Digitalisierung

Smarte Geschäfte mit Senioren

Weltmarktführer
06.10.2021

 

Der Linzer Handyhersteller Emporia erobert die Marktführerschaft in einer Nische und holt damit die Generation 65+ in die digitale Welt. Ein Plan voll gesellschaftlicher Bedeutung und wirtschaftlichem Potenzial.

Eveline Pupeter vor einen Graffiti im Linzer Hafen

Eveline Pupeter vor einen Graffiti im Linzer Hafen

Wer sich mit Weltkonzernen wie Samsung und Apple messen kann, hat wohl einiges richtig gemacht. Vor allem, wenn er wie der heimische Handyproduzent Emporia vor 30 Jahren in einer Garage in Linz gestartet ist. Mittlerweile hat das Unternehmen über 15 Millionen Handys verkauft und sich als Marktführer in der Nische einfach zu bedienender Smartphones für Senioren etabliert. Doch damit sind längst noch nicht alle Ziele erreicht. „In Europa sind über 50 Millionen Menschen der Generation 65+ noch nicht digitalisiert. In den nächsten fünf Jahren wollen wir diese Menschen als Kunden gewinnen, damit niemand von der Digitalisierung ausgeschlossen bleibt“, sagt Geschäftsführerin und Eigentümerin Eveline Pupeter.

Ein ziemlicher Flop

Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint – nicht alles in der Unternehmensgeschichte hat auf Anhieb geklappt. Als Emporia zum ersten Mal Smartphones in die Geschäfte gebracht hat, waren diese laut Pupeter „ein ziemlicher Flop“. „Für unserer Zielgruppe brauchen wir nicht nur das beste Produkt, sondern ein Gesamtkonzept“, lautete die Schlussfolgerung der Geschäftsführerin. Und so wurde das Handy noch um ein Schulungsbuch ergänzt. Mit genauen Erklärungen: Was bedeutet WLAN und wie funktioniert eigentlich WhatsApp? Zusätzlich entwickelt Emporia seit einigen Jahren spezielle Schulungsformate für Senioren und bildet Smartphone-Trainer aus.
Die Parameter des Handys waren damals wie heute erfolgversprechend: einfache Menüführung und Bedienbarkeit, gute Lesbarkeit, große Tasten, Robustheit und ein Notfallknopf. Pupeter: „Noch heute ist jedes Tastenhandy und jedes unserer Smartphones mit dem patentierten Notfallknopf ausgestattet, denn Sicherheit ist und bleibt ein wichtiges Thema im Alter.“

Boost durch Pandemie

Die Pandemie hat dem Handyhersteller einen richtigen Boost in der weiteren Internationalisierung gebracht. Schon bisher wurden die Geräte in mehr als 30 Länder verkauft. „Durch die Pandemie ist die ältere Generation verstärkt in den Fokus gekommen. Wir wurden auf einmal bei Anbietern gelistet, wo wir früher vergeblich versucht hatten reinzukommen“, sagt Pupeter. So wird Emporia mittlerweile auch von der Deutschen Telekom oder Telecom Italia angeboten. Am stärksten ist das Unternehmen in der DACH-Region vertreten, wobei in Deutschland der meiste Umsatz generiert wird. In Österreich hält Emporia immerhin sieben Prozent am Gesamtanteil aller verkauften Handys.
Neben dem Firmenhauptsitz in Linz ist der Handyhersteller mit Standorten in Brüssel, Frankfurt, London, Mailand und Paris vertreten. Auf den osteuropäischen Markt verzichtet Emporia ganz bewusst, da das Preisniveau dort zu niedrig ist. „Wir setzen auf eine stringente Preispolitik“, sagt Pupeter.

Produktion in China

Produziert werden die Smart­phones seit 2007 im chinesischen Shenzhen. Dort arbeiten rund 40 chinesische Mitarbeiter unter der Leitung eines Mühlviertlers. „Viele Mitarbeiter sind dort sogar seit der ersten Stunde mit dabei. Wir haben in China das Know-how und die perfekte Supply-Chain für unsere Smartphone-Produk­tion“, sagt die Geschäftsführerin.
Dennoch sieht sie die Wirtschaftsbeziehungen zu China auch kritisch. „Die Kosten explodieren. Alleine bei den Displays haben wir Preissteigerungen von bis zu 30 Prozent. Wir befinden uns hier in einer totalen Abhängigkeit“, so Pupeter. Eine Verlagerung der Produktion nach Europa, wie sie aus Anlass der Pandemiefolgen oft diskutiert wird, ist für die Geschäftsführerin in absehbarer Zeit aber nicht realistisch: „Dafür wären Milliarden an EU-Geldern nötig.“
International aufgestellt ist das Unternehmen auch bei seinen eigenen Mitarbeitern. Unter den 110 Angestellten befinden sich „mehr internationale als nationale. Wir sind ein echter Melting-Pot“, wie Pupeter betont. Ausgebildet und weiterentwickelt werden die Mitarbeiter meist im Unternehmen selbst. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass ein Angestellter in der Logistik beginnt und ein paar Jahre später die Buchhalter-Prüfung erfolgreich abschließt. „Der Markt gibt nichts mehr her, daher bilden wir unsere Leute selbst aus. Unsere Mitarbeiter sind die Substanz von Emporia. Mir ist wichtig, dass sie die Bereitschaft zum Lernen und zur Weiterentwicklung haben“, sagt die Unternehmerin.

Erstes Tablet kommt

Weiterentwickelt werden auch die Produkte von Emporia. Jetzt im Herbst bringt der Hersteller sein erstes Tablet auf den Markt. Wie immer mit dem Fokus auf die speziellen Bedürfnisse der Zielgruppe. „Für die Videotelefonie ist ein Smartphone gerade für ältere Menschen oft zu wenig, da der Bildschirm zu klein ist. Mit dabei ist ein eigener Tischständer, damit das Tablet einfach zur Videotelefonie genutzt werden kann“, erklärt Pupeter.
Auch der Gesundheitsbereich wird laufend ausgebaut: Gemeinsam mit Partnern entwickelt Emporia Apps, zum Beispiel für Blutdruck- oder Blutzuckermessungen oder für die Reha nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Kunden für die Erweiterung des Portfolios werden dem Linzer Nischen-Champion in Zukunft kaum ausgehen, wie ein Blick in Prognosen der EU verdeutlicht. Im Jahr 2050 werden aufgrund des demografischen Wandels um 48 Millionen weniger Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren in der EU leben. Stattdessen wird es 58 Millionen mehr Menschen über 65 Jahre geben

Facts

Jubiläum Emporia wurde 1991 in Linz gegründet und feiert heuer sein 30-jähriges Jubiläum. Zu Beginn handelte das Unternehmen mit Elektronik- und Telekomprodukten. Ab dem Jahr 2000 hat sich Emporia auch auf die Produktion von Handys für Senioren und beeinträchtigte Menschen spezialisiert.

2015 kommt das erste, speziell auf die Bedürfnisse der Zielgruppe 65+ entwickelte Smartphone von Emporia auf den Markt. Mittlerweile ist mit dem emporiaSMART.5 die fünfte Generation davon lieferbar.

110 Mitarbeiter arbeiten für Emporia. Insgesamt wurden mehr als 15 Millionen Handys und rund zwei Millionen Festnetztelefone verkauft.