„Wir probieren die Zukunft aus“

Industriellenvereinigung
16.10.2013

Michael Strebl, Geschäftsführer der Salzburg Netz GmbH,  über den Totalumbau des Energiemarkts, die Notwendigkeit von intelligenten Systemen und die Erkenntnisse aus einem Modelldorf.

Michael Strebl, Geschäftsführer der Salzburg Netz GmbH: „Die alte Struktur – hier Produzent, dort Kunde – gibt es nicht mehr. Wir haben morgen keine „Consumer“, sondern „Prosumer“.

Michael Strebl, Geschäftsführer der Salzburg Netz GmbH: „Die alte Struktur – hier Produzent, dort Kunde – gibt es nicht mehr. Wir haben morgen keine „Consumer“, sondern „Prosumer“.

Interview: Harald Koisser

Die nicht erneuerbaren Rohstoffe gehen zur Neige. Der politische Druck wächst. Der Energiemarkt wird sich wandeln. Wie sehr und wie schnell?

Wir gehen davon aus, dass es zu einem Totalumbau des Energiesystems kommt. Es wird in der Energiewirtschaft genau so sein wie in der Telekommunikation. Vor 25 Jahren gab es noch die großen schwarzen Telefonapparate mit Wählscheibe. Unsere Nachbarn haben sich damals über mich geärgert, weil ich dauernd telefoniert habe und wir ein Vierteltelefon hatten. Heute gibt es Mobiltelefone mit Apps und Navigationssystemen, man hat alle Daten permanent verfügbar. Diesen Sprung hat die E-Wirtschaft jetzt vor sich. In 25 Jahren wird alles anders sein.

Wie kommt es zu diesem Totalumbau?
Die Telekommunikation, die ich gerade erwähnt habe, ist ein Treiber. Eine dezentrale Energieanlage kann heute über eine App gesteuert werden, die Fotovoltaik kommuniziert mit der Wärmepumpe im Keller. Das war vor fünf Jahren undenkbar. Diese Lösungen hat es einfach nicht gegeben. Die Innovationen im IKT-Bereich greifen jetzt auf die E-Wirtschaft über. Es kommt zu einer Internetisierung der Energie. Zum Zweiten gibt es die politischen 20-20-20-Ziele – 20 Prozent weniger CO2, 20 Prozent mehr Energieeffizienz, 20 Prozent erneuerbare Energie. Und der dritte Treiber ist gesellschaftspolitisch. Die Leute wollen unabhängig sein und Energie selbst erzeugen. Autonomie ist ein großes Thema. Diese drei Themen bringen alles ins Rutschen.

Wenn die Leute selbst Energie erzeugen, verlieren Sie ja Kunden.
Natürlich geht das gegen das Geschäft der Energieversorger. Aber es nutzt nichts. Da kann man sich auch darüber aufregen, dass der Winter kommt. Der kommt einfach. Die neue Energielandschaft kommt genauso unerbittlich. Wir haben mit dem Grünauerhof (Anm.: Seminarhotel in Wals) Versuche gemacht und dem Wirt ein Blockheizkraftwerk in den Keller gestellt. Am Vormittag hat er enormen Energiebedarf. Da wird Wäsche und Geschirr gewaschen und gekocht. Da ist er Kunde. Am Abend aber passiert wenig. Da speist er Energie ein und ist plötzlich Lieferant. Die alte Struktur – hier Produzent, dort Kunde – gibt es nicht mehr. Das kann auch im Viertelstundentakt wechseln. Wir haben morgen keine „Consumer", sondern „Prosumer".

Wie sehr fühlen Sie sich durch den „Prosumer" bedroht?
Für uns ist das eine große Chance. Das unintelligente Liefern von Energie kann ja bald jemand besser und billiger als wir. Wir sind ein kleiner Regionalversorger, und die Kleinen vor Ort können sich jetzt über Lösungen profilieren. Wir haben ja auch Gas und Telekommunikation und bündeln das zu Produkten.

Sie testen das neue Dasein als lösungsorientierter Energienahversorger jetzt, indem Sie Salzburg zur Modellregion ausgerufen haben.
Im Jahr 2009 haben wir ein Konzept für die „Modellregion Salzburg Land" erstellt und beim Klimafonds eingereicht. Wir mussten dann vor einer internationalen Jury „vorturnen", und das Konzept wurde approbiert. Jetzt probieren wir in dem kleinen Ort Köstendorf die Zukunft aus. Wir installierten dort auf jedes zweite Dach eine Fotovoltaikanlage und stellten in jede zweite Garage ein Elektroauto.

Das sagt sich so einfach. Aber das ist ja ein echtes Dorf mit echten Menschen.
Natürlich war das die Hauptfrage: Wie nehme ich die Leute mit? Wir haben da durchaus Sorge gehabt. Um Fotovoltaik zu installieren, muss der Elektriker kommen, es wird gestemmt, das Dach wird aufgerissen. Das ist ein ganz schöner Aufwand. Auch ein E-Auto ist nicht gerade jedermanns Wunsch. Wir konnten und wollten das ja den Leuten auch nicht schenken. Der Selbstbehalt liegt so um die 5.000 Euro. Das ist ja auch richtiges Geld. Wir haben unseren Plan in Köstendorf vorgestellt und waren am ersten Tag ausverkauft.

