prozent kritisches Denken nennen. Lediglich 26 Prozent der Befragten geben demnach an, dass ihre Führungskräfte eine klare und konsistente Ausrichtung beim Umgang mit KI verfolgen. Die Aussendung enthält zu diesen Angaben keinen weiterführenden Quellenlink.

Kritisches Denken bleibt zentrale Aufgabe

Trotz zunehmender Automatisierung bleibt die menschliche Urteilsfähigkeit aus Sicht der beiden Fachleute entscheidend. Führungskräfte müssten nicht nur KI-Ergebnisse selbst kritisch beurteilen können, sondern diese Kompetenz auch bei ihren Mitarbeitenden fördern. Die zentrale Führungsaufgabe verschiebt sich damit: Statt ausschließlich Menschen und bestehende Prozesse zu organisieren, müssen Führungskräfte zunehmend hybride Teams aus Beschäftigten und KI-Systemen gestalten. Dazu gehören die Verteilung von Aufgaben, die wirtschaftliche Bewertung des KI-Einsatzes, neue Kriterien für Leistungsbeurteilungen und die kontinuierliche Weiterentwicklung der KI-Kompetenz im Unternehmen.