Die Geldaufsteller

Kredit
05.03.2014

Finanzierung: Kein Kredit wegen Basel III? Kein Problem. Immer mehr KMU stellen über Crowdfunding das Geld selbst auf.

Heini Staudinger (o.) und Reinhard Kepplinger (u.) haben den Banken den Rücken gekehrt. Als Financiers holten sie ihre Kunden an Bord.

Text: Daniel Nutz

Eigentlich war es für das oberösterreichische Unternehmen Grüne Erde nie ein Problem, eine klassische Kreditfinanzierung über die Hausbank aufzustellen. Gilt die Firma doch als Paradebeispiel eines soliden heimischen KMU. Mehr als 30 Jahre hat sich die kleine Matrazzenwerkstatt in Almtal zu einem Universalanbieter in Sachen gesundes und natürliches Wohnen und Schlafen gemausert. „Nachhaltigkeit hat mit Beständigkeit zu tun", steht in den Katalogen, in denen neben Möbel mittlerweile auch Kleidung und Naturkosmetik angeboten werden. In vielen Bereichen wie Einkaufsrichtlinien, Zertifizierungen, im Umgang mit Kunden, Lieferanten oder Mitarbeitern war man Vorreiter. Lange bevor das Thema Nachhaltigkeit oder Corporate Social Responsibility Einzug in den unternehmerischen Mainstream gefunden haben.

Kein Kredit von der Bank
Beständig war man aber auch stets in den eigenen Geschäftsgebarungen. Langsam zu wachsen lautete die Devise für das Projekt, das heute zu 400 Mitarbeitern, eigenen Produktionsstätten und 18 Shops in Österreich und Deutschland geführt hat. Heute ist man etabliert, ein mit Auszeichnungen überhäuftes Vorzeigeunternehmen, das bisher nie durch finanzielle Turbulenzen negativ aufgefallen wäre. Eigentlich ein guter Kunde für jedes Kredithaus, sollte man meinen. Als einst die Hausbank plötzlich einen Produktionskredit verweigerte, saß der Schock deshalb zunächst auch tief. Der Grund: fehlende Sicherheiten, da sich die Bank aufgrund der schärferen Eigenkapitalvorschriften genötigt sah, die Lagerbestände von Grüne Erde nicht mehr als Sicherheit anzuerkennen. „Als Mittelständler hast du somit auf einen Schlag schlechte Bonitätswerte", erklärt Geschäftsführer Reinhard Kepplinger. Eine Problematik, mit der seit Ausbruch der Finanzkrise hunderte KMU konfrontiert sind.

Der Firmengeschichte entsprechend, in der man schon von jeher abseits der Trampelpfade gegangen war, versuchte man auch diesmal aus der Notsituation eine gewinnbringende Lösung zu ziehen. Da man treue Kunden hat, die auch über gewisse finanzielle Reserven verfügen, entstand die Idee, diese als Investoren ins Boot zu holen. Grüne Erde verschickte also Briefe an die eingetragenen Stammkunden und machte ihnen ein Angebot: fünf Prozent Zinsen für das eingesetzte Kapital bei einer fünfjährigen Laufzeit. Ein klassisches Darlehen. Und kein schlechter Deal in einer Zeit, in der Sparbuchzinsen unter der Inflationsrate liegen, dachten sich viele. Auf Neudeutsch wird diese Form der Finanzierung, in der viele private Kunden in ein Unternehmen investieren, als „Crowdfunding" bezeichnet.

Lehren aus dem Fall Staudinger
Populär gemacht hat das Crowdfunding hierzulande zweifellos der Waldviertler Schuhproduzent Heini Staudinger. Dessen Idee, Darlehen von den Kunden seiner Firma GEA aufzunehmen, rief allerdings vor etwas mehr als einem Jahr die Finanzmarktaufsicht auf den Plan. Staudinger machte öffentlichkeitswirksam den Schuhrebellen, prozessierte ein Jahr lang und unterlag erst vor wenigen Wochen in letzter Instanz. Das Ergebnis des Rechtsstreits zusammengefasst: Im Sinne des Anlegerschutzes ist das Vorgehen der Firma GEA ohne eine Banklizenz rechtswidrig. Bei genauer Betrachtung ist die Niederlage Staudingers allerdings in einem anderen Licht zu sehen. Denn unter geänderten Bedingungen gab ihm das Gericht den Sanktus, mit seiner Form des Crowdfundings weiterzumachen. Dann nämlich, wenn seine Investoren eine „Nachrangerklärung" unterschreiben, durch die sie das unternehmerische Risiko mittragen und im Konkursfall durch die Finger schauen. Eine Erkenntnis, die sich auch Grüne Erde bei seinem Finanzierungsprojekt zunutze machte.

