Mit „Wohlstand zwischen Wachstum und Ungleichheit. Ethische Perspektiven auf Wirtschaft und Gesellschaft“ thematisiert Sebastian Thieme, wissenschaftlicher Referent für Ökonomie bei der Katholischen Sozialakademie Österreichs in Wien, eine aus seiner Sicht bestehende Leerstelle in der ökonomischen Diskussion: die Ausblendung ethischer Fragen. Das Buch ist im Verlag Barbara Budrich erschienen.

Thieme argumentiert, dass Wohlstand kein neutraler Begriff sei. Bereits die Festlegung, was unter Wohlstand verstanden wird, sei normativ aufgeladen. Ob Konsumgüter selbstverständlich dazugehören, ob Einkommen als Maßstab ausreiche oder inwieweit die Vermessung von Wohlstand die Privatsphäre berühre, seien zentrale Fragen. Wohlstandsindikatoren würden nicht nur beschreiben, sondern zugleich Maßstäbe setzen – bis hin zur impliziten Definition dessen, was als „gutes Leben“ gelten soll.

Ethische Konfliktlinien im Fokus

Nach Darstellung des Autors sind Wohlstandsdiskurse eng mit bestimmten Narrativen verknüpft, etwa mit der Vorstellung von Wohlstand durch Wachstum, Wettbewerb oder Effizienz. Diese Erzählungen transportierten Werte, deren ethische Rechtfertigung jedoch häufig unausgesprochen bleibe.

Autor Sebastian Thieme © ksœ

„Wer von Wohlstand sprechen möchte, sollte über dessen ethische Dimension nicht schweigen. Schließlich sind Wohlstandsfragen immer auch mit ethischen Fragen verbunden.“

Besonders deutlich werde das ethische Defizit laut Thieme in Debatten über Vermögensungleichheit. Zwar werde regelmäßig auf „Gerechtigkeit“ verwiesen, jedoch selten konkretisiert, welches Ausmaß an Ungleichheit als gerecht gelten könne oder nach welchen Kriterien Vermögensobergrenzen bestimmt werden sollten. Ohne einen normativen Referenzpunkt blieben politische Forderungen in der Schwebe. Mit Blick auf die Diskussion um Vermögenssteuern schreibt Thieme: „Die niedrigen Steuersätze auf Vermögen, die öffentlichkeitswirksam diskutiert werden, werfen die Frage auf, wie ernst es tatsächlich gemeint ist damit, die Vermögensungleichheit reduzieren zu wollen.“

Kritik an der akademischen Ökonomik

Der akademischen Ökonomik attestiert Thieme ein distanziertes Verhältnis zu ethischen Fragestellungen. Unwissen, Desinteresse oder Abwehrhaltungen erschwerten eine vertiefte Auseinandersetzung mit ethischen Grundlagen, so seine Analyse.

Die Publikation stellt Wohlstand systematisch in den Kontext von Wachstum und Ungleichheit und arbeitet damit verbundene ethische Konfliktlinien heraus. Dabei werden forschungsethische Grundsätze und Prinzipien wie der Kategorische Imperativ, die Idee der Menschenwürde sowie unterschiedliche Gerechtigkeitskriterien behandelt. Auch die Katholische Soziallehre und die Integrative Wirtschaftsethik finden Berücksichtigung. Ziel sei es, Ansatzpunkte aufzuzeigen, um Wohlstandsfragen innerhalb bestehender Ethik-Konzeptionen neu zu denken.

„Wer von Wohlstand sprechen möchte, sollte über dessen ethische Dimension nicht schweigen. Schließlich sind Wohlstandsfragen immer auch mit ethischen Fragen verbunden“, so Sebastian Thieme.

Sebastian Thieme

Wohlstand zwischen Wachstum und Ungleichheit. Ethische Perspektiven auf Wirtschaft und Gesellschaft.

Verlag Barbara Budrich 2026

Link zum Buch