Ein Sternekoch gibt sein Rezept an den Nachfolger weiter: Mengen, Temperaturen, Handgriffe, alles präzise dokumentiert. Doch das Gericht schmeckt beim anderen Koch anders, obwohl dieser jeden Handgriff laut Rezept gleich gemacht hat. Das Rezept ist explizites Wissen, es kann dokumentiert und weitergegeben werden. Doch was das Rezept nicht enthält, sind die Erkenntnisse aus 20 Jahren Erfahrung des Kochs. Der endgültige Geschmack entsteht aus seinem impliziten Wissen, aus dem Gewusst-wie, das sich über viele Jahre gebildet hat und das er täglich nutzt, aber nicht vollständig aufschreiben kann: wo er nachwürzt, wie lange er das Gericht tatsächlich kochen lässt oder worauf er beim Einkauf der Zutaten besonders achtet.

Das Wissen, das nicht aufgeschrieben steht

Der Philosoph Michael Polanyi hat 1966 einen Satz geprägt, der heute im Zeitalter der KI an Bedeutung gewinnt: „Wir wissen mehr, als wir sagen können.“ Organisationen dokumentieren ebenfalls ihre Prozesse, installieren Systeme und erfassen Kennzahlen. Und doch arbeitet keine Organisation wie die andere. Ein großer Teil ihres Erfolges steckt in Wissen, das nie dokumentiert wird: in ungeschriebenen Regeln, Erfahrungen, gewachsener Urteilskraft oder in der Art, wie Entscheidungen tatsächlich getroffen werden. Vieles davon findet sich weder in Prozessbeschreibungen noch in Datenbanken und steht damit auch KI-Systemen nicht ohne Weiteres zur Verfügung.

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Genau dieses Wissen gewinnt im Zeitalter der KI an wirtschaftlicher Bedeutung. Ein Beitrag in der California Management Review bezeichnete implizites Wissen 2026 als den nächsten „competitive moat“, also einen schwer überwindbaren Wettbewerbsvorteil von Unternehmen. Je breiter Daten, Modelle und technologische Möglichkeiten verfügbar werden, desto stärker verlagert sich der Unterschied auf das spezifische Wissen einer Organisation und die Urteilskraft ihrer Menschen.

Was bleibt, wenn alle dasselbe Rezept haben?

Konnten sich Unternehmen früher durch moderne Technologien differenzieren, steht künstliche Intelligenz heute gleichermaßen allen zur Verfügung. Unternehmen greifen auf dieselben oder vergleichbare Modelle zurück, automatisieren Prozesse nach ähnlichen Mustern und füttern KI mit ähnlichen Informationen. Was heute noch einen Vorsprung verspricht, kann morgen Branchenstandard sein. KI allein wird damit immer weniger zum Differenzierungsmerkmal.

Daraus entsteht für Unternehmen eine wirtschaftliche Frage: Was unterscheidet uns, wenn Wettbewerber auf dieselben technologischen Möglichkeiten zugreifen können? Was passiert mit den Preisen, wenn alle ihre Fixkosten auf dieselbe Art reduzieren und effizienter werden? Wer seine Strategie vor allem auf verfügbare Technologie baut, riskiert, am Markt zunehmend austauschbar zu werden. Der Preis- und Margendruck steigt dort, wo Kunden keinen relevanten Unterschied mehr erkennen.

Die Antwort liegt in der Organisation, in etwas, das über ihre Geschichte entstanden ist, aber bisher zu wenig beachtet wurde. Implizites Wissen findet sich überall in der Organisation und im Kontakt mit Kunden: in der Zusammenarbeit, in Entscheidungen, im Kundenkontakt, in der Lösung schwieriger Situationen und in den kleinen Anpassungen, durch die Prozesse im Alltag funktionieren.

