Sie sitzen im Zentrum der Macht. Sie beraten Regierungen, lenken Unternehmen, bestimmen die Höhe unserer Löhne – und neuerdings sogar unser Match auf der Dating-App. Die Rede ist von den Ökonom*innen, jenen stillen Propheten der Gegenwart, denen wir unser Vertrauen schenken, als hätten sie den Stein der Weisen gepachtet.
Daniel Stähr, freier Essayist und Autor mit wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund, ist alles andere als glücklich über diese Entwicklung. In seinem Buch „Die neuen Propheten: Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen“ rechnet er mit der Übermacht seiner eigenen Disziplin ab. Es ist eine Abrechnung, die aus den eigenen Reihen kommt – und das macht sie glaubhaft.
Blind für Machtstrukturen
Sein vernichtendes Resümee: „Die Wirtschaftswissenschaften sind blind für Machtstrukturen, und wie der moderne Finanzkapitalismus diese beeinflusst und weiter zementiert.“ Was wie eine akademische Randnotiz klingt, hat handfeste Konsequenzen. Denn eine Wissenschaft, die kein Konzept von Moral oder Gerechtigkeit kennt, deren Modelle Menschenleben in statistische Risikofaktoren verwandeln – diese Wissenschaft ist nicht neutral. Sie ist ein Machtinstrument. Ob in der Klimakrise oder der Pandemie: Weltweit legen wir unser Vertrauen in eine faktenfreie Wissenschaft – und das, so Stähr, kostet Menschenleben.
Dennoch: Das Buch ist keine Absage an die Wirtschaftswissenschaften. Es ist eine Intervention, ein Weckruf. Stähr zeigt, dass es auch ganz anders sein könnte. Wer verstehen will, warum Ökonom*innen so viel Macht über unser aller Leben haben – und warum wir sie ihnen nicht länger kampflos überlassen sollten, der kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Daniel Stähr
Die neuen Propheten: Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen
S. Fischer 2026