Die Führungskräfte in den Unternehmen sehen sich zurzeit mit vielen, teils neuen Anforderungen konfrontiert, denn der Druck zur Integration künstlicher Intelligenz und digitaler Innovationen in bestehende Arbeits- und Entscheidungsprozesse wächst. Parallel dazu erodieren die tradierten Organisations- und Führungsmodelle. Zugleich belasten makroökonomische und geopolitische Verwerfungen wie Kriege, Inflation, hohe Energiekosten und demografischer Wandel den Führungsalltag strukturell. Führung im Wandel ist in diesem Umfeld keine Ausnahmesituation mehr: Sie ist die Normalität.
Deshalb wird seit Jahren darüber debattiert, welche Anforderungen ein modernes, zeitgemäßes Leadership erfüllen muss. In rascher Folge werden dazu Studien, Umfragen und Expert:innenberichte* veröffentlicht. Diese verschärfen paradoxerweise das Problem, das sie zu lösen beanspruchen: Unter anderem aufgrund ihrer Vielfalt zeichnen sie ein eher verwirrendes, teils widersprüchliches Bild moderner Führung und schaffen keine konsolidierte Handlungsgrundlage.
52 Führungs- und Leadership-Studien analysiert
Deshalb beschloss das Ifidz, den Studienbericht „Führung neu denken: Zwischen Algorithmus, Empathie und radikalem Wandel“ zu erstellen. Dafür werteten die Autor*innen des Berichts 52 Studien zum Thema Führung und Leadership aus, die im Zeitraum von 2020 bis 2025 erschienen sind. Sie analysierten,
- welche Herausforderungen in ihrem Diskurs dominieren und
- welche Anforderungen sie hieraus für Führung ableiten.
Danach gewichteten sie die 30 Einzelanforderungen in den Bereichen Kompetenzen, Fähigkeiten und Haltungen entsprechend der Bedeutung, die ihnen die Studien beimessen. Anschließend ordneten sie diese sechs Anforderungsclustern zu. So entstand ein praxistaugliches Ranking der relevanten Anforderungen an Führungskräfte – ein Ranking, das Führungskräften als Kompass für die Selbstentwicklung und Unternehmen als Kompass bei der Führungskräfteentwicklung dienen kann.
Danach gewichteten sie die 30 Einzelanforderungen in den Bereichen Kompetenzen, Fähigkeiten und Haltungen entsprechend der Bedeutung, die ihnen die Studien beimessen. Anschließend ordneten sie diese sechs Anforderungsclustern zu. So entstand ein praxistaugliches Ranking der relevanten Anforderungen an Führungskräfte – ein Ranking, das Führungskräften als Kompass für die Selbstentwicklung und Unternehmen als Kompass bei der Führungskräfteentwicklung dienen kann.
Anforderungen an die Führungskraft von morgen
Ein Ergebnis der Studienanalyse war: Modernes Leadership bewegt sich heute stets im Spannungsfeld zwischen technologischer Beschleunigung und menschlicher Bindung sowie zwischen Stabilitätsanspruch und permanentem Wandlungsdruck. Dabei lassen sich sechs Anforderungscluster an Führungskräfte unterscheiden.
Cluster eins: Wandel gestalten. Agilität, Change-Management und Innovationsfähigkeit sind Kernkompetenzen der Gegenwart. Führungskräfte müssen Veränderung selbst verkörpern und aktiv Neues hervorbringen, nicht nur auf Wandel reagieren.
Cluster zwei: Nah am Menschen. Empathie, emotionale Intelligenz und Vertrauen gehören heute zu den zentralen Anforderungen moderner Führung. Gleichzeitig zählen sie zu den menschlichen Alleinstellungsmerkmalen gegenüber KI. Vertrauen wirkt dabei in drei Richtungen: zu sich selbst, zu Mitarbeitenden und ins Team.
Cluster drei: Technologie im Griff. Digital- und KI-Kompetenz sind Pflicht, keine Kür. Führungskräfte müssen keine IT-Expert*innen sein, aber Trends antizipieren und die Mensch-Maschine-Zusammenarbeit verantwortungsvoll gestalten.
Cluster vier: Die Zukunft im Blick. Visionäres und strategisches Denken sind für Führungskräfte elementar. Die Vision entwirft das Zukunftsbild, die Strategie übersetzt es in die Realität – auch bei unvollständiger Informationslage.
Cluster fünf: Zusammenarbeit schaffen. Networking, Teamführung und Kollaboration bilden die Grundlage wirksamer Kooperation. Führungskräfte überwinden aktiv funktionale Silos und koordinieren interdisziplinäre Teams.
