Die anstehende Welle an Betriebsübergaben stellt viele Unternehmer*innen vor komplexe Entscheidungen, oft unter Zeitdruck und mit weitreichenden persönlichen wie wirtschaftlichen Konsequenzen. Zwischen familiären Erwartungen, finanziellen Fragen und strategischen Überlegungen zeigt sich, dass Nachfolge weit mehr ist als ein formaler Übergabeakt. Vielmehr handelt es sich um einen vielschichtigen Prozess, der frühzeitige Planung, klare Entscheidungen und realistische Einschätzungen erfordert.
Die Wirtschaft: Frau Worek, bis 2029 stehen in Österreich rund 52.000 Unternehmensnachfolgen an. Wie groß ist die wirtschaftliche Tragweite dieses Themas für den KMU-Sektor?
Maija Worek: Da 99,7 Prozent der österreichischen Unternehmen KMU sind, hat das Thema eine erhebliche Bedeutung für den KMU-Sektor. Diese rund 51.500 Unternehmen, die bis 2029 eine Nachfolge suchen, sind KMU mit mindestens einem unselbstständig Beschäftigten.
Viele Unternehmer*innen schieben das Thema Nachfolge lange vor sich her. Warum ist das so?
Hier gibt es unterschiedliche Gründe, je nachdem, ob es sich um einen Familienbetrieb handelt. Manche hoffen und warten sehr lange, dass jemand aus der Familie übernehmen wird. Eine externe Übergabe wird oft als zu aufwendig empfunden oder es besteht Unsicherheit, ob sich diese wirtschaftlich überhaupt lohnt. Zudem muss man bei der Übergabe Entscheidungen über die finanzielle Gestaltung treffen und einen Plan erstellen, um das Unternehmen übergabefit zu machen, unabhängig davon, ob es sich um eine interne oder externe Übergabe handelt. Das kann auch unangenehme Entscheidungen bedeuten, weshalb manche zögern. Bei innerfamiliären Übergaben kommt hinzu, dass Übergebende teilweise nicht bereit sind, loszulassen.
Welche Risiken entstehen durch langes Zuwarten?
Die finanzielle Lage des Unternehmens kann sich so verschlechtern, dass eine Übergabe nicht mehr sinnvoll möglich ist oder große Investitionen notwendig werden. In weiterer Folge kann das Unternehmen nicht mehr verkaufbar sein, wodurch auch die Altersvorsorge gefährdet sein kann. Gleichzeitig verschlechtert sich mit zunehmendem Alter oft auch die gesundheitliche Situation der Unternehmerinnen und Unternehmer.
Welche Wege der Betriebsübergabe stehen KMU konkret offen und worauf sollten Unternehmer*innen bei der Vorbereitung besonders achten?
Es gibt die familieninterne und die externe Übergabe. Bei der familieninternen Übergabe ist es wichtig, konkret zu planen, festzulegen, wer welche Aufgaben bis wann übernimmt, und diese Vereinbarungen gemeinsam zu verschriftlichen. Dabei sollte nicht nur die Leitung, sondern auch die Aufteilung der Anteile geklärt werden. Eine professionelle Begleitung ist empfehlenswert.
Bei der externen Übergabe gibt es mehrere Möglichkeiten. Der Unternehmensverkauf an externe Personen ist die häufigste Variante. Hier sind eine frühzeitige Planung, professionelle Begleitung und insbesondere die Unternehmensbewertung zentral. Die Suche nach einer geeigneten Nachfolge sowie eine realistische Bewertung sind entscheidend. Zudem gibt es die Möglichkeit eines Management-Buy-outs durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bei dem eine realistische Preisgestaltung besonders wichtig ist. Auch eine Übergabe an Freunde oder Bekannte, etwa in Form einer Verpachtung, ist möglich, ebenso wie der Verkauf an Finanzinvestoren. In allen Fällen spielt die Bewertungsrechnung eine zentrale Rolle.
Gerade bei externen Nachfolgen stellt sich oft die Frage, warum es so schwierig ist, passende Käufer*innen und Betriebe zusammenzubringen. Woran liegt das?
Viele können nicht einschätzen, wie lange es dauert, eine Nachfolge zu finden. Außerdem wissen sie oft nicht, wo sie zusätzlich zu Nachfolgebörsen suchen oder inserieren können. Ein weiterer Punkt ist, dass Unternehmen nicht immer ausreichend attraktiv dargestellt werden. Auch hier ist eine realistische Berechnung des Unternehmenswertes wichtig, um seriöse Angebote zu erhalten und gleichzeitig keine unrealistisch hohen Preise anzusetzen.
Nachfolgeplattformen gelten als eine mögliche Lösung. Wie gut funktionieren diese aktuell und wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?
Plattformen sind ein wichtiger erster Schritt bei der Suche. Es ist sinnvoll, mehrere Plattformen parallel zu nutzen und zusätzlich persönliche Netzwerke sowie externe Begleitung einzubeziehen. Verbesserungen sehe ich etwa darin, Nachfolgerinnen und Nachfolger auch bei Gründungsveranstaltungen anzusprechen, eigene Veranstaltungen für Nachfolgesuchende zu organisieren oder soziale Medien stärker und innovativer zu nutzen.