Wenn ich das recht verstanden habe, ist erneuerbare Energie schwer zu steuern.
Im derzeitigen Stromnetz ist es so, dass jemand auf den Knopf drückt und Strom zuschaltet, wenn der Bedarf steigt. Und wenn der Bedarf sinkt, dann wird das Kraftwerk wieder abgeschaltet. Jetzt ist es leider so, dass wir im Lastverteiler niemanden haben, der auf Knopfdruck die Sonne oder den Wind ein- und ausschaltet. Wir haben also ein volatiles Angebot und zugleich Kundenbedürfnisse. Wie bringe ich das volatile Angebot mit der Nachfrage in Deckung? Diese Probleme, die wir mit der Energiewende bekommen werden, machen wir uns jetzt einmal in Köstendorf selbst, um zu schauen, wie wir damit zurande kommen.

Aber es wird doch sicher Überlegungen in Richtung neuer Tarifmodelle geben.
Natürlich stellen sich neue Fragen wie etwa: Kann man einen Stromverbraucher an das Angebot koppeln? Mit dem Fernsehapparat geht das nicht, denn ich will fernsehen, wenn ein guter Film läuft, und nicht, wenn gerade die Sonne scheint. Aber mit der Wärmepumpe für die Heizung könnte das funktionieren. Der Installateur stellt das Ding heute relativ unintelligent ein. Es fängt um 6 Uhr in der Früh zum Laufen an und läuft so lange, bis 22 Grad erreicht sind. Dann schaltet es sich wieder ab. Intelligent wäre es, Fotovoltaik mit der Wärmepumpe zu koppeln und die Pumpe dann zu betreiben, wenn an einem schönen, sonnigen Wintertag die Fotovoltaik günstig Energie liefert. Wir haben einen Test in einem Betriebsgebäude gemacht. Wenn man da im Winter 17 Stunden nicht heizt, fällt die Temperatur unmerkbar von 22 auf 20 Grad. Wenn man also rund 17 Stunden Zeit hat, um zu heizen, dann kann man sich die besten zwei Stunden aussuchen, und man heizt, wenn gerade viel Wind geht und Überschüsse da sind.

Sie sprechen von Intelligenz. Wie bekommt man die Intelligenz in das jetzige System hinein?
Mit moderner Informations- und Kommunikationstechnologie. Die Leute wollen ja nicht selbst je nach Wetterlage ihre Anlagen ein- und ausschalten. Aber es gibt ein intelligentes Gerät von Siemens, das prüft, wie gerade das Stromangebot ist und welche Temperatur im Raum herrscht. Das Gerät merkt dann: Aha, es hat zwar noch 21 Grad. Ich müsste jetzt nicht unbedingt heizen, aber das Angebot ist jetzt da, also heize ich besser jetzt als später.

Wer bezahlt das Gerät?
Immer der, der Nutzen davon hat. Das ist zum einen der Netzbetreiber. Es ist zum anderen der Kunde, der damit Energie sparen kann. Und es gibt auch Energiehändler, die davon Nutzen haben. Die können zum Beispiel Verträge mit 20.000 Wärmepumpen abschließen und mit dieser Energie am Strommarkt handeln. Diese drei Nutzenkategorien gibt es, und so kann das finanziert wer-
den.

Aber es ist noch unklar, wer für die Energiewende aufkommt. Kommt sie dann überhaupt?
Wir haben uns für den Umbau der Energiewirtschaft entschieden. Alle wollen das. Also wird es passieren. Wenn wir nur Fotovoltaik aufs Dach klatschen und uns sonst nichts überlegen, wird es sehr teuer, weil ich dann die Energie, die ich nicht brauche, wegtransportieren und bei Bedarf wieder hintransportieren muss. Um diesen dramatisch höheren Stromverkehr zu ermöglichen, kann man natürlich auch die Netze ausbauen. Das kostet aber ein Vermögen, und ich rede jetzt gar nicht von Bürgerinitiativen, die sich da womöglich querlegen. Es braucht Steuerbarkeit und Schaltbarkeit. Das geht nur mit intelligenten Lösungen wie Smart Grids.

Wann werden sich diese intelligenten Lösungen durchgesetzt haben?
Das wird kein Schalter sein, den man umlegt. Das ist ein Prozess, der schon im Gange ist. Es wird kein generalstabsmäßiger Roll-out sein. Nach und nach wird das neue intelligente Netz entstehen. Wir wissen auch nicht genau, wann die Schreibmaschine durch den PC ersetzt worden ist. Das war auch ein Prozess.

Alle wollen die Energiewende, aber es herrscht in weiten Kreisen die Vorstellung, dass jetzt alles billiger wird. Wenn man selbst den Strom erzeugt, muss es doch billiger werden.
Alle Prognosen sagen, dass die Energie in den nächsten 15 Jahren teurer wird. Die Frage ist nur: wie teuer? Wenn wir rechtzeitig auf erneuerbare und intelligente Netze umsteigen, wird’s nicht so dramatisch. Wenn wir zaudern und lange zuwarten, wird’s teurer. Dann ist nämlich nicht mehr die Zeit für organisches Wachstum und Modell-
versuche.