Wirtschaftsstandort

Starker Standort?

Produktionsstandort
07.10.2021

Die Wirtschaft zieht wieder an. Viele heimische Standortvorteile haben sich in der Krise bewährt, lang bekannte Schwachstellen bleiben aber unbehoben. Zudem klopft mit dem Fachkräftemangel schon die nächste Krise an.

Standort Österreich

Was zeichnet einen guten Wirtschaftsstandort aus? Wohl auch, dass sich selbst mitten in einer Pandemie ausländische Unternehmen ansiedeln. Bereits Anfang des Jahres expandierte beispielsweise Compleo, deutscher Ladesäulenhersteller für Elektroautos, nach Österreich und hat sich im Großraum Wien niedergelassen. „Das ist der erste Schritt über die Grenze für das Unternehmen. Wir sehen Österreich als Piloten für Expansionen in weitere Länder“, erklärt Country-Manager Claus Drennig. Was neben der geografischen Lage aus Sicht des Dortmunder Unternehmens noch für Österreich spricht, sind die vergleichbaren rechtlichen Rahmenbedingungen und der Wegfall von Sprachbarrieren.

International begehrt

Compleo steht mit seiner Entscheidung für den heimischen Wirtschaftsstandort natürlich nicht alleine da. Insgesamt hat die Standortagentur Austrian Business Agency (ABA) im Vorjahr 353 internationale Unternehmen bei ihrer Ansiedelung oder Expansion nach Österreich betreut. Immerhin das drittbeste Ansiedlungsergebnis der ABA – trotz Corona-Krise. Diese Unternehmen investierten insgesamt rund 580 Millionen Euro und schufen damit 2.165 neue Arbeitsplätze.
Ist das ein Anzeichen dafür, dass Österreich die Krise wirtschaftlich besser bewältigt hat, als andere Länder in Europa? Oder sind die bisher oft kritisierten wirtschaftlichen Schwachpunkte – Stichwort Fachkräftemangel oder hohe Steuerbelastung – nur kurzfristig in den Hintergrund gerückt und drohen, zum Hemmschuh eines wirtschaftlichen Aufschwungs zu werden?

Fehlende Digitalisierung

„Die Pandemie hat die Schwächen Österreichs hervortreten lassen, sie sind für Personen und Unternehmen deutlich spürbar geworden“, spricht Harald Breit, Partner und CEO von Deloitte Österreich, Klartext. Gemeint sind damit zum Beispiel fehlende Digitalisierung in der Verwaltung und mangelnde technische Infrastruktur in den Schulen.
Mit dem Deloitte Radar ermittelt das Beratungsunternehmen jährlich die Attraktivität und internationale Wettbewerbsfähigkeit des heimischen Wirtschaftsstandortes. Neben der Analyse internationaler Indizes wurden dazu heuer im Frühjahr rund 250 österreichische Top-Führungskräfte befragt. Für die Unternehmen ist klar, wo angesetzt werden müsste: Neben der lange geforderten Senkung der Lohnnebenkosten werden die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung, des Schulsystems und des Gesundheitssystems als wichtigste Maßnahmen genannt.

Die Pandemie hat die Schwächen Österreichs hervortreten lassen.

Harald Breit, CEO Deloitte Österreich

Harald Breit, CEO Deloitte Österreich

Auch die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes sowie die Förderung von Investitionen – speziell im Bereich Umwelttechnologien – stehen weit oben auf der Wunschliste der Wirtschaftsvertreter.

Infrastruktur bleibt top

Pluspunkte sammelt die Alpenrepublik in der Umfrage erneut in den Bereichen Infrastruktur und Lebensqualität. Hier werden Spitzenwerte erzielt: 86 Prozent der befragten Unternehmen bewerten die Energieversorgung mit „Sehr gut“ oder „Gut“, 81 Prozent sind mit der Verkehrsinfrastruktur zufrieden. Die Qualität der Umwelt wird von 92 Prozent mit „Sehr gut“ oder „Gut“ bewertet, die individuelle Sicherheit von 93 Prozent.
Ein Pluspunkt ist sicher auch, dass bestimmte Bundesländer in Österreich bisher besser durch die Corona-Krise gekommen sind, als vergleichbare Regionen in Europa. Eine Studie des Schweizer Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Economics AG hat beispielsweise Oberösterreich mit 14 europäischen Industrieregion ähnlicher Größe verglichen – wie Oberbayern oder die Ostschweiz. „Die Wirtschaftsstruktur Oberösterreichs erweist sich als überdurchschnittlich krisenresistent. Auch der Anteil der gefährdeten Arbeitsplätze, also jene in besonders betroffenen Branchen oder in Kleinstunternehmen, ist in Oberösterreich unterdurchschnittlich“, erklärt die Studienautorin Andrea Wagner.

