Mehr als 200 Fach- und Führungskräfte diskutierten unter dem Motto „From Disruption to Direction: Leading the Future of Logistics and Supply Chain Management“, wie Unternehmen unter Unsicherheit navigieren können – und welche neuen Führungskompetenzen dafür nötig sind. Wenn Zölle Lieferketten über Nacht verteuern, geopolitische Konflikte Rohstoffe verknappen und künstliche Intelligenz Entscheidungen beschleunigt, müssen Führungskräfte konkurrierende Ziele in Einklang bringen: langfristige Stabilität versus kurzfristige Rendite. Zudem müssen sie Verantwortung für Entscheidungen übernehmen, deren Folgen sie nicht vollständig kontrollieren können.

Logistik als Vorreiter im Umgang mit Ungewissheit

„Disruption ist nicht mehr die Ausnahme, sondern die Norm. Unternehmen brauchen Orientierung und Urteilsvermögen“, sagte Andreas Kaplan, Präsident der KLU, zur Eröffnung. „Logistik war schon immer gut darin, Zielkonflikte abzuwägen: Geschwindigkeit versus Nachhaltigkeit, Resilienz versus Effizienz, Automatisierung versus menschliches Urteil. Wenn jemand exzellent aufgestellt ist, in ungewissen Zeiten zu führen, dann sind es die Verantwortlichen in Logistik- und Supply-Chain-Management.“

Globale Lieferketten unter Druck

In seiner Keynote skizzierte John Manners-Bell, Gründer der Foundation for Future Supply Chains in London und CEO von Ti Insight, einen Paradigmenwechsel. „Globale Lieferketten haben Millionen aus der Armut befreit und Wirtschaftswachstum vorangetrieben. Doch das Modell ist unter Druck geraten. Lieferketten werden zunehmend als politisches Druckmittel eingesetzt“, so Manners-Bell. Der Welthandel habe sich in den letzten zehn Jahren durch Protektionismus, Handelskonflikte und geopolitische Spannungen grundlegend verändert. „Global integrierte Lieferketten galten früher als das beste Modell. Heute sind sie nur noch eine von vielen Optionen – neben Re-Industrialisierung, Near-Shoring oder Kreislaufwirtschaft.“ Die neuen Modelle seien resilienter, aber komplexer und kostspieliger.

Chinesische Exporte in die USA sanken 2025 laut Manners-Bell um 29,7 Prozent aufgrund von Zöllen, während Exporte aus Südostasien um 28,9 Prozent stiegen. „Das ist kein Rückgang des Welthandels, sondern eine Umverteilung – Unternehmen bauen ihre Lieferketten aktiv um“, so Manners-Bell.

Nike als Praxisbeispiel

Ein konkretes Beispiel lieferte Manners-Bell mit dem Sportartikelhersteller Nike. Zölle auf chinesische Exporte verursachten dem Unternehmen demnach rund eine Milliarde Dollar Mehrkosten. Der Anteil der Produktion in China sinke bei Nike seit Jahren deutlich, während die Produktion nach Vietnam, Indonesien und auf die Philippinen verlagert werde. „Nike hat eine auf fünf Jahre angelegte Supply-Chain-Transformation gestartet – und steht vor der Wahl: Preise erhöhen, Produktion in andere Teile Asiens, in die USA oder nach Mexiko im Sinne von Near-Sourcing verlagern oder die Margen senken“, so Manners-Bell. Mit Verweis auf die Welthandelsorganisation (WTO) warnte er: „Wenn Unternehmen nicht wissen, welche Zölle morgen gelten, investieren sie weniger. Das schadet dem Handel – und den Verbrauchern.“

Mit Blick auf den Iran-Konflikt betonte Manners-Bell die Komplexität: „Viele Folgen werden erst in zwei bis sechs Monaten spürbar – von reduzierten Ernten in Afrika durch fehlende Düngemittel bis zu Engpässen in der Chip-Industrie durch fehlende Helium-Exporte.“

Verantwortung für unsichtbare Strukturen

Niklas Wilmking, Geschäftsführer der Kühne-Stiftung und ehemaliger Logistikvorstand bei DB Schenker, fasste zusammen: „Es geht nicht mehr hauptsächlich darum, Waren effizient zu bewegen, sondern strategische Ziele unter Unsicherheit umzusetzen. Die besten Führungskräfte werden diejenigen sein, die Verantwortung für unsichtbare Strukturen und unbequeme Zielkonflikte übernehmen.“ Mit Blick auf künstliche Intelligenz sagte er: „Der Engpass ist künftig nicht mehr die Rechenleistung, sondern Führung im Sinne von Priorisierung und Verantwortlichkeit.“

Der Logistiktag der Kühne-Stiftung wird inhaltlich und organisatorisch von der KLU getragen und fand 2026 auf dem Campus Hamburg in Zusammenarbeit mit Help Logistics und dem Kuehne Climate Center statt. In spezialisierten Sessions diskutierten die mehr als 200 Teilnehmenden über künstliche Intelligenz in der Supply-Chain-Planung, CO₂-Entnahme-Technologien, humanitäre Logistik und die Rolle von Elektro-Lkw in Afrika. Ein zentrales Thema war, wie Unternehmen Resilienz und Nachhaltigkeit vereinbaren können – ohne die Kosten explodieren zu lassen.