Wettbewerbsfaktor Wissen

29.08.2016

 

Wer unternehmerisch dranbleiben will, muss das Wissen aller Mitarbeiter anzapfen und verfügbar machen. Wie das geht? Professor Josef Herget, Vorstand des Excellence Institute, hat sein Wissen mit uns geteilt.

Josef Herget

Welchen Stellenwert hat Wissen beim heimischen Mittelstand?
Die Bedeutung von Wissen ist den KMU zweifelsohne bewusst. Allerdings wird die Bedeutung von Wissensmanagement, also dem systematischen Umgang mit der Ressource Wissen, für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen unterschätzt. Wissensmanagement bedeutet, die systematische Aufrechterhaltung eines Wettbewerbsvorteils. In der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft stellt Wissen oftmals den einzigen zentralen Wettbewerbsfaktor dar.   

Sehen Sie, dass viele Unternehmen diesen Ansatz tatsächlich leben?
Leider bleibt es häufig bei Lippenbekenntnissen und Absichtserklärungen. Oft fehlen Strategien und Vorgehensweisen, die die Frage beantworten, was sich aus der Bedeutung von Wissen nun für das eigene Unternehmen konkret ergibt. Welches Wissen ist für uns heute und morgen wichtig, welches ist verfügbar, welches fehlt? Das sind grundsätzliche Fragen, auf die KMU eine Antwort haben 
sollten.

Wodurch geht in Unternehmen am häufigsten Wissen verloren?
Das wirklich wichtige Wissen in Unternehmen ist immer noch an Personen gebunden. Ein Problem entsteht also dann, wenn Wissensträger das Unternehmen verlassen. Häufig wird eine Lücke erst festgestellt, wenn es bereits zu spät ist. Hier gilt es, die wichtigen Wissensträger zu identifizieren und dafür zu sorgen, dass deren Wissen an Kollegen weitergegeben – oder eben in Wikis, Projektberichten oder Videos verfügbar gehalten wird. Auch das Fehlen einer Systematik und Ordnung im Informations- und Wissensdschungel kann sich negativ auswirken. Das Wachstum von Unternehmen, das Gründen neuer Abteilungen oder Niederlassungen kann auf einmal zu Wissensverlusten führen, da die bisherigen Formen, Wissen auszutauschen, nicht mehr funktionieren. Der klassische Ausspruch, „Wenn unser Unternehmen nur wüsste, was unser Unternehmen weiß“, hat nach wie vor Gültigkeit.

Wie wirkt sich so ein Verlust aus?
Das Rad muss immer wieder neu erfunden werden! Und dafür werden wertvolle Ressourcen vergeudet. Zudem wird vorhandenes Wissen oft aufgrund von mangelnder Kommunikation gar nicht ausgetauscht. Wenn die Unternehmenskultur den Wissensaustausch nicht fördert, wenn die Vorgesetzten Wissen selbst nicht teilen, funktioniert auch das beste Wissensmanagement nicht. Sowohl zu wenig, als auch zu viel unorganisiertes Wissen können also Unternehmen lähmen. Dazu kommt, dass Wissen systematisch für die Zukunft entwickelt werden muss. Welches Wissen brauchen wir in zwei Jahren und wie können wir uns dieses am besten aneignen?

Wie wirkt sich der Verlust von Wissen abgesehen von leeren Kilometern aus?
Wissen entfaltet seine Bedeutung immer im Bedarfsfall, dann ist es aber häufig auch zeitkritisch. Fehlendes Wissensmanagement kann also die Wettbewerbsfähigkeit mindern. Ein gutes Wissensmanagement führt dazu, dass man weiß, wie die Branche tickt, welche technologischen Entwicklungen sich abzeichnen, wie sich die Kundenbedürfnisse verändern. Aktuell benötigtes und nicht vorhandenes Wissen muss dagegen teuer erarbeitet oder zugekauft werden. Und natürlich kann es dazu führen, dass ein Auftrag oder gar ein Kunde verloren gehen. Es reicht bereits, wenn Informationen über Vorlieben eines bestimmten Kunden nicht weitergegeben werden, dieser Kunde ist dann sehr schnell beim Konkurrenten.