Rasche Unterstützung

Ein Grund für diese robuste Wirtschaftsstruktur liegt laut Werner Pamminger, Geschäftsführer der Standortagentur Business Upper Austria darin, dass die Industrie in Oberösterreich nie völlig zugesperrt war und in weiten Teilen weiterproduziert hat. „Auch die raschen Hilfen der Bundesregierung waren viel großzügiger als in anderen europäischen Regionen“, sagt Pamminger.

Die Hilfen der Bundesregierung waren großzügiger als in anderen Regionen.

Werner Pamminger, businessupperaustria

Werner Pamminger, businessupperaustria

Trotz dieser positiven Aspekte ist klar: Corona hat die heimische Wirtschaft 2020 mit voller Wucht getroffen. Das BIP schrumpfte mit 6,7 Prozent sogar stärker als in der Wirtschaftskrise 2009 (minus 3,8 Prozent).

Österreich bleibt stabil

Wirtschaftsforscher sehen die künftige Entwicklung dennoch positiv. Michael Peneder vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) sagt: „Österreich ist langfristig sehr stabil“. Die Qualität der öffentlichen Institutionen, die gute Infrastruktur oder auch die Rechtssicherheit sind Faktoren, die den Standort sowohl während als auch nach einer Krise stärken.
Und woran hakt es noch laut dem Wirtschaftsexperten? „In die Digitalisierung wird sehr viel investiert, doch in der Anwendung und Umsetzung hinken wir noch hinterher“, erklärt Peneder. Was es seiner Meinung nach braucht, wäre eine Kombination von digitalen Technologien mit einer Anpassung der Geschäftsfelder, die diese Technologie nutzen.

Wo sind die Fachkräfte?

Es gibt aber, neben den Aus- und Nachwirkungen von Corona, noch ein anderes brennendes Thema, das sämtliche Wirtschaftsexperten beschäftigt: Ausbildung und Fachkräfte. „Wie bekomme ich gute Fachkräfte?“ lautet beispielsweise jede zweite Frage von Unternehmen, die sich an die ABA wenden. „In den Industrieländern ist das ein weltweites Thema. Dabei geht es nicht nur darum, Fachkräfte in Österreich zu finden sondern auch um die Frage, wie schnell es für ein Unternehmen gehen kann, eine internationale Spitzenkraft zu uns zu holen“, sagt ABA-Geschäftsführer René Tritscher. Im Herbst wird die Agentur, die mit ihrer Abteilung Work in Austria heimische Unternehmen dabei unterstützt, hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland anzusprechen, einen eigenen Online-Ratgeber zu Aufenthaltstiteln für Fachkräfte aus Drittstaaten und dem EU-/EWR-Raum launchen.
Kann sich Österreich mit einer großen Anzahl an hervorragend ausgebildeten Fachkräften künftig einen Trumpf sichern, der den Wirtschaftsstandort international ins Rampenlicht bringt? Im Moment klingt das eher nach einem Wunschtraum. Die Baby-Boomer Generation geht in Pension und bis zum Jahr 2030 wird Österreich 400.000 Arbeitskräfte weniger als derzeit zur Verfügung haben. Wie lässt sich allein diese Zahl ausgleichen? Die Möglichkeiten reichen laut Harald Breit von der Anhebung des Pensionsantrittsalters über die Erhöhung der Qualifizierung von Schulabsolventen bis hin zur kontrollierten Zuwanderung in bestimmten Branchen.

