Hidden Winners

Weltmarktführer
05.04.2021

 

Österreichs Life-Science-Industrie hat in den letzten Jahren fast unbemerkt einen beachtlichen Aufschwung erlebt. Mehr als 55.000 Menschen arbeiten mittlerweile in Pharma-, Biotechoder Medizintechnik-Unternehmen. Sie leisten auch einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen Corona.

Mit einem Nasenspray gegen die Pandemie – es klingt verrückt, doch es könnte tatsächlich helfen. Schon heute können mit Carragelose-hältigen Nasensprays mehr als 200 verschiedene Virusstämme bekämpft werden. Der Clou dabei: Der Wirkstoff ist natürlichen Ursprungs, wird aus Rotalgen gewonnen und bildet eine physikalische Barriere auf der Nasen- und Mundschleimhaut, die Viren daran hindert, sich an den Zellen festzusetzen. Erste sogenannte In-vitro- Studien, also im Labor bzw. Reagenzglas durchgeführte Untersuchungen, deuten darauf hin, dass der Wirkstoff auch gegen SARS-CoV-2, dem aktuell grassierenden Coronavirus, helfen kann: „Unsere Ergebnisse zeigen eindeutig, dass Carragelose SARS-CoV-2 in vitro inaktivieren kann und das Virus so davon abhält, weitere Zellen zu infizieren“, meint Prof. Dr. Ulrich Schubert vom Institut für Virologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg in einer Aussendung vom Februar dieses Jahres. Aktuell laufen zwei Studien bei Pflegepersonal in Großbritannien und Österreich, die weitere Erkenntnisse liefern sollen. Was hierzulande nur wenige Eingeweihte wissen: Das Unternehmen, das hinter Carragelose steckt, hat seinen Sitz in Österreich, genauer gesagt in Korneuburg. Seit 2019 notiert die Aktie der Marinomed Biotech AG auch an der Wiener Börse, wo sie in den letzten Monaten einen veritablen Anstieg hingelegt hat.

LÖSUNGEN MADE IN AUSTRIA

Doch Marinomed ist beileibe nicht die einzige österreichische Firma, die im Kampf gegen die Pandemie für Schlagzeilen sorgt. Eine andere ist das in Graz beheimatete Bioinformatik-Unternehmen Innophore. Das 2017 gegründete Unternehmen hat eine Art Suchmaschine für Enzyme entwickelt, die mittels eigener Algorithmen Wirkstoffe gegen verschiedene Erkrankungen rasch identifizieren soll. Aus einem bereits Ende Jänner 2020 gestarteten Testdurchlauf, mit dem vorhandene Wirkstoffe gegen Covid-19 gesucht wurden, entwickelte sich rasch eine Zusammenarbeit mit einem pharmazeutischen Unternehmen in Peking und dem „Chinese Center for Disease Control and Prevention“. Aus diesen Anfängen entstand das Projekt FASTCURE, das weltweit größte computerbasierte Screening-Projekt, an dem sich unter anderem internationale Partner wie die Harvard-Universität, Alphabet (Google) und die ShanghaiTech University beteiligen. In Österreich mit an Bord: Innophore, das acib (Austrian Centre of Industrial Biotechnology), die Universität Graz und die Universität Innsbruck. Ziel des Projektes ist es unter anderem, eine Datenbank zu erstellen, „die die Wirksamkeit von Medikamenten bei möglichen Mutationsvarianten des Virus überprüft“, wie Innophore-CEO und acib-Senior-Scientist Christian Gruber bei der Vorstellung des Projektes erklärte.

FORSCHER GEGEN DIE PANDEMIE

Marinomed und Innophore sind nur zwei Unternehmen aus der österreichischen Life-Science-Industrie, die sich dem Kampf gegen Covid-19 widmen. Das Wiener Biotechunternehmen Apeiron Biologics entwickelt beispielsweise den Medikamentenkandidaten APN01, der – vereinfacht gesagt – das Einschleusen von SARS-CoV-2 verhindern soll, die Schädigung verschiedener Organe reduzieren und einen entzündungshemmenden und lungenödemdämpfenden Effekt aufweisen soll. Seit Dezember läuft die Phase zwei der klinischen Prüfungen. Erste Ergebnisse sollen eine signifikante Reduktion der Tage mit mechanischer Beatmung und der Viruslast bei schwerkranken Patienten gezeigt haben.

