Das Beratungsunternehmen Deloitte hat im Vorfeld des Weltfrauentags rund 600 Unternehmensvertreter*innen zur Situation der Geschlechtergleichstellung befragt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Thema in vielen Betrieben derzeit in den Hintergrund rückt. Zwar seien in den vergangenen Jahren Fortschritte erzielt worden, aktuell verliere Gleichstellung jedoch wieder an Bedeutung.
Verschobene Prioritäten
„Wirtschaftliche Unsicherheiten, geopolitische Spannungen und politische Umbrüche verschieben die Prioritäten in den österreichischen Unternehmen. Knapp ein Fünftel ist aktuell mit anderen Themen beschäftigt, ein Viertel verfolgt zudem weder Gleichstellungsziele noch eine Gesamtstrategie. Das ist besorgniserregend, denn der wirtschaftliche Mehrwert von Gleichstellung ist evident“, sagt Elisa Aichinger, Partnerin bei Deloitte in Wien. „Gerade in unsicheren Zeiten lohnt es sich für Unternehmen, jeden Wettbewerbsvorteil zu nutzen, um ihre langfristige wirtschaftliche Beständigkeit abzusichern.“
Konkrete Auswirkungen zeigen sich laut Studie bei den Aufstiegschancen. Derzeit gehen 45 Prozent der Befragten davon aus, dass Frauen und Männer unabhängig vom Beschäftigungsausmaß über gleiche Karrierechancen verfügen. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 50 Prozent. Ein Drittel der Befragten ist zudem der Ansicht, dass gleiche Chancen auf berufliches Weiterkommen für Frauen weiterhin an eine Vollzeitbeschäftigung geknüpft seien.
Strukturelle Hürden
„Viele Fortschritte der letzten Jahre in Sachen Gleichstellung kehren sich wieder um – das ist problematisch. Zudem gibt jede zweite Frau, 49 Prozent, an, mindestens einmal aufgrund ihres Geschlechts im Berufsleben Benachteiligung erlebt zu haben. Das zeigt, wie sich ein strukturelles Ungleichgewicht in der Praxis auswirkt“, so Elisa Aichinger. Es brauche Rahmenbedingungen, die unbewusste Vorurteile abbauen und berufliche Weiterentwicklung auch bei privaten Verpflichtungen in allen Lebensphasen ermöglichen.
Auch in den Führungsetagen bleibt der Frauenanteil laut Umfrage gering. Zwar sei im Jahresvergleich ein leichter Anstieg von Frauen in Führungspositionen zu verzeichnen, eine nachhaltige Entwicklung sei jedoch nicht erkennbar. 46 Prozent der Unternehmen planen demnach keine Erhöhung des Frauenanteils im Top-Management.
Als Gründe nennen die Befragten unter anderem eine Zurückhaltung von Frauen, Führungspositionen anzustreben, traditionelle Rollenbilder sowie fehlende Kinderbetreuungsangebote. „Die meisten Unternehmen sehen generell das Fehlen ausreichend qualifizierter Kandidatinnen als wesentliche Ursache. Wenn man bedenkt, dass seit Jahren mehr Frauen als Männer hierzulande Universitäten abschließen, ist das objektiv nicht nachvollziehbar“, sagt Elisabeth Hornberger, Diversity-Expertin bei Deloitte in Wien. Vielmehr zeigten sich strukturelle Barrieren, insbesondere in der Rekrutierung und Karriereentwicklung von Frauen. Karrieresprünge sollten im Jahr 2026 nicht mehr an den Rahmenbedingungen scheitern, sondern an Qualifikation und Potenzial ausgerichtet sein.