Die meisten Menschen benutzen heute bereits ganz selbstverständlich digitale Systeme mit integrierter KI, die permanent ihre persönlichen Daten erfassen und auswerten. Das Smartphone begleitet uns rund um die Uhr. Streamingdienste analysieren unsere Vorlieben. Navigationssysteme studieren unsere Gewohnheiten, und Online-Shops schlagen uns Produkte vor, die unseren Verhaltenspräferenzen entsprechen. Diesen Zugriff der KI auf ihre Daten akzeptieren die meisten Menschen, wenn sie hierfür – sozusagen als Gegenleistung – einen individuelleren Support erhalten.

Ebenso verhält es sich bei den KI-Systemen, die aufgrund der gespeicherten Daten zum Beispiel Verhaltensmuster von Menschen erkennen und daraus personalisierte Reflexions- und Lernangebote ableiten. Hieraus ergeben sich neue Möglichkeiten für die Personal- und Kompetenzentwicklung. Deutlich zeigt sich dieser Trend bereits im Gesundheits- und Fitnessbereich. In ihm lassen sich schon viele Menschen von Apps coachen – sei es, um abzunehmen oder sich gesund zu ernähren; oder um körperlich fit zu bleiben oder Stress abzubauen.

Coaching-Chatbots als erste Anlaufstelle bei Problemen

Das wird in naher Zukunft auch im beruflichen Kontext ganz und gäbe sein, denn eingebettet in Lernmanagement- oder HR-Systeme können KI-basierte Coachingtools den Mitarbeitenden personalisierte Reflexions- und Unterstützungsangebote unterbreiten. Sie können

  • Fragen stellen,
  • Denkanstöße und Lernimpulse geben,
  • Lernfortschritte sichtbar machen und
  • Entwicklungsoptionen aufzeigen.

Dadurch entstehen niedrigschwellige Zugänge zum Coaching und zur Selbstreflexion, so dass sich KI-gestützte Coaching-Chatbots vermutlich zur ersten Anlaufstelle entwickeln werden, wenn Mitarbeitende von Unternehmen beispielsweise

neue Aufgaben übernehmen,

vor größeren Herausforderungen stehen oder

in eine Konfliktsituation geraten.

Für ihre Arbeitgeber hätte dies mehrere Vorteile:

  • die Reflexion beginnt früher,
  • Entwicklungsbedarfe werden schneller sichtbar,
  • Probleme eskalieren seltener und
  • die Mitarbeitenden übernehmen mehr Eigenverantwortung.

Und das Coaching? Es entwickelt sich zu einem integralen Bestandteil organisationaler Lern- und Entwicklungsprozesse.

Daten ermöglichen neue Formen der Kompetenzentwicklung

Bereits heute verfügen die Unternehmen über zahlreiche Mitarbeiterdaten – Daten, über deren

  • Qualifikationen und Kompetenzen,
  • absolvierte Trainings und Weiterbildungen,
  • Tätigkeitsprofile und Projekterfahrungen,
  • Interessen und Lernpräferenzen,
  • genutzte IT-Programme und -Systeme,
  • Lern- und Entwicklungsziele.

Werden diese Daten miteinander verknüpft, können KI-Systeme daraus differenzierte Entwicklungsbilder der einzelnen Mitarbeitenden ableiten, die auch

  • deren Potenziale sichtbar machen und
  • ihnen Entwicklungsoptionen aufzeigen, die zu ihren Erfahrungen und Kompetenzen passen.

Dadurch lassen sich individuelle Entwicklungsprozesse stärker mit den strategischen Zielen der Unternehmen verzahnen. Zudem wird das Coaching anschlussfähig an deren Personalentwicklungsstrategien, da die Unternehmen dank der mit KI-Hilfe gewonnenen Informationen erkennen können:

  • Welche Entwicklungsbedarfe treten gehäuft auf?
  • Wo fehlen noch Lern-/Entwicklungsangebote?
  • Wo entstehen Überforderungen oder Unsicherheiten?

Dadurch entwickelt sich das Coaching zu einem integralen Bestandteil moderner Lern- und Entwicklungsarchitekturen.

Schwachstelle: KI ersetzt keine menschliche Beziehung

Dessen ungeachtet können KI-Systeme jedoch menschliche Beziehungen nur bedingt ersetzen, denn: Gerade in belastenden Situationen und bei existenziellen Fragen wünschen sich Menschen ein Gegenüber, das nicht nur – wie ein Chatbot – analysiert, sondern auch emotional präsent ist; ein Gegenüber, das wie ein erfahrener Coach zum Beispiel meist intuitiv spürt,

  • wann ein Konfrontieren hilfreich ist,
  • wann eher ein Sich-zurückhalten angesagt ist,
  • wann Unsicherheit ausgehalten werden muss,
  • wann ein Perspektivwechsel möglich wird.

Diese zwischenmenschlichen Prozesse lassen sich nicht – oder nur sehr bedingt – digitalisieren.

Dasselbe gilt für das Treffen wegweisender Entscheidungen. Denn auch hierbei geht es selten rein um ein rationales Abwägen; vielmehr spielen auch das Bauchgefühl, die persönliche Stimmigkeit und emotionale Sicherheit eine zentrale Rolle. Zudem möchten die Menschen das Gefühl haben, gesehen, verstanden und unterstützend begleitet zu werden.

