Bei zwölf von 17 strategischen Rohstoffen ist die Versorgung in der EU gefährdet bis stark gefährdet. Bei knapp der Hälfte der Rohstoffe ist China für Österreich das Land mit der höchsten Abhängigkeit. Das zeigt eine Analyse des Kontext Instituts auf Basis von Daten des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII).
Mehr als die Hälfte von Österreichs Jahresexporten (97 Milliarden Euro) benötigen demnach kritische Rohstoffe. Besonders exponiert sind die Automobil-, Stahl- und Maschinenbauindustrie. Diese drei Branchen exportieren gemeinsam rund 24 Milliarden Euro an Produkten, in denen die Lieferketten laut Analyse stark gefährdet sind.
Kreislaufwirtschaft als wirksamste Lösung
Um die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen zu reduzieren, habe die EU bereits Rahmenbedingungen gesetzt, so die Analyse. Diese zielen darauf ab, Importländer zu diversifizieren, den Eigenabbau zu fördern und das Recycling kritischer Rohstoffe zu steigern. Die Diversifizierung scheitere jedoch bei vielen Rohstoffen an mangelnden alternativen Lieferquellen. Der Eigenabbau sei oft politisch unerwünscht und löse das Problem nicht, solange nachgelagerte Verarbeitungsschritte weiterhin außerhalb Europas stattfänden. Auch Recycling sei derzeit begrenzt: Neun der 17 strategischen Rohstoffe würden bisher kaum recycelt.
„Die Versorgungssicherheit bei kritischen Rohstoffen ist für Europa und Österreich nur erreichbar, wenn wir alle Hebel der Kreislaufwirtschaft nutzen: Von der Reduktion der Nachfrage über Materialeffizienz und Langlebigkeit bis hin zu Wiederverwendung und Recycling“, sagt Katharina Rogenhofer, Vorständin beim Kontext Institut in Wien. Mit den richtigen Maßnahmen könne man Wettbewerbsfähigkeit, Ökologisierung und digitale Souveränität in einer instabilen geopolitischen Lage absichern, so Rogenhofer weiter.
Fünf Strategien für mehr Unabhängigkeit
Reduktion des Rohstoffbedarfs durch Entkopplung, ohne die Bedarfsdeckung oder wirtschaftliche Dynamik zu schmälern (etwa durch Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel, Carsharing, Sanierung oder Energieeffizienzmaßnahmen). Steigerung der Materialeffizienz beziehungsweise Ersatz mit zirkulären Materialien. Potenzial sehen die Autoren etwa durch Leichtbau und Miniaturisierung in der Automobil- und Stahlindustrie oder durch verbindliche Ökodesign-Standards. Erhöhung der Produktlanglebigkeit, zum Beispiel durch das „Recht auf Reparatur“, modulare Bauweisen oder Leihmodelle. Wiederverwendung von Produkten und Komponenten (wie die Zweitnutzung von Batterien elektrischer Fahrzeuge oder modulare Stahlkonstruktionen). Ausbau des Recyclings, etwa von Elektronikschrott, Bauabfällen oder seltenen Erden aus Permanentmagneten.
„Die Daten zeigen eindeutig: Die Verwundbarkeit unserer Lieferketten ist keine abstrakte Gefahr, sondern eine strukturelle Herausforderung mit direkten wirtschaftlichen Konsequenzen“, sagt Peter Klimek, Direktor des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) in Wien. Mehr Kreislaufwirtschaft könne daher eine doppelte Dividende in Form von mehr Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit einbringen.
Politischer Paradigmenwechsel gefordert
Essenziell seien neben dem Ausbau von Recyclingkapazitäten auch einheitliche Produktstandards für Materialeffizienz und Zirkularität sowie entsprechende Kriterien in der öffentlichen Beschaffung. Zudem nennt die Analyse die Umsetzung der EU-Energieeffizienzrichtlinie und die Förderung von Reparaturen. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, brauche es einen Paradigmenwechsel auf politischer Ebene.