Fußball-Weltmeisterschaften sind regelmäßig Schauplatz unerwarteter Wendungen. Titelverteidiger scheiden früh aus, Favoriten scheitern am Druck und vermeintliche Außenseiter schaffen den Sprung in die Weltspitze. Beispiele reichen vom frühen Ausscheiden Frankreichs bei der Weltmeisterschaft 2002 über das Vorrunden-Aus Deutschlands 2018 bis hin zum Finaleinzug Kroatiens 2018 oder dem historischen Erfolg Marokkos bei der Weltmeisterschaft 2022.
Auch die Geschichte des österreichischen Fußballs zeigt, dass Erfolg selten geradlinig verläuft. Das sogenannte Wunderteam der 1930er Jahre oder der dritte Platz bei der Weltmeisterschaft 1954 gelten bis heute als Beispiele dafür, wie Teams über Erwartungen hinauswachsen können.
Außenseiter profitieren von geringeren Erwartungen
Nach Einschätzung von Hogan Assessments spielen dabei psychologische Faktoren eine zentrale Rolle. „Underdogs sind nicht trotz des Drucks erfolgreich, sondern weil sie ihn anders erleben“, sagt Ryne Sherman, Chief Science Officer bei Hogan Assessments und Co-Host des Podcasts „The Science of Personality“ in Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma. Geringere Erwartungen könnten dazu führen, dass Menschen eher bereit seien, Risiken einzugehen, ihren Instinkten zu vertrauen und klarer zu handeln. Diese Dynamik lasse sich laut Hogan Assessments nicht nur im Sport, sondern auch in Unternehmen beobachten.
Besonders in einer Arbeitswelt, die zunehmend von Künstlicher Intelligenz (KI) und automatisierten Auswahlprozessen geprägt sei, würden nicht immer die Kandidatinnen und Kandidaten mit dem perfekten Lebenslauf die besten Leistungen erbringen. Oft seien es Personen mit unkonventionellen Werdegängen, die neue Perspektiven und innovative Lösungsansätze einbringen. „Auswahlsysteme sind häufig so konzipiert, dass Risiken minimiert werden, aber die Leistung kommt oft von denjenigen, die bereit sind, solche einzugehen“, sagt Sherman.
Neue Wege in der Führung
Parallelen sieht Hogan Assessments auch bei Führungskräften. Der Erfolg Kroatiens bei der Weltmeisterschaft 2018 oder Argentiniens Titelgewinn unter Trainer Lionel Scaloni hätten gezeigt, dass Führung nicht immer klassischen Erwartungen folgen müsse.
Ähnliche Entwicklungen seien in Unternehmen zu beobachten. Erstmals eingesetzte Führungskräfte, Interimsmanagerinnen und Interimsmanager oder Personen mit unkonventionellen Karrierewegen würden zunehmend Verantwortung übernehmen und neue Führungsansätze etablieren.
„Bei Führungsstärke geht es nicht nur um Erfahrung oder Autorität, sondern auch um Anpassungsfähigkeit unter Druck“, sagt Sherman. Führungskräfte mit einer Außenseiterrolle würden häufig stärker zuhören, schneller auf Veränderungen reagieren und ihren Teams mehr Handlungsspielraum geben.
Leistung unter Druck
Besonders deutlich werde die Bedeutung der Mentalität in Situationen mit hohem Entscheidungsdruck. Im Fußball könne ein einzelner Fehler das Ausscheiden bedeuten. Im Berufsleben seien es etwa wichtige Präsentationen, Beförderungsentscheidungen oder Krisensituationen, die über den weiteren Karriereverlauf entscheiden.
„Wenn es um viel geht, ist Mentalität alles“, sagt Sherman. Menschen, die sich vor allem auf die Vermeidung von Fehlern konzentrierten, würden häufig defensiver agieren. Wer dagegen Chancen in den Vordergrund stelle, habe bessere Voraussetzungen für außergewöhnliche Leistungen.
Vor dem Hintergrund technologischer Veränderungen und steigender Anforderungen in Unternehmen gewinnt die sogenannte Underdog-Mentalität laut Hogan Assessments an Bedeutung. Die Fähigkeit, unter Druck ruhig zu bleiben, kalkulierte Risiken einzugehen und Chancen zu nutzen, könne sowohl im Sport als auch im Berufsleben einen entscheidenden Unterschied machen.