Spielplatz für Techies

Fill Holding GmbH
07.02.2021

 

Digitalisierung ist ein Unwort geworden: zu abstrakt, zu wenig greifbar. Aus Oberösterreich kommt ein spannendes Konzept dagegen.

Andreas Fill, CEO der Fill GmbH

Andreas Fill und seine 920 Mitarbeiter bauen Sondermaschinen, mit deren Hilfe andere Industriebetriebe ihre Produkte herstellen. Sein Vater begann 1966 mit Maschinen für die Schiproduktion, darin ist Fill bis heute Weltmarktführer. Als der Junior im Jahr 2000 übernahm, dominierten längst Anlagen für Autoproduzenten und -zulieferer. 2019 war das Portfolio noch größer, da machte er 169 Millionen Umsatz mit Metall, Kunststoff und Holz für die Automobil-, Luftfahrt-, Sport- und Bauindustrie. Jetzt kommt das Handicap: Fill sitzt im oberösterreichischen Gurten, einer 1000-Seelen-Gemeinde zwischen Braunau und Ried im Innkreis, nicht weit von der deutschen Grenze. Salzburg ist eine Autostunde entfernt, Linz noch weiter. Navis leiten einen schon mal über einspurige Landstraßen, durch Gehöfte durch, wo Hühner über die Straße laufen. Nach einer Hightech-Gegend sieht das nicht aus. Wer will hier schon arbeiten?

LEBENSARBEITSKONZEPT

Fill erkannte das Problem schon vor 20 Jahren. Seine Stärke, sagt er von sich, sei nicht das Technische. Sondern erstens das Kaufmännische, zweitens das Zwischenmenschliche. Fill kann gut mit Menschen. Er versteht, was sie wollen. Keinen Job in einer Tretmühle, sondern einen, der sich wie Familie anfühlt. Vor 20 Jahren etablierte Fill sein „Lebensarbeitskonzept“. Es beginnt bei der Geburt eines Mitarbeiterbabys, das er mit Firmengeschenken überschüttet. Das Firmenlogo wird sein ständiger Begleiter. Firmenkindergarten, Schulexkursionen, Clubbings im Haus. Wie kann der Youngster dann anders, als bei Fill in die Lehre zu gehen? Und zu bleiben, ein Berufsleben lang. Sogar die Pensionisten hält er bei der Stange. Sie springen bei Auftragsspitzen ein oder führen Besucher durchs Werk.

Nur mit den besten Mitarbeitern kann man Innovationen vorantreiben., Andreas Fill, CEO der Fill GmbH

Längst ist das Lebensarbeitskonzept weit über die Grenzen Oberösterreichs berühmt, schon deshalb, weil es funktioniert. Fill hätte die Expansion nie ohne loyale Mitarbeiter gestemmt. Doch der Strom darf nicht abreißen. Warum nicht größer denken, über die Region hinaus? Und gleichzeitig zeigen, dass Digitalisierung – da ist das Unwort wieder – etwas Spannendes, für jedermann Verständliches ist? Im Dezember eröffnete Fill, schon immer ein Freund antizyklischer Investitionen, sein Future Lab. Eine Wissensfabrik, ein Talentelabor, eine Lernstätte für Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Kindergärten bis Oberstufen kommen genauso wie Kunden, Lieferanten und Partner, die in kreativer Umgebung an Innovationen und Kooperationen basteln oder einfach ihr Team zusammenschweißen wollen.