Was braucht es, damit sich mehr junge Menschen zutrauen, einen bestehenden Betrieb zu übernehmen, statt selbst zu gründen?
Das politische und wirtschaftliche Umfeld sollte übernahmefreundlicher werden. Die größte Hürde ist die Finanzierung. Hier braucht es seitens Banken und Finanzinstitutionen mehr Flexibilität, Vertrauen und Möglichkeiten, um jungen Menschen den Unternehmenskauf zu erleichtern. Auch politische Rahmenbedingungen können dazu beitragen, Übernahmen attraktiver zu machen, etwa durch steuerliche Anpassungen und Erleichterungen. Zudem braucht es mehr positive Beispiele in der Öffentlichkeit, um das Bewusstsein für diese Möglichkeit zu stärken.
Woran erkennen potenzielle Nachfolger*innen, ob ein Unternehmen ein gutes Investment ist, gerade im KMU-Bereich?
Es ist wichtig, verschiedene, für KMU geeignete Unternehmensbewertungsverfahren anzuwenden und sich in diesem Bereich gut zu informieren. Man sollte sich nicht auf ein einzelnes Bewertungsverfahren verlassen. Informationen bieten unter anderem spezialisierte Online-Tools oder Fachliteratur, etwa KMU-Rechner oder Plattformen wie switch-nachfolge.
Was können Familienunternehmen aus Ihrer Forschung zur Resilienz und Notfallplanung lernen, insbesondere im Hinblick auf unerwartete Ereignisse und Generationenwechsel?
Familienunternehmen sind oft sehr resilient und stark, ohne dass es ihnen bewusst ist. Sie leisten viel, weil das Unternehmen eng mit dem Wohl der Familie verbunden ist. Es lohnt sich, die eigene Geschichte zu reflektieren und zu analysieren, welche Krisen es gab, wie damit umgegangen wurde und was daraus gelernt wurde. Häufig existieren Routinen und Prozesse, die das Unternehmen stark machen. Wenn man diese sichtbar macht und weiterentwickelt, kann daraus auch ein finanzieller Nutzen entstehen.
Gleichzeitig sind viele Familienunternehmen nicht ausreichend auf ungeplante Ereignisse vorbereitet, etwa wenn eine zentrale Person plötzlich ausfällt. Vor der Übergabe setzt nur etwa ein Viertel der Unternehmen entsprechende Instrumente ein, etwa Regelungen zu Zeichnungsberechtigungen, finanzielle Rücklagen, Stellvertretungen, Vollmachten oder den Zugang zu wichtigen Informationen. Ein schriftlicher Notfallplan sollte in jedem Unternehmen vorhanden sein und nicht erst im Ernstfall erstellt werden.
Gibt es bestimmte Branchen im KMU-Bereich, die aktuell besonders stark von Nachfolgeproblemen betroffen sind?
Die Gastronomie ist besonders stark betroffen. Bereits in der Vergangenheit entfiel ein großer Teil der Übernahmen auf diesen Bereich. Gründe dafür liegen unter anderem in veränderten Berufswegen und darin, dass Nachfolge innerhalb der Familie nicht mehr selbstverständlich ist. Zukünftig werden auch das Gesundheits- und Sozialwesen sowie freiberufliche und technische Dienstleistungen stark betroffen sein. Gerade in ländlichen Regionen kann dies zu einer Verschlechterung der Infrastruktur führen, wenn es nicht gelingt, geeignete Nachfolgerinnen und Nachfolger zu finden. Während Neugründungen häufig in Städten stattfinden, sind viele bestehende Betriebe in ländlichen Regionen verwurzelt.
Familienstrukturen werden zunehmend vielfältiger. Welche Auswirkungen haben solche Konstellationen auf Unternehmensnachfolgen in Familienbetrieben?
Diese Entwicklungen haben sehr große und vielfältige Auswirkungen. Eine Scheidung ist nicht nur eine persönliche und familiäre Krise, sondern kann auch das Unternehmen betreffen, etwa durch den Verlust von Mitarbeitenden oder Know-how sowie durch eine Neuaufteilung von Anteilen und Verantwortlichkeiten. Patchwork-Konstellationen erhöhen die Komplexität zusätzlich, da mehr potenzielle Nachfolgerinnen und Nachfolger, aber auch mehr Anspruchsgruppen vorhanden sind. Das erfordert eine sehr gute Abstimmung sowie frühzeitige und offene Kommunikation. Gleichzeitig können solche Konstellationen auch Chancen bieten und Unternehmen stärken, wenn sie gut begleitet werden.
Zur Person

Prof. Dr. Maija Worek ist Professorin am Studienbereich Management und Entrepreneurship der FHWien der WKW. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf Unternehmensnachfolge, Familienunternehmen sowie der strategischen Entwicklung und Resilienz von Organisationen. In ihrer praxisnahen Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit Betriebsübergaben, Matching-Formaten zwischen Übergebenden und Nachfolgenden sowie der langfristigen Entwicklung von Familienunternehmen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Analyse von Krisenbewältigung und der Entwicklung strategischer Kompetenzen sowie auf Notfallplanung und den Auswirkungen moderner Familienstrukturen auf Nachfolgeprozesse.
TIPP: Lesen Sie unsere „Acht Tipps für die Unternehmensnachfolge“