Was müssen Unternehmer konkret tun, um das zu verhindern?
Zunächst sollte ein systematisches Wissensaudit durchgeführt werden. Dieses zeigt, wo Schwachstellen und blinde Flecken liegen. Eines der wichtigsten Instrumente sind immer noch unternehmensweite Gelbe Seiten, die Auskunft geben, über welche Kompetenzen die Mitarbeiter verfügen, wer an welchen Projekten gearbeitet hat, welche Zusatzkenntnisse vorliegen. Moderne Gelbe Seiten orientieren sich dabei an dem, was man von sozialen Netzwerken wie Facebook gewohnt ist. Dazu kommen auch die schnelle Kommunikation und der Informationsaustausch. Es entsteht also ein Kommunikationsraum, in dem die Beteiligten gemeinsam Wissen und Informationen teilen. Zunehmend ist es aber auch wichtig, in einer Art Wiki wettbewerbsrelevantes Wissen und Kernkompetenzen des Unternehmens für den schnellen Zugriff aufzubereiten und den Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen. Gerade die Web- und App-Entwicklung hat hier viele intuitiv nutzbare Instrumente bereitgestellt. 

Wie sieht Ihre Erfahrung aus: Nehmen die Mitarbeiter solche Angebote gut an?
Eines muss klar sein: Technologische Systeme bleiben immer nur Werkzeuge und Hilfsmittel. Im Mittelpunkt des Wissensmanagements steht der Mensch: Er muss bereit und motiviert sein, Fragen zu stellen, Antworten zu liefern und an gemeinsamer Problemlösung zum Wohle des Unternehmens mitzuwirken. Die Unternehmenskultur ist der zentrale Erfolgsfaktor, ob technologische Systeme mit den richtigen und wichtigen Informationen gefüllt und genutzt werden. Ohne motivierte und engagierte Mitarbeiter funktioniert kein Wissensmanagement. 

Wie kann der Austausch abseits technischer Lösungen gefördert werden?
Die persönliche Kommunikation, der persönliche Wissensaustausch, stellt eines der wichtigsten Instrumente dar. Mentoringprogramme – also ältere und erfahrene Mitarbeiter unterstützen jüngere Mitarbeiter oder Mitarbeiter, die vor dem Ausscheiden stehen, arbeiten systematisch die Nachfolger ein –, Wissenstage, die neue technologische oder Marktentwicklungen vorstellen und zur Diskussion bringen, sind ebenso sinnvoll. Aber auch Formate, bei denen Mitarbeiter in einer lockeren Umgebung ihre neuen Projekte und offene Fragestellungen zur Diskussion stellen, sind sehr wichtig. Jedes Unternehmen sollte hier experimentieren: Was passt zu uns, was hat sich bewährt, was nicht? Auch dies sollte ein Optimierungsprozess sein, der Innovationen ermöglicht.

Mitarbeiter bleiben heute generell nicht mehr über so lange Zeiträume in Unternehmen wie früher. Was bedeutet das für das Wissen im Unternehmen?
Diese Entwicklung verdeutlicht noch mehr die Bedeutung des Wissensmanagements. Gelebtes Wissensmanagement vom ersten bis zum letzten Tag der Betriebszugehörigkeit ist essentiell. Innere Kündigung, Wissenshortung und Barrieren beim Zugriff und Austausch von Wissen dürfen nicht toleriert werden. Das ist eine zentrale Managementaufgabe über sämtliche Funktions- und Hie­rarchieebenen hinweg.

Ihr Befund: Wie steht es in Österreich um die Bildung, also um die Basis des Wissens? 
Es ist sehr populär geworden, das Bildungssystem schlecht zu reden. Wir haben aber durchaus gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte. Das konkrete Wissen als abrufbares Wissen verliert künftig an Bedeutung, fast alles Wissen der Welt lässt sich innert kürzester Zeit im Internet abrufen. Gefragt sind zunehmend also Kompetenzen, Wissen zusammenzufügen, über den Tellerrand zu blicken, die richtigen Partner zusammenzubringen und gut persönlich kommunizieren zu können. Gerade Letzteres ist ein wesentliches Merkmal der österreichischen Kultur. Wissen ohne Kommunikation ist zwecklos. Ich glaube, Österreich ist daher international ganz gut aufgestellt.