Warum sich Volkswirtschaften trotz vergleichbarer Ausgangsbedingungen unterschiedlich entwickeln, untersucht eine neue Studie von Klaus Prettner von der WU Wirtschaftsuniversität Wien und Martin Stojanovikj von der University of Deusto. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich sogenannte extraktive Institutionen auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken. Darunter verstehen die Forschenden politische und wirtschaftliche Strukturen, die es politischen Eliten ermöglichen, wirtschaftliche Ressourcen zu ihrem eigenen Vorteil abzuschöpfen.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass nicht jede Form dieser Ressourcenabschöpfung dieselben wirtschaftlichen Folgen hat. Während die Abschöpfung von Einkommen und Produktion vor allem den Beginn der Industrialisierung verzögert, beeinträchtigen Eingriffe in Forschung und Innovation das Wirtschaftswachstum dauerhaft. Damit erweitern die Forschenden bestehende wirtschaftswissenschaftliche Theorien zur langfristigen Entwicklung von Volkswirtschaften um eine institutionelle Perspektive.

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Innovation als langfristiger Wachstumstreiber

„Unsere Studie zeigt, dass nicht jede Form politischer Ressourcenabschöpfung dieselben wirtschaftlichen Folgen hat“, sagt Klaus Prettner, Mitarbeiter am Department Volkswirtschaft der WU Wirtschaftsuniversität Wien. „Besonders problematisch wird es, wenn politische Eliten gezielt Innovationen behindern. Dadurch wird nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung kurzfristig verlangsamt; auch das langfristige Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft leidet.“

Nach den Ergebnissen der Studie verzögert die Abschöpfung von Einkommen und Produktion den Übergang von einer stagnierenden Wirtschaft zur Industrialisierung und schwächt das Wachstum in dieser Phase. Langfristig habe diese Form der Einflussnahme jedoch keinen wesentlichen Einfluss mehr auf die Wachstumsrate.

Anders verhält es sich laut den Forschenden bei Eingriffen in den Innovationsprozess. Werden Ressourcen entzogen, die für Forschung, Entwicklung und technologische Verbesserungen vorgesehen sind, werde die von Joseph Schumpeter beschriebene „schöpferische Zerstörung“ gebremst. Dadurch entwickle sich die Wirtschaft auch nach der Industrialisierung dauerhaft langsamer.

Historische Beispiele und wirtschaftspolitische Konsequenzen

„Innovationen sind der Motor langfristigen Wirtschaftswachstums“, sagt Prettner. „Wer Innovationen behindert, nimmt einer Volkswirtschaft genau jene Dynamik, die langfristig Wohlstand schafft.“

Die Forschenden argumentieren zudem, dass politische Eliten Eingriffe in Innovationsprozesse häufig bevorzugen könnten, weil diese für die Bevölkerung weniger unmittelbar sichtbar seien als die direkte Abschöpfung von Einkommen. Als historische Beispiele nennt die Studie unter anderem die Unterdrückung wissenschaftlicher Forschung in der Sowjetunion sowie die verzögerte Einführung des Buchdrucks im Osmanischen Reich. Solche Maßnahmen hätten zwar häufig weniger unmittelbaren politischen Widerstand ausgelöst, langfristig jedoch die Innovationskraft und Produktivität beeinträchtigt.

„Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass institutionelle Qualität weit über kurzfristige wirtschaftspolitische Effekte hinausreicht“, sagt Prettner. „Ob Innovationen entstehen können oder politisch ausgebremst werden, entscheidet wesentlich darüber, wie erfolgreich sich Volkswirtschaften langfristig entwickeln.“

Für die Studie entwickelten die Forschenden ein theoretisches makroökonomisches Modell, das wirtschaftliche Entwicklung, Industrialisierung und langfristiges Wachstum gemeinsam mit politischen Institutionen analysiert. Anschließend wurde das Modell anhand langfristiger Daten der US-Wirtschaft für den Zeitraum von 1650 bis 2022 kalibriert. Simulationen untersuchten die Auswirkungen unterschiedlicher institutioneller Rahmenbedingungen auf Industrialisierung, Wirtschaftswachstum und Wohlstand.