Wandel des Bewusstseins

Harald Koisser macht Mut
06.06.2021

Von: Harald Koisser

Der Mythos musste einst der Rationalität Platz machen. Jetzt muss die Rationalität dem integralen Bewusstsein weichen.

Mitte des 14. Jahrhunderts begann der Glaube an die Heilige Katholische Kirche zu bröckeln, auch wenn deren Macht gerade am Höhepunkt schien und durch die rund hundert Jahre zuvor von einem Papst namens Innozenz (Unschuld) ins Leben gerufene Inquisition gefestigt wurde. Die Bewusstseinsstruktur der Menschen war in einem Wandel, und dieser Wandel war eine Antwort auf die neuen Lebenssituationen.

Die völlige Preisgabe an den Mythos wurde der neuen Komplexität des Lebens nicht mehr gerecht. Die Städte waren größer geworden, der Handel internationaler, es brauchte weniger Gottesurteile und mehr Berechenbarkeit, um den Tagesablauf zu bewältigen. Um 1300 hatten Mönche die erste mechanische Uhr erfunden, noch mit dem Ziel, die Gebetszeiten exakter erfassen zu können. Doch die Uhr hatte eine teuflische Folge. Sie enthob die Menschen der Naturzeit, die durch den Tages- und Jahresrhythmus gegeben war. Anstatt „bei Sonnenaufgang“ konnte man nun präzisere Verabredungen treffen. Egal, was die Sonne gerade machte, war eine Verabredung um sieben Uhr am Morgen möglich, auch wenn die Uhren noch keinen Minutenzeiger hatten und nur die Stunden anzeigten. Damit bekamen die Menschen die Zeit, die vorher ganz in Gottes Hand war, unter ihre Herrschaft.

Doch wie den sich anbahnenden Wandel durchsetzen? Wie die nötige Abkehr vom blinden Glauben hin zu einer Rationalisierung großflächig verbreiten? Im Jahr 1347 kam die große Seuche. Und zwei Sommer mit Regen, Regen, Regen. Das Getreide faulte auf den Feldern, die Ernte war gering, der Tod allgegenwärtig. Die Hälfte der Bevölkerung Europas wurde hinweggerafft.

Diese dramatische und tragische Ausnahmesituation forcierte den Bruch in der Bewusstseinsstruktur. Wenn das Gottes Wille sein sollte, dann war er unverständlich. Dann musste es eine andere Möglichkeit geben, um das Leben zu meistern. Die Idee der Rationalität und Selbstmächtigkeit begann Raum zu greifen. Die Wiedergeburt des Menschen, die Renaissance, fand statt. Der Individualismus und die Anbetung des menschlichen Genies brachen an. Der Raum des Mythos zerbrach, der Raum der Ratio wurde eröffnet.

Anfang des 21. Jahrhunderts begann der Glaube an die pure Rationalität, die mit der Renaissance und dann mit der Aufklärung Raum gegriffen hatte, zu bröckeln, auch wenn die Macht des Geldes, die Idee des ewigen Wachstums und der Glaube an die Machbarkeit von allem unendlich schienen. Die Bewusstseinsstruktur der Menschen war in einem Wandel, und dieser Wandel war eine Antwort auf die neuen Lebenssituationen.

Die völlige Preisgabe an die Rationalität wurde der neuen Komplexität des Lebens nicht mehr gerecht. Der Mensch hatte die Natur unterworfen und lebenswichtige Ressourcen fast vollständig vernichtet, er hatte das Atom gespalten und das Klima verändert. Es brauchte weniger Rationalität und mehr Lebensechtheit. Die Menschheit gierte nach Sinn, Liebe und Miteinander.

Doch wie den sich anbahnenden Wandel durchsetzen? Wie die nötige Abkehr von der Rationalität hin zu einem integralen Bewusstsein großflächig durchsetzen? Im Jahr 2020 kam eine Seuche namens Corona, die die Rationalität an ihre Grenzen brachte. Sie entpuppte sich als Brandbeschleuniger der Transformation. Die Idee des All-eins-Seins begann Raum zu greifen. Die Wiedergeburt des Menschen (Renaissance 2.0) fand um ca. 2021 statt. Das Miteinander und eine Lebensweise der Liebe und Menschlichkeit brachen an. Der Philosoph Jean Gebser nannte es „das integrale Bewusstsein“. Der Raum der Ratio zerbrach, der Raum der Liebe wurde eröffnet. Übrigens haben wir einen ziemlich verregneten Frühling.