Finanzierung mittels Plattformen
Einen anderen Zugang zum Thema Crowdfunding haben die Finanzierungsplattformen 1000x1000, Conda und Green Rocket gefunden (siehe Kasten Seite 28). Bei diesen wird der Investor über einen Genussschein Teilhaber des Unternehmens, in das er investiert. Der Vorteil für die kapitalsuchenden Unternehmen bei dieser Form des Crowdfundings: Sie müssen sich nicht über den rechtlichen Rahmen wie das Bank­wesengesetz den Kopf zerbrechen. Die Abwicklung erfolgt ebenso über die Plattform wie auch die Suche nach potenziellen Kleininvestoren. Wobei die Masse die Melodie spielt: Der durchschnittliche Crowdin­vestor veranlagt 500 bis 2.000 Euro. Laut Angaben des Wirtschaftsministeriums wurden über solche Plattformen im vergangenen Jahr gerade einmal 1,2 Millionen Euro aufgestellt. Da bleibt noch recht viel Luft nach oben. Doch dieser Luftraum müsse erst einmal durch die Politik erschlossen werden, denn momentan sind die Möglichkeiten dieser Finanzierungsform durch die Prospektpflicht eingeschränkt.

Streit um die Prospektpflicht
Aufgrund von Berater- und Anwaltshonoraren kostet die Erstellung eines Prospekts nämlich schnell 100.000 Euro oder mehr. Zu viel für Projekte von KMU. Konkret hob das Parlament zwar die Summe, die Unternehmen von Privatpersonen ohne die Erstellung eines Prospekts einnehmen können, vergangenen Sommer von 100.000 auf 250.000 Euro an. Dies sei zwar ein kleiner Schritt, aber noch zu wenig, meint dazu Elisabeth Zehetner von der Wirtschaftskammer. „Eigentlich benötigen wir – abhängig von der Größe des Projekts – die Möglichkeit, bis zu fünf Millionen Euro über Crowdfunding zu finanzieren", fordert die Bundesgeschäftsführerin der jungen Wirtschaft. Tatsächlich nützen schon heute Länder wie Finnland, Dänemark, Luxemburg oder Italien den von der EU vorgegebenen Rahmen von fünf Millionen Euro für Crowdfunding aus. Wieso ist Österreich so zaghaft?

Das Hauptargument gegen eine weitere Anhebung kommt von Anleger- und Konsumentenschützern. Die Befürchtung: Beim laufenden Hype um Crowdfunding würden sich manche Anleger zu voreiligen Investments hinreißen lassen, ohne genau zu wissen, auf welche Risiken sie sich dabei einlassen. Genau um solche Risiken abzuwägen, brauche es eben den Prospekt, der hier Transparenz schaffe. Die Crowdfunding-Fürsprecherin Zehetner sieht es naturgemäß anders: „Ich verstehe nicht, wieso jemand bei Meinl European Land durch den Prospekt über das Risiko Bescheid wissen soll und beim Heizkraftwerk ums Eck nicht. Unser Ziel ist es, das Bankwesengesetz dahingehend zu ändern, dass Realinvestitionen in Maschinen oder Lagerhallen nicht als Bankgeschäft gelten."

Um den Unternehmern die hohen Kosten für einen Prospekt zu ersparen, schlägt Zehetner eine stufenweise Anhebung der Höchstsumme beim Crowdfunding bei gleichzeitig steigender Anlegerinformation vor. Konkret soll es bei Summen ab 500.000 Euro eine Basisinformationspflicht und zwischen 2,5 und fünf Millionen Euro eine umfassende Informationspflicht mit Gewinnprognosen und geprüftem Businessplan geben. Erst danach solle die Prospektpflicht greifen. Eine Forderung, die allerdings vorerst eher ein kühner Wunsch bleiben dürfte. Denn obwohl sich die Bundesregierung für die laufende Legislaturperiode vorgenommen hat, Crowdfunding attraktiver zu machen, dürfte nicht mehr als die Anhebung der Prospektpflichtgrenze auf 750.000 Euro drinnen sein.

Die Prospektpflicht umgangen
Während andernorts noch über rechtliche Konstellationen diskutiert wird, geht es Reinhard Kepplinger von der Grünen Erde ganz gut mit der momentanen Situation. Und diese Tatsache belegt die derzeit undurchsichtige Rechtslage. Denn durch die Konstruktion eines „qualifiziert nachrangigen Darlehens" – bei dem die Gläubiger keine Rückzahlung verlangen dürfen, wenn dadurch das Unternehmen in Konkurs ginge – kommt laut Finanzmarktaufsicht weder das Bankwesengesetz noch das Kapitalmarktgesetz zur Anwendung. Grüne Erde kann also ohne rechtliches Risiko über die Prospektpflichtgrenze hinaus Geld sammeln. Laut Kepplinger hat seine Firma, die er gemeinsam mit Kuno Haas führt, seit 2013 rund 4,5 Millionen Euro auf diesem Wege lukriert. Läuft es weiterhin so, wolle man sich künftig komplett abseits des Bankensektors finanzieren. „Die Finanzierungskosten sind im Vergleich zu vier Prozent beim klassischen Kredit zwar formal etwas höher. Dafür haben wir Finanziers, die schätzen, was wir machen, und ich muss nicht jedem neuen Bankrisikomanger die Welt der Grünen Erde erklären." Für die Investoren bleibt zu hoffen, dass es so weitergeht.