Das Bonmot „Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus“ wird gerne geäußert, wenn es darum geht, den Kapitalismus als alternativloses Modell darzustellen. Doch wie entwickelte sich der Kapitalismus überhaupt und wo liegen seine Anfänge? Zwei zentrale Fragen, denen sich der deutsch-amerikanische Historiker Sven Beckert in seinem neuen Buch Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution auf beinahe 1.300 Seiten widmet. Mit dem Buch ist dem Laird Bell Professor of History an der Harvard University ein Opus magnum gelungen.
Damals und heute
Beckert setzt für sein Werk vor rund 1.000 Jahren an – also zu einer Zeit, als es noch viele Jahrhunderte dauern sollte, bis das Wort „Kapitalismus“ in seiner modernen Bedeutung am Ende des 19. Jahrhunderts zu zirkulieren begann. Zentral für die Entwicklung der Kapitalwirtschaft waren unterschiedliche Phasen im vergangenen Jahrtausend. Beckert beleuchtet beispielsweise den Abschnitt von 1450 bis 1650, also jenen „der großen Vernetzung“, in dem europäische Entdecker in die Welt fuhren und in weiterer Folge Land und Rohstoffe raubten und vor allem Millionen von Menschen versklavten.
Eine weitere prägende Epoche war jene der Industriellen Revolution, die der Historiker konzise und detailreich beschreibt, ehe er sich dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert widmet – einer Zeit, in der eine „Neuordnung der Arbeit“ stattfand, sozialdemokratische Parteien sowie Gewerkschaften auf der ganzen Welt gegründet wurden und ein neues Selbstverständnis der Arbeiter*innen Auftrieb bekam. Beckert springt äußerst geschickt in den unterschiedlichen Weltgegenden umher – ein gut gelungener Kniff, um die Abwechslung hochzuhalten.
Die Gegenwart verstehen
Das Buch überzeugt auf allen Ebenen: Es ist nicht nur brillant recherchiert – rund 200 Seiten kleingedruckte Endnoten belegen dies eindrucksvoll –, sondern zugleich für ein breites Publikum geschrieben. Somit eignet es sich gleichermaßen für wirtschaftshistorisch versierte Leser*innen wie für jene, die flüssig erzählte, packende Sachbücher schätzen. Je weiter man in der kapitalistischen Geschichte voranschreitet, desto deutlicher zeichnet sich ein faszinierendes – und häufig zutiefst schockierendes – Bild ab: Wie viel Leid Menschen im Namen des Geldes, des Profits und der Akkumulation auferlegt wurde.
