Unternehmen agieren heute in einem Umfeld permanenter und tiefgreifender Veränderung. Deshalb steigt in ihnen auch kontinuierlich der Change- und somit Lernbedarf – auf individueller und kollektiver Ebene. Die klassischen Instrumente der Personal-, Team- und Führungskräfteentwicklung stoßen in diesem Kontext zunehmend an ihre Grenzen – unter anderem, weil das Lernen sich von einem punktuellen Ereignis zu einem integralen Bestandteil der Alltagsarbeit entwickelt.

In diesem Prozess gewinnt auch das systemische Business-Coaching an Bedeutung, denn es schafft Räume für (Selbst-)Reflexion im Arbeitsalltag und unterstützt die Mitarbeitenden und Teams dabei, ihre Funktion in der Organisation besser zu verstehen, neue Perspektiven zu entwickeln und Handlungsspielräume gezielt zu nutzen.

Funktionswandel des Business-Coachings

Anders als beim klassischen Coaching geht es beim systemischen Business-Coaching nicht primär darum, Defizite wie Leistungsschwächen zu beheben, sondern um die Begleitung von Entwicklungsprozessen. Ein systemischer Business-Coach betrachtet die Mitarbeitenden dementsprechend auch nicht als Problemträger, sondern als kompetente Akteur*innen mit vielfältigen Ressourcen. Sein Ziel ist es, diese zu befähigen, ihre berufliche und persönliche Entwicklung eigeninitiativ zu gestalten und den notwendigen Wandel im Unternehmen aktiv mitzugestalten. Das systemische Business-Coaching bietet hierfür einen geschützten Rahmen, in dem Unsicherheiten thematisiert und neue Lösungswege erprobt werden können.

Der Coach als Entwicklungsbegleiter

Die Funktion des Business-Coaches übernehmen in den Unternehmen häufig externe Expert*innen. Im Betriebsalltag nehmen diese Rolle jedoch zumeist die Führungskräfte und zunehmend auch Projektleitende, interne Weiterbildner*innen und Consultants wahr – insbesondere im Rahmen von Changeprozessen. Dies setzt bei ihnen neben einer gewissen persönlichen Reife und klaren Haltung auch zahlreiche kommunikative, prozessuale und methodische Kompetenzen voraus.

Persönliche Eigenschaften professioneller Coaches

Systemische Business-Coaches arbeiten stets in dynamischen sozialen Systemen mit teils divergierenden Interessen. Um hier wirksam zu sein, benötigen sie:

  • Authentizität und Glaubwürdigkeit, um tragfähige Beziehungen aufzubauen,
  • Wertschätzung und Respekt gegenüber unterschiedlichen Sichtweisen,
  • Ambiguitätstoleranz im Umgang mit Unsicherheit und Widersprüchen,
  • Neugier und Lernbereitschaft zur eigenen Weiterentwicklung,
  • Verantwortungsbewusstsein, insbesondere im Umgang mit Macht und Vertraulichkeit.

Selbstreflexion und emotionale Stabilität bilden dabei die Grundlage eines professionellen Handelns.

Erforderliche Haltung und Kompetenzen

Systemische Business-Coaches verstehen das menschliche Verhalten stets im Kontext von Beziehungen, Strukturen und Rahmenbedingungen. Ihr Handeln zielt primär darauf ab, die Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten der Coachees zu erweitern. Dementsprechend ist ihre Haltung geprägt von Allparteilichkeit, Lösungs- und Ressourcenorientierung sowie der Überzeugung, dass die Coachees Expert*innen für ihr eigenes Arbeiten und Leben sind.

Kommunikative Kompetenzen

Um diese Haltung wirksam umzusetzen, benötigen Business-Coaches ausgeprägte kommunikative Kompetenzen. Dazu zählen:

  • Aktives Zuhören, um sowohl das Gesagte als auch die Zwischentöne wahrzunehmen,
  • Anliegen klären und erkunden, um unter anderem die realen Themen hinter den vordergründigen zu erkennen,
  • systemisches Fragen, beispielsweise mittels zirkulärer, hypothetischer oder ressourcenorientierter Fragen,
  • Feedback geben, das wertschätzend und entwicklungsorientiert ist.

Prozess- und Gestaltungskompetenzen

Zudem brauchen Business-Coaches ausgeprägte Prozesskompetenzen. Sie müssen in der Lage sein,

  • Coachingprozesse zielgerichtet zu planen,
  • passende Beratungs- und Coaching-Settings zu gestalten,
  • Dynamiken im Coachingprozess wahrzunehmen und zu reflektieren,
  • den Prozess flexibel zu steuern und situativ zu intervenieren.

Dabei bringen sie sich stets auch mit ihrer eigenen Haltung ein, jedoch ohne den Prozess zu dominieren.

Methodenkompetenz

Ein professionelles Business-Coaching erfordert zudem eine breite Methodenkompetenz. Business-Coaches sollten die unterschiedlichen Coachingmethoden kennen und situationsgerecht einsetzen können, etwa zur

  • Auftrags- und Zielklärung,
  • Analyse von Rollen, Beziehungen und Systemen,
  • Identifikation der zentralen Herausforderungen,
  • Förderung von Perspektivwechseln und Entscheidungsfindung.

Ausbildung zum systemischen Business-Coach

Die Entwicklung der erforderlichen Haltung sowie Kompetenzen und der gewünschten Handlungssicherheit erfordert Zeit. Eine Ausbildung zum systemischen Business-Coach sollte deshalb modular aufgebaut sein und sich über mindestens sechs Monate erstrecken.

Zentrale Ausbildungsbausteine sollten sein:

  • mehrtägige Präsenz-Workshops, in denen das erforderliche theoretische Know-how vermittelt sowie systemische Coachingkonzepte und -methoden vorgestellt und erprobt werden,
  • zwischenzeitliche Online-Coaching-Werkstätten, die der Vertiefung des Gelernten sowie der Reflexion und Supervision des Lernprozesses dienen,
  • regelmäßige Meetings in festen Kleingruppen, in denen unter Anleitung die Coaching-Tools angewendet werden und hierzu Feedback gegeben wird.

Ein wesentlicher Bestandteil sind zudem eigene Coachingprojekte, die im Rahmen der Ausbildung geplant, durchgeführt und reflektiert werden. So entsteht allmählich die nötige Sicherheit, um auch herausfordernde Coaching-Situationen zu meistern.

Investition in die Zukunftsfähigkeit der Organisation

Systemisches Business-Coaching ist angesichts der steigenden Dynamik und Komplexität im Umfeld der Unternehmen und in ihnen selbst kein Luxus, sondern eine strategische Investition. Es trägt dazu bei, eine zukunftsfähige Lern- und Führungskultur sowie eine Kultur der Zusammenarbeit in der Organisation zu etablieren. Zudem unterstützt es die Mitarbeitenden und Teams in ihrer Entwicklung. Dadurch leistet es einen wesentlichen Beitrag zum Bewahren sowie zum Auf- und Ausbau der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der Organisation.


Der Autor

Stefan Bald, ist Senior-Berater bei Kraus & Partner, Bruchsal. Er ist Organisator und Moderator der modular aufgebauten Ausbildung „Systemisches Business-Coaching“, die Kraus & Partner ab Juni 2026 erstmals im offenen Format für Interessierte anbietet. Nähere Informationen hierzu finden sich auf der Webseite in der Rubrik Academy. © Kraus & Partner