Geforscht wird aber nicht nur an Medikamenten und Wirkstoffen, sondern auch an Impfstoffen. Während sich Österreichs Politik den Kopf darüber zerbricht, wie man den russischen Impfstoff Sputnik V in der Alpenrepublik produzieren könnte, befindet sich der Impfstoff des französisch-österreichischen Unternehmens Valneva seit Dezember in der klinischen Studien-Phase I/II. Die britische Regierung hat sich mittlerweile schon 100 Millionen Dosen gesichert. Der Impfstoff könnte im vierten Quartal 2021 seine Marktzulassung erhalten. Valneva ist im Mai 2013 aus einer Fusion des österreichischen Unternehmens Intercell mit der französischen Vivalis hervorgegangen.

Insgesamt arbeiten derzeit 14 in Österreich tätige Unternehmen in der einen oder anderen Art an der Entwicklung von Wirkstoffen gegen Covid-19. Zum Teil handelt es sich um Töchter internationaler Konzerne wie Takeda (Japan) oder Novartis (Schweiz). Sie alle sind Teil der österreichischen Life-Science- Industrie, die in den vergangenen Jahren einen – von der breiten Öffentlichkeit eher unbemerkten – Aufschwung erfahren hat.

22,4 MILLIARDEN EURO UMSATZ

Ein Aufschwung, der sich auch in Zahlen niederschlägt, wie der Life Science Report Austria 2018 eindrucksvoll zeigt. Im Jahr 2012 zählte die Industrie 723 Unternehmen aus dem Bereich Pharmazie, Biotech und Medizintechnik. Sie beschäftigten 50.180 Mitarbeiter. Der kumulierte Umsatz lag damals bei 17,73 Milliarden Euro. Fünf Jahre später war die Anzahl der Unternehmen auf 917 gestiegen. Gemeinsam brachten sie es auf einen kumulierten Umsatz von 22,4 Milliarden Euro. Die Anzahl der Beschäftigten stieg in dieser Zeit auf 55.480. Die Basis für diesen Aufschwung der Life-Science-Industrie bildet ein breites Netzwerk an Institutionen, das sich in der Alpenrepublik mit der Forschung und der Ausbildung entsprechender Fachkräfte beschäftigt. Mehr als 21.100 Personen widmen sich in insgesamt 55 Institutionen (Universitäten etc.) der Forschung oder der Ausbildung. Österreichs Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen entwachsen immer wieder Spin-offs, die dann als privatwirtschaftlich geführte Unternehmen reüssieren können. So wie die bereits genannte Innophore, die als Spin-off der acib GmbH (Austrian Center of Industrial Biotechnology) und der Universität Graz gegründet wurde.

Einen wahren Boom erlebte zuletzt auch der Bereich Digital Health Solutions. Mehr als ein Drittel der in der Medizintechnik tätigen Unternehmen hat sich dem Bereich Software- Entwicklung für Medizin, Telemedizin beziehungsweise EHealth verschrieben. Angetrieben wird der Boom bei den Digital Health Solutions vor allem von Start-ups. Nahezu die Hälfte der zwischen 2015 und 2017 neugegründeten Medizintechnik- Unternehmen ist dem Bereich E-Health zuzuordnen. So wie das 2012 gegründete mySugr, welches 2017 um 64 Millionen Euro vom Schweizer Pharmariesen Roche gekauft wurde. Der bis dahin „größte Deal im Digital-Health-Bereich“, wie Hansi Hansmann, seines Zeichens umtriebiger Business Angel und bei mySugr mit an Bord, anlässlich der Übernahme formulierte. Manche sehen die Entwicklung auch mit einem weinenden Auge. „Jede kleine Firma mit tollen Innovationen geht ins Ausland“, formuliert ein Brancheninsider. Einer der Gründe: die Schwäche des heimischen Kapitalmarktes.

Autor/in: 
HARALD FERCHER