Besondere Bedeutung gewinnt es, wenn KI in Prozesse eingreift. Ein dokumentierter Ablauf bildet ab, wie ein Prozess vorgesehen ist. Mitarbeitende wissen zusätzlich, wann sie davon abweichen müssen, welche Ausnahme relevant ist oder bei welchem Kunden eine andere Reaktion erforderlich ist. Fehlt dieser Kontext, kann ein KI-System den Prozess korrekt abbilden und dennoch an der Realität der Organisation vorbeiarbeiten.

Implizites Wissen liefert diesen fehlenden Kontext und zeigt, was eine KI wissen muss, um Entscheidungen und Prozesse angemessen zu unterstützen. Sie wird dadurch nicht im allgemeinen Sinn intelligenter, sondern stärker auf die spezifische Realität eines Unternehmens ausgerichtet.

Ungeschriebenes Wissen zugänglich machen

Hier liegt eine zentrale Managementaufgabe im Zeitalter der KI: implizites Wissen systematisch zu erschließen. Das ist anspruchsvoll, weil Menschen vieles von dem, was ihr Handeln leitet, selbst nur schwer benennen können. Klassische Instrumente stoßen dabei an Grenzen.

Implizites Wissen wird über Unterscheidungen zugänglich: Menschen vergleichen konkrete Situationen und benennen deren Unterschiede. Die relevanten Kategorien entstehen aus ihrer eigenen Wahrnehmung und werden nicht durch Fragen vorgegeben. Werden die handlungsleitenden Muster sichtbar und verdichtet, zeigt sich, was sich hinter Kennzahlen und dokumentierten Prozessen tatsächlich verbirgt.

Der Unterschied liegt bereits in der Organisation

Das verdichtete implizite Wissen zeigt auch, wodurch sich ein Unternehmen tatsächlich von seinen Wettbewerbern unterscheidet. Ein Maschinenbauunternehmen wirbt beispielsweise mit „Qualität und Präzision“, Begriffen, die auf nahezu jeder Website der Branche stehen. Die Erschließung des impliziten Wissens zeigt eine spezifischere Stärke: Die Fachleute erkennen aufgrund jahrelanger Erfahrung intuitiv, wann und warum eine geplante Konstruktion beim Kunden Probleme verursachen wird, und greifen ein, bevor hohe Kosten entstehen.

Was für die Mitarbeitenden selbstverständlich ist, wird häufig nicht als besondere Leistung wahrgenommen. Wird implizites Wissen sichtbar, wird aus einer austauschbaren Floskel ein konkretes Differenzierungsmerkmal: „Wir lösen Produktionsprobleme, bevor sie entstehen.“

Sie können es ignorieren. Es wirkt trotzdem.

Wird implizites Wissen im Zeitalter der KI ignoriert, bleibt ein wesentlicher Teil dessen ungenutzt, was Menschen aufgrund ihrer Erfahrung wissen und täglich in ihre Arbeit einbringen. Die Konsequenzen zeigen sich auf verschiedenen Ebenen: Die Führung steuert mit unvollständigen Entscheidungsgrundlagen und übersieht Zusammenhänge, die Kennzahlen und dokumentierte Prozesse nicht abbilden. KI-Systemen fehlt der Kontext, der im impliziten Wissen der Menschen liegt. Und wenn Mitarbeitende das Unternehmen verlassen, fließt Wissen ab, das über Jahre entstanden ist und wesentlich dazu beiträgt, dass die Organisation im Alltag funktioniert.

Damit schließt sich der Kreis zum Sternekoch. Der unverwechselbare Geschmack entsteht aus dem Wissen, das über Jahre gewachsen ist, Entscheidungen prägt und sich nicht einfach kopieren lässt. Holen Sie es hervor, bevor KI aus Ihrem Unternehmen eines von vielen macht.

Die Autorin

Gabriela Pesch ist systemische Organisationsentwicklerin und psychologische Marktforscherin. Gemeinsam mit einem Wissenschaftlerteam entwickelte sie Methoden, um implizites Wissen zugänglich und für Unternehmen nutzbar zu machen. Mit impliZ arbeitet sie an der Schnittstelle von Organisationsentwicklung, Unternehmenssteuerung und Künstlicher Intelligenz.