Auch das persönliche Coaching verändert sich

Genau darin wird künftig der Mehrwert menschlicher Coaches liegen. Doch auch ihre Arbeit wird sich verändern. Künftig wird es selbstverständlich sein, dass Coachingprozesse durch KI-Systeme vorbereitet und begleitet werden. Die Coachees, also die zu coachenden Personen, werden häufiger mit vorstrukturierten Themen, Hypothesen und Reflexionsergebnissen in die Coachingsitzungen kommen. Deshalb kann die gemeinsame Arbeit schneller in die Tiefe gehen.

Zudem werden die KI-Tools die Coachees zwischen den Sitzungen dabei unterstützen,

  • ihre Gedanken weiterzuentwickeln,
  • Perspektiven zu prüfen,
  • sich Reflexionsfragen zu stellen,
  • ihre Lernfortschritte zu evaluieren und
  • Entscheidungsoptionen zu strukturieren.

Dadurch verändert sich die Rolle der Coaches. Sie werden sich künftig weniger über ihre Methodenkompetenz als über ihre Fähigkeit, Räume für persönliche Entwicklung zu öffnen, definieren, und zentrale Fähigkeiten von ihnen werden sein:

  • die Beziehungsgestaltung,
  • emotionale Präsenz zeigen,
  • das Wahrnehmen feiner Signale,
  • der Umgang mit Ambivalenz,
  • das Fördern innerer Klärung und
  • das resonanzfähig sein.

Dementsprechend werden sich auch die Coaching-Ausbildungen verändern: Weg von den klassischen Fragetechniken und standardisierten Methoden, die sich von KI-Systemen zunehmend gut abbilden lassen; hin zu den Fähigkeiten, die sich nicht digitalisieren und automatisieren lassen.

Coaching wird stärker in den Arbeitsalltag integriert

Verändern werden sich auch die Coaching-Zielgruppen. Lange Zeit war Coaching im betrieblichen Kontext weitgehend Führungskräften und ausgewählten Leistungsträgern vorbehalten – auch aus Kostengründen. Durch die KI-gestützten Coachingtools wird Coaching sich von einem exklusiven Angebot hin zu einem breit verfügbaren Unterstützungsinstrument entwickeln, das Mitarbeitende unter anderem nutzen

  • bei neuen Aufgaben und Rollenwechseln,
  • vor wichtigen Entscheidungen,
  • in Veränderungsprozessen,
  • in Konfliktsituationen und
  • zur persönlichen Weiterentwicklung.

Damit werden das Reflektieren, Lernen und Sich-entwickeln stärker in den Arbeitsalltag integriert.

Je stärker KI im Coaching eingesetzt wird, desto wichtiger werden jedoch auch Qualitätsstandards, denn KI-Systeme sind nie neutral. Hinter ihnen steht stets ein bestimmtes Coachingverständnis. Deshalb müssen die Unternehmen und Anwender wissen:

  • Wie wurde das System trainiert?
  • Welche Annahmen liegen ihm zugrunde?
  • Regt das System nur die Reflexion an oder gibt es auch konkrete Ratschläge?
  • Wie geht es mit Unsicherheit um?
  • Was passiert, wenn keine Lösung gefunden wird?

Besonders sensibel ist die Abgrenzung zwischen Coaching und Therapie. Menschliche Coaches müssen diese Grenzen kennen und erkennen. Dasselbe gilt für KI-gestützte Coachingtools. Deshalb werden künftig verbindliche Qualitätskriterien und eventuell auch spezielle Zertifizierungen für KI-basierte Coachingangebote notwendig sein.

Weiterbildner müssen neugierig sein und bleiben

Für Coaches oder allgemein Personen, die im HR-Bereich tätig sind, bedeuten diese Veränderungen vor allem: Sie müssen neugierig und lernbereit sein und bleiben. Und: Sie müssen sich mit den Entwicklungen im KI-Bereich und den aktuellen Forschungsergebnissen zur KI-Nutzung befassen. Denn die Erfahrung zeigt: Solche technologischen Entwicklungen lassen sich nicht aufhalten. Auch das Online-Coachen wurde vor einigen Jahren noch kritisch beäugt. Heute ist es selbstverständlich.

Ebenso wird sich der KI-Einsatz im Coaching- und Weiterbildungsbereich allgemein Schritt für Schritt etablieren. Personen, die im HR-Bereich tätig sind, dürfen sich dieser Entwicklung nicht entziehen. Sie sollten zudem die KI nicht als Konkurrenz oder Bedrohung, sondern als ein Tool verstehen, das ihre Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten erweitert. Gelingt dies, dann kann das Coaching in Zukunft sogar menschlicher als heute sein, denn: Wenn die KI viele strukturierende und analytische Aufgaben der Coaches übernimmt, entsteht mehr Raum für das, was Coaching im Kern ausmacht: echte Begegnung, Resonanz und persönliche Entwicklung.


Die Autorin

Sabine Prohaska am PC.
Sabine Prohaska. © die-profilberater.de

Sabine Prohaska ist Inhaberin des Beratungsunternehmens seminar consult prohaska, Wien, das Unternehmen beim Implementieren einer neuen Lernkultur in ihrer Organisation unterstützt sowie Online- und Blended-Learning-Trainer und Coaches ausbildet. Sie betreibt mit Harald Karrer die Weiterbildungs- und Erfahrungsaustauschplattform trainerklub.com für im Personalentwicklungsbereich tätige Personen. Diese wurde Ende 2025 vom Berufsverband für Training, Beratung und Coaching (BDVT) mit dem Europäischen Trainingspreis in Gold ausgezeichnet.