Neun Dollar pro Stunde verdient die Verkäuferin einer Dollar-Tree-Filiale in Tulsa, von der Clara E. Mattei erzählt. Arbeiten darf sie nur zwanzig Stunden pro Woche. Eine Wohnung kann sie sich davon nicht leisten. Die Begegnung verdichtet einen Widerspruch, dem die Autorin in ihrem Buch nachgeht: Menschen können für Unternehmen unentbehrlich sein und dennoch zu wenig verdienen, um ihre grundlegenden Bedürfnisse zu decken. Aus Matteis Perspektive verweist das auf die Funktionsweise einer Wirtschaftsordnung, die menschliche Bedürfnisse der Rentabilität unterordnet.
Armut mit Funktion
„Escape from Capitalism“ trägt den Untertitel „Eine Intervention“. Entsprechend entschieden fällt der Zugriff aus. Mattei betrachtet Armut und Arbeitslosigkeit als Voraussetzungen kapitalistischer Machtverhältnisse. Wer keine Rücklagen besitzt und jederzeit ersetzt werden kann, hat wenig Spielraum, schlechte Arbeitsbedingungen abzulehnen. Die Unsicherheit der einen stärkt die Verhandlungsposition der anderen.
Anschaulich wird diese Argumentation dort, wo die Autorin hinter alltägliche Produkte blickt. Italienische Dosentomaten führen zu migrantischen Erntearbeitern, das Smartphone zu den Lohnunterschieden globaler Produktionsketten. Die Beispiele zeigen, welche Arbeitsverhältnisse in günstigen Preisen und hohen Gewinnen verborgen bleiben. Dabei geraten auch die Unternehmen selbst unter Druck: Wer sich im Wettbewerb behaupten will, muss Kosten senken und Erträge steigern. Mattei beschreibt damit einen strukturellen Zwang, der über die Moral einzelner Unternehmer hinausreicht.
Besonders aufschlussreich ist ihr Blick auf das Verhältnis von Niedriglöhnen und staatlicher Unterstützung. Wenn Beschäftigte großer Konzerne auf Lebensmittelbeihilfen angewiesen sind, finanziert die Allgemeinheit einen Teil ihrer Existenzsicherung. Der vermeintliche Gegensatz zwischen Markt und Staat wird dadurch fragwürdig. Auch ein Geschäftsmodell, das private Gewinne erwirtschaftet, kann auf öffentliche Leistungen angewiesen sein.
Sparen als Machtfrage
Ähnlich verfährt Mattei mit der Haushaltsdisziplin. Kürzungen bei Sozialleistungen, Privatisierungen und der Abbau öffentlicher Beschäftigung erscheinen in politischen Debatten häufig als wirtschaftlich gebotene Maßnahmen. Die Autorin fragt nach ihren Verteilungswirkungen: Wer verliert Einkommen und Sicherheit, wer erhält neue Geschäftsmöglichkeiten, wessen Verhandlungsmacht wächst?
Ihre These lautet, dass Austerität weit mehr bewirkt als eine Veränderung staatlicher Einnahmen und Ausgaben. Werden öffentliche Sicherungssysteme geschwächt, steigt der Druck, die eigene Arbeitskraft auch zu ungünstigen Bedingungen anzubieten. Sparpolitik greift damit in das Kräfteverhältnis zwischen Beschäftigten und Kapitaleigentümern ein. Das ist der analytische Kern des Buches: Wirtschaftspolitik gestaltet gesellschaftliche Abhängigkeiten, auch wenn sie sich als bloße Verwaltung knapper Mittel präsentiert.
Ökonomie ohne Unschuld
Die Kritik richtet sich ebenso gegen die Wirtschaftswissenschaften. Mattei untersucht, wie Modelle politische Entscheidungen legitimieren und bestehende Eigentumsverhältnisse als selbstverständlich voraussetzen. Was als neutrale Expertise auftritt, enthält bereits Annahmen darüber, welche Ziele erstrebenswert sind und welche Interessen Vorrang haben.
Darin liegt eine Stärke der Streitschrift. Sie macht Begriffe wie Effizienz und Haushaltsdisziplin wieder erklärungsbedürftig. Zugleich liegt hier ihre Schwäche: Die Zuspitzung lässt wenig Raum für Unterschiede zwischen ökonomischen Denkschulen und den institutionellen Ausprägungen kapitalistischer Wirtschaft. Wo vieles derselben Herrschaftslogik folgt, drohen Widersprüche und politische Handlungsspielräume aus dem Blick zu geraten. Die Erklärungskraft des Ansatzes ist groß; als umfassende Erklärung verlangt er nach Differenzierung.
Veränderung beginnt mit Widerspruch
Dass sich Machtverhältnisse verschieben lassen, zeigt Mattei an Arbeitskämpfen, etwa in der amerikanischen Autoindustrie. Gemeinsam durchgesetzte Lohnerhöhungen und Schutzmaßnahmen stehen für die Möglichkeit, wirtschaftliche Bedingungen kollektiv zu verändern. Der Ausweg beginnt in diesen Beispielen mit Organisation und Gegenmacht.
Der Titel wirft allerdings eine weitergehende Frage auf: Bessere Bedingungen innerhalb des Kapitalismus ergeben noch keinen Entwurf für dessen Überwindung. Wie aus erfolgreichen Arbeitskämpfen eine andere Wirtschaftsordnung entsteht, ist damit noch nicht beantwortet. Als Intervention entfaltet das Buch dennoch seine Wirkung. Mattei schärft den Blick dafür, dass hinter wirtschaftlichen Sachzwängen politische Entscheidungen stehen – und dass deren Folgen danach beurteilt werden müssen, wem sie ein besseres Leben ermöglichen.

Clara E. Mattei
Escape from Capitalism. Eine Intervention. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer.
Rowohlt Polaris, 2026
ISBN: 978-3-499-02062-9