Cluster sechs: Kommunikation. Kommunikationsfähigkeit ist eine Querschnittskompetenz, die alle anderen Anforderungscluster miteinander verbindet. Sie ist eine Voraussetzung dafür, viele andere Anforderungen zu erfüllen. Sie wirkt strategisch (Visionen vermitteln), emotional (Vertrauen aufbauen) und operativ (Feedback auf Augenhöhe).
Mache den Wandel zu deiner Stärke
Auf Grundlage der Erkenntnisse aus den analysierten Studien und der daraus abgeleiteten Anforderungscluster haben die Autor:innen des Studienberichts folgende Empfehlungen für Führungskräfte formuliert.
Moderne Führung heißt, zu erkennen, wann Veränderung notwendig ist, und den Mut aufzubringen, sie aktiv mitzugestalten. Die Kunst liegt in der Balance: Es gilt, dem Team Stabilität und Orientierung zu geben und zugleich offen für Veränderungen zu sein. Frage dich regelmäßig: Wo sehe ich Veränderungsbedarf? Und: Was brauche ich, um ihn anzugehen?
Mache Empathie zu deiner Führungshaltung
Emotionale Intelligenz und echtes Vertrauen sind keine angeborenen Charaktereigenschaften. Sie sind vor allem eine Haltung, die man bewusst einnimmt und weiterentwickelt. Schaffe Raum für Gespräche, die sich nicht um die Aufgaben, sondern um die Menschen drehen. Frage dich: Was bewegt mein Team gerade wirklich?
Mache die KI zu deinem Partner
KI wird immer mehr zu einem Partner, mit dem man zusammenarbeitet. Sie verändert, wie gearbeitet und entschieden wird. Wer KI aktiv nutzt, versteht ihre Möglichkeiten und Grenzen. Und wer sie versteht, kann das Wichtigste schützen:
- das menschliche Urteilsvermögen,
- die Haltung und
- die ethische Verantwortung.
Probiere deshalb KI-Tools aus – delegiere dies nicht, sondern erlebe sie selbst aktiv und bilde dir ein eigenes Urteil.
Mache die Zukunft greifbar
Viele Führungskräfte denken in Quartalen und Maßnahmen. Sie haben jedoch kein konkretes Bild davon, wie ihre Organisation, ihr Team oder ihr Markt in drei oder fünf Jahren aussehen soll. Dabei ist dies die Aufgabe visionärer Führung: nicht nur den nächsten Schritt zu planen, sondern die Zukunft vor Augen zu haben und diese so klar zu beschreiben, dass andere ihr folgen. Frage dich: Welches Bild der Zukunft trägt mich? Und: Kann ich es so erzählen, dass es mein Team bewegt?
Mache das Wir stärker als das Ich
Einzelleistungen und -entscheidungen reichen zunehmend nicht mehr aus, um komplexe Herausforderungen zu bewältigen. Je vernetzter die Welt, desto erfolgsrelevanter ist es, die richtigen Menschen zusammenzubringen, Silos zu überwinden und Räume zu schaffen, in denen echte Kooperation entsteht. Frage dich: Wo arbeiten in meinem Umfeld Menschen noch zu sehr nebeneinander statt miteinander?
Mache deinen blinden Fleck sichtbar
Führungskräfte schätzen ihre Wirksamkeit meist höher ein als ihre Teams. Dieser blinde Fleck kostet Wirkung. Wer sich regelmäßig ein ehrliches Feedback einholt, kann seine Wirksamkeit mit System erhöhen. Frage dich: Wann habe ich zuletzt aktiv danach gefragt, wie ich auf andere wirke?
Und das Topmanagement der Unternehmen? Dieses sollte nicht vergessen, dass seine Führungskräfte nie in einem luftleeren Raum agieren. Deshalb gilt es, die Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Führungskräfte die genannten Kompetenzen, Fähigkeiten und Haltungen entwickeln und die Anforderungen erfüllen können. Denn moderne Führung ist nicht nur eine individuelle Leistung; sie ist stets auch ein Ausdruck der Führungskultur im Unternehmen.
*Die ausgewerteten Publikationen werden fortan aus Gründen der Lesbarkeit schlicht „Studien“ genannt.
Die Autorin

Barbara Liebermeister leitet das Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ), Wiesbaden.Die Managementberaterin, Vortragsrednerin und Autorin des Buchs „Führen mit Alpha Intelligence: Startklar für die Arbeitswelt der Zukunft“ hat mit Patrick Merke den Studienbericht „Führung neu denken: Zwischen Algorithmus, Empathie und radikalem Wandel“ verfasst. Diesen können Interessierte auf der Ifidz-Webseite in der Unterrubrik „Studien“ der Rubrik „Forschung“ kostenlos anfordern.