Aufträge werden abgelehnt

Dass die vorhandenen Arbeitskräfte noch besser qualifiziert werden, ist unabdingbar. „Der Mitarbeitermangel in Niederösterreich ist akut, immer mehr Betriebe müssen aufgrund des Mitarbeitermangels Aufträge ablehnen. Für den Aufschwung brauchen unsere Betriebe qualifiziertes Personal. Deswegen ist es auch wichtig, bei der Lehre weiter dranzubleiben“, erklärt dazu Wolfgang Ecker, Wirtschaftskammer-Präsident von Niederösterreich.
23 Prozent aller heimischen Lehrlinge werden in Oberösterreich ausgebildet. „Die Unternehmensstruktur ist bei uns stark mittelständisch geprägt und eigentümergeführt. Diese Unternehmer denken langfristig und bilden sich daher ihre Mitarbeiter selbst aus“, sagt Pamminger.
Die für 2023 in Oberösterreich geplante Digital-Uni soll für einen weiteren Qualifizierungsschub sorgen. „Trotz unserer Wirtschaftsstärke haben wir bisher keine technische Universität. Mit dieser neuen Digital-Uni wird es uns auch gelingen, mehr junge Leute in der Region zu halten“, erklärt Pamminger.

Ausbildung ist größter Hebel

Einer der größten Hebel für wirtschaftliche Attraktivität ist die Ausbildung, bestätigt auch der WIFO-Experte. „Österreich muss mehr Fachkräfte ausbilden. Das passiert aber nicht von heute auf morgen. Eines ist sicher: Im Bereich Qualifikation kann man nie zu viel investieren“.
Der Wirtschaftsstandort Österreich – und nicht nur dieser - wird sich noch länger mit den Auswirkungen der Pandemie beschäftigen müssen. Wirtschaft und Arbeitsmarkt erholen sich im Augenblick schneller, als von vielen Experten erwartet wurde. Harald Breit definiert insgesamt sechs Hebel zur Krisenbewältigung: „ Rasche Digitalisierung der Verwaltung, Verringerung der Kosten- und Steuerbelastung, höhere Flexibilität des Arbeitsmarktes, Förderung von Innovation sowie Förderung von Investitionen und Entbürokratisierung der Verwaltung“. Nicht zu vergessen – und das ist unabhängig von der Pandemie – eine Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive. Denn wer hier nicht investiert, für den steht die nächste Krise schon direkt vor der Tür.

Beispiel Niederösterreich: Die Wirtschaft zieht wieder an

Wirtschaftskammer NÖ-Präsident Wolfgang Ecker im ­Kurzinterview:

Was zeichnet den Wirtschaftsstandort NÖ aus?
Unser Standort hängt nicht so sehr von einzelnen Branchen ab, wie das in anderen Bundesländern der Fall ist. Durch diesen Mix sind wir in Niederösterreich schon in der Vergangenheit besser durch Krisen gekommen als andere und es war auch jetzt ein Garant für den schnellen Aufschwung.

Wo hat NÖ noch Aufholbedarf?
Ich sehe in Niederösterreich keinen Aufholbedarf, sondern es ist wichtig, dass wir dranbleiben. Sei es bei der Digitalisierung, beim nachhaltigen Wirtschaften oder bei der Re­gionalität.

Wie lautet Ihre wirtschaftliche Prognose für die Zukunft von NÖ?
Für 2022 wird in Niederösterreich ein Wirtschaftswachstum von über 4 Prozent erwartet. Dass die Stimmung ist unter den Unternehmen grundsätzlich optimistisch ist, zeigt das Wirtschaftsbarometer der Wirtschaftskammer NÖ: Drei Viertel der Betriebe gehen von einem steigenden oder gleichbleibenden Investitionsvolumen aus.

Ansiedelungen in Österreich 2020

353 internationale Unternehmen hat die ABA – ­Invest in Austria bei ihrer Ansiedlung oder
Expansion in Österreich betreut.

Herkunftsländer:
95 aus Deutschland
35 aus Italien
25 aus der Schweiz
24 aus Großbritannien

Verteilung auf die Bundesländer:
200 internationale Unternehmen in Wien
30 in NÖ
23 in OÖ
19 in Tirol
18 in der Steiermark
9 in Vorarlberg
2 im Burgenland