Herr Machwürth, wie gesundheitsbewusst sind Führungskräfte im deutschsprachigen Raum heute?
Hans-Peter Machwürth: Deutlich gesundheitsbewusster als früher.
Woran machen Sie das fest?
Wenn ich an unsere ersten Gesundheitsmanagement-Seminare vor etwa 30 Jahren denke, muss ich feststellen: Führungskräfte ticken heute ganz anders.
Inwiefern?
In den 80er- und 90er-Jahren waren viele Führungskräfte noch passionierte Raucher und sprachen auch dem Alkohol – aus heutiger Sicht – übermäßig zu. Sport trieben sie eher sporadisch, etwa beim Skifahren, Tennis oder Golf. Das hat sich fundamental geändert. Heute betreiben die meisten Führungskräfte regelmäßig Ausdauersportarten wie Joggen, Walken oder Rennradfahren. Sie ernähren sich zudem gesünder. Und wenn sie rauchen, dann meist nur gelegentlich. Ähnliches gilt für ihren Alkoholkonsum.
Müsste aufgrund dieses gestiegenen Gesundheitsbewusstseins die Nachfrage nach Leistungen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement nicht eigentlich sinken?
Im Gegenteil, denn wir sind präventiv und nicht kurativ tätig. Dass Führungskräfte gesundheitsbewusster sind, bedeutet auch, dass sie sich stärker für Gesundheitsthemen interessieren – zum Beispiel dafür, wie sie ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit langfristig erhalten können. Entsprechend interessieren sie sich stärker für Präventionsangebote. Hinzu kommt: Die Belastungen der Führungskräfte sind meinem Eindruck nach sogar gestiegen, auch wenn es heute zum Teil andere Belastungen als früher sind. Das zeigt sich unter anderem am Anstieg chronischer und psychischer Erkrankungen in den zurückliegenden Jahren.
Was ist aus Ihrer Sicht eine zentrale Ursache für diese hohe gesundheitliche Belastung?
Ein wesentlicher Faktor ist Stress. Er spielt heute bei der Gesundheitsvorsorge eine deutlich größere Rolle als früher.
Warum ist die Stressbelastung gestiegen?
Die Ursachen sind vielfältig. Ein oft unterschätzter Faktor ist, dass die sozialen Einheiten in unserer Gesellschaft immer kleiner und fragiler werden.
Sie meinen, dass Menschen häufiger in Kleinfamilien oder als Singles leben?
Ja. Dadurch fehlen ihnen im Bedarfsfall oft soziale Stützsysteme – etwa wenn ein Kind, der Lebenspartner oder ein Elternteil erkrankt. Belastung kann dann schneller in Überlastung umschlagen. Hinzu kommt eine immer komplexere und stärker vernetzte Arbeitswelt. Der rasche Wandel erschwert die langfristige Planung – beruflich wie privat.
Denken Sie dabei beispielsweise an globale Konflikte, den Klimawandel oder Künstliche Intelligenz als Treiber des Wandels?
Unter anderem. Insbesondere Menschen in Unternehmen, bei denen viele Fäden zusammenlaufen, stehen heute unter permanentem Druck. Damit steigt die Gefahr, dass Belastung in Überlastung umschlägt und sie mittel- bis langfristig erkranken.
Führungskräfte sind häufig gerade deshalb in ihren Positionen, weil sie ihre Stressresistenz und Widerstandsfähigkeit bereits unter Beweis gestellt haben. Schützt sie das nicht vor Überlastung?
Nein, nicht dauerhaft. Auch für sie gilt: Wenn auf Phasen der Anspannung keine Phasen der Entspannung folgen, stoßen sie irgendwann an ihre Belastungsgrenzen – der eine früher, der andere später. Oder sie entwickeln ungewollt und unbewusst einen eher ungesunden Lebensstil.
Wie äußert sich das?
Zum Beispiel darin, dass Betroffene häufiger zu Alkohol oder Aufputschmitteln greifen, das Joggen ausfallen lassen oder sich ungesünder ernähren. Gerade in Phasen hoher Anspannung geraten Gesundheit und Regeneration leicht in den Hintergrund.
Ist den Betroffenen und ihren Arbeitgebern bewusst, dass hier Handlungsbedarf besteht?
Zumeist ja. Das zeigt unter anderem die gestiegene Nachfrage nach Angeboten im Betrieblichen Gesundheitsmanagement – nicht nur bei uns, sondern beispielsweise auch bei Check-up-Anbietern.
Hat das gestiegene Gesundheitsbewusstsein auch Ihre Angebote verändert?
Ja. Da Führungskräfte und andere Leistungsträger heute gesundheitsbewusster sind, müssen wir in Trainings und Coachings weniger Überzeugungsarbeit leisten. Die zentrale Frage lautet heute vielmehr: „Was muss ich tun, damit ich langfristig gesund und leistungsfähig bleibe?“ Zudem spielen Stressmanagement und Regeneration sowie Resilienz heute eine viel größere Rolle als früher.
Wird die Bedeutung von Resilienz Ihrer Einschätzung nach weiter steigen?
Davon gehe ich aus. Das gilt ebenso für das Thema Work-Life-Balance.
Warum?
Ich vermute, dass der Lebens- und Arbeitsalltag von Führungskräften in Unternehmen künftig nicht weniger herausfordernd sein wird als heute. Deshalb werden Work-Life-Balance und Resilienz – also der Auf- und Ausbau der erforderlichen Widerstandskraft – weiter an Bedeutung gewinnen. Das wird sich auch in unseren Seminaren, Trainings und Coachings widerspiegeln. Denn letztlich geht es den Teilnehmenden nicht nur darum, ihre Gesundheit zu erhalten, sondern auch ihre Freude am Leben und an ihrer Arbeit zu bewahren. Beides ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dauerhaft leistungsfähig und leistungsbereit zu bleiben.
Vielen Dank, Herr Machwürth, für das Gespräch.
Zum Interviewten: Hans-Peter Machwürth ist Geschäftsführer des international agierenden Trainings- und Beratungsunternehmens Machwürth Team International (MTI Consultancy) in Visselhövede. Das Unternehmen unterstützt Firmen unter anderem im Bereich Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM).
Zum Autor: Willy Laux, Köln, beschäftigt sich als Autor und freier Journalist schwerpunktmäßig mit den Themen Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und gesellschaftlicher Wandel. Mit seinen multimedialen Beiträgen begleitet er die aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation.
