Die traditionelle Vorstellung einer Karriereentwicklung – gute Leistungen führen zur Beförderung und schließlich in eine Führungsposition – gerät zunehmend unter Druck. Laut der jüngsten internationalen Arbeitsplatzstudie von Gallup ist das Engagement von Führungskräften weltweit von 27 auf 22 Prozent gesunken. Besonders deutlich ist der Rückgang bei jüngeren und weiblichen Führungskräften.
Gleichzeitig berichten Führungskräfte von höherem Stress und emotionaler Belastung sowie einer höheren Burnout-Rate als viele ihrer unterstellten Mitarbeitenden. Führungspositionen werden damit zunehmend mit Verantwortung, Veränderungsdruck und komplexen Anforderungen verbunden.
„Die traditionelle Karriereleiter wurde für ein anderes Zeitalter der Arbeit geschaffen“, sagt Allison Howell, CEO von Hogan Assessments. „Heute verbinden viele Menschen Führungsrollen mit ständigem Wandel, konkurrierenden Prioritäten und zunehmender Verantwortung, ohne dadurch unbedingt mehr Erfüllung zu finden. Unternehmen müssen verstehen, warum Führungsrollen immer unattraktiver werden und was das für die Zukunft der Nachfolge in den Führungsetagen bedeutet.“
Mittleres Management als Bindeglied
Neue Analysen von Hogan Assessments zufolge nimmt insbesondere das mittlere Management eine zentrale Rolle innerhalb von Unternehmen ein. Führungskräfte auf dieser Ebene sollen unter anderem Leistung steigern, Veränderungen umsetzen, das Wohlbefinden von Mitarbeitenden unterstützen und hybride Arbeitsmodelle organisieren. Hinzu kommt die Begleitung der Beschäftigten bei der Transformation durch künstliche Intelligenz.
„Die Führungsrolle hat sich in den letzten zehn Jahren drastisch verändert“, sagt Howell. „Viele Unternehmen behandeln sie weiterhin als Belohnung für gute Arbeit, während sie tatsächlich zu einer der anspruchsvollsten Funktionen am modernen Arbeitsplatz geworden ist.“
Auch das weltweite Mitarbeiterengagement ist laut Gallup zum zweiten Mal in Folge gesunken und hat den niedrigsten Wert seit 2020 erreicht. Nach Einschätzung von Hogan Assessments könnte dies dazu beitragen, dass Führungspositionen ihren Status als klassischer Karriereschritt verlieren.
Andere Erwartungen an Führung
Parallel dazu verändert sich offenbar auch die Vorstellung davon, was gute Führung ausmacht. Eine internationale Studie zur Führungseffektivität zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen Eigenschaften, die Führungskräften zugeschrieben werden, und jenen Qualitäten, die Mitarbeitende von Vorgesetzten erwarten.
Für beinahe 98 Prozent der Befragten ist Kommunikation ein wesentlicher Bestandteil effektiver Mitarbeiterführung. Mehr als 96 Prozent nennen Vertrauen, Integrität, Verantwortlichkeit und fundierte Entscheidungsfindung als wichtige Eigenschaften. 72 Prozent sind der Ansicht, dass emotionale Unbeständigkeit die Führungseffektivität beeinträchtigt. Fast die Hälfte der Befragten wünscht sich zudem einen stärkeren Fokus auf Teamwork, Beziehungen und Zugehörigkeit.
„Die Eigenschaften, die dazu führen, dass Mitarbeitende befördert werden, sind nicht immer die Eigenschaften, die sie zu erfolgreichen Führungskräften machen“, sagt Howell. „Anstatt Selbstsicherheit und Transparenz allein zu belohnen, fordern Angestellte eine andere Art der Mitarbeiterführung: eine, die auf Kommunikation, Vertrauen, Verantwortlichkeit und gesundem Menschenverstand aufbaut.“
Nachfolgeplanung wird wichtiger
Für Unternehmen stellt sich damit zunehmend die Frage, ob genügend Mitarbeitende bereit sind, künftig Führungsverantwortung zu übernehmen. Der Wandel könnte sich insbesondere auf die Nachfolgeplanung auswirken, wenn erfahrene Führungskräfte aus dem Berufsleben ausscheiden und gleichzeitig die Anforderungen an Führungspositionen weiter steigen.
Sinkendes Mitarbeiterengagement, steigende Belastungen in Führungsetagen und eine zunehmende Komplexität der Arbeitswelt stellen Unternehmen damit vor die Aufgabe, ihre bisherigen Karriere- und Führungsmodelle zu überprüfen.
„Anstatt die Beförderung als logischen nächsten Schritt zu behandeln, sollten Unternehmen Karrierelaufbahnen insgesamt überdenken“, sagt Howell. „Viele Generationen lang galt die Beförderung als universelle Definition einer erfolgreichen Karriere. Doch Mitarbeitende werden wählerischer.“