RAUMSCHIFF ENTERPRISE

Psychologie für Fortgeschrittene: Willst du Menschen beeindrucken, brauchst du einen WowEffekt gleich zu Beginn. Im Future Lab ist es das Holodeck, ein futuristischer Mehrzweckraum für 50 Personen, der nicht zufällig an einen Science-Fiction-Film erinnert: Fill ist RaumschiffEnterprise-Fan. Überkopf eine gewaltige 360-Grad-LED-Wall, unten Lounge-Möbel und ein Barbereich, rundherum perfekter Kinosound. Da staunen sogar Pubertierende. Das Future Lab selbst besteht aus acht Zonen, die jeweils einen Kernbereich der Digitalisierung abdecken (Details siehe Kasten). Plötzlich ist sie cool und greifbar – und gar nicht mehr fremd. Wer sich an die Exkursionen seiner Schulzeit erinnert: Solche Firmen bleiben ewig in Erinnerung. Wie alle guten Konzepte scheint auch dieses verblüffend einfach: Holt die Schüler ab, und begeistert sie. Ein paar bleiben sicher hängen. Multiplikatoren sind sie allemal. Holt aber auch die Lehrer ab, und vermittelt ihnen Digitalisierungskompetenzen. Sie werden es euch danken. Schulveranstaltungen sind selbstredend kostenlos. Öffnet euch aber auch für Firmen, zur Fortbildung und als Kreativumgebung. Nützt den Neuigkeitseffekt, weil jeder das Lab jetzt sehen will. Das ist nicht gratis, aber vernünftig bepreist. Vielleicht ergibt sich ja mal eine Kooperation. Und so wächst das Netzwerk und zieht Nachwuchs und Partnerschaften an. Schlau, nicht wahr?

ZUR NACHAHMUNG EMPFOHLEN: DIE STRATEGIE HINTER DEM FUTURE LAB

In „Europas coolster Wissensfabrik für digitale Talente und innovative Geister“ geht es um Bildungskooperationen und Vernetzung. Acht Stationen adressieren spielerisch jeweils ein Teilgebiet der Digitalisierung – samt möglichen Gefahren. Neben reinem Fachwissen werden auch Kompetenzen vermittelt.

MEDIA-LAB Wie man sich ein Studio vorstellt: Kamera, Mikro, Licht, Requisiten, Greenscreen, Hard- und Software Fachwissen: Medientechnik, Erstellen von Blogs & Podcasts, Livestreams Kompetenzen: Verbaler Ausdruck, Kreativität, Auftreten

SMART-LAB Baut Bedenken gegen smartes Wohnen ab, beleuchtet aber auch Gefahren um Alexa, Haushaltsroboter & Co. Fachwissen: Sprachgesteuerte Technologien, „If-This-Than-That“-Befehle, Gerätesteuerung Kompetenzen: Logisches Denken, Konzentration

VR-LAB VR-Brillen + 3600-Kameras machen Spaß, bergen aber soziale Risiken Fachwissen: Visuelle Informationsvermittlung, Gestalten virtueller Meetings Kompetenzen: Räumliches und visuelles Vorstellungsvermögen, Kommunikationsfähigkeit

ROBO-LAB Man steuert Roboter über Handy und Tablet, erfährt aber auch deren Konsequenzen für Jobs und Arbeitsmarkt. Fachwissen: Bewegungsabläufe der Robos programmieren und steuern, Anwendungen in Alltag und Industrie Kompetenzen: Logisches Denken, räumliche Vorstellung, Konzentration

MOBILITY-LAB Bubenparadies mit Drohnen, SpionageRobotern und einem Schienentransportsystem – samt gesellschaftlichen und sozialen Bedenken Sachlektionen: Drohnen bedienen, Logistiksysteme für Schiene und Luft bauen Kompetenzen: Räumliche Vorstellung, logisches Denken, Feinmotorik, Belastbarkeit.

MAKING-LAB Bastlertraum mit Lasercutter, 3D-Drucker und 3D-Druckstiften samt Denkfutter zur Ressourcenverschwendung Sachlektionen: Prototypen konstruieren, Lasercutter bedienen, elektronische Schaltungen bauen Kompetenzen: Abstraktes Denken, Feinmotorik, Kreativität

HEALTH-LAB Für künftige Ärzte mit Puls- und Temperaturmessung, Waage, EKG, Fitnessgeräten Sachlektionen: Leistungs- und Stresstests durchführen, Daten erfassen, Trainingspläne erstellen Kompetenzen: Kundenorientierung, Einfühlungsvermögen, Kommunikation

DATA-LAB Hier geht es um Big Data, im Guten wie im Bösen. Sachlektionen: Datensammlung, Auswertung und verschiedene Analyseprozesse Kompetenzen: Analyse- und Entscheidungsfähigkeit, logisches und vorausschauendes Denken, Belastbarkeit, Zeitmanagement