Europa spielt nicht mit

Zahlungsverkehr
05.04.2021

 

Christian Pirkner will mit Bluecode berührungsloses Bezahlen per Smartphone etablieren. Damit fordert er die großen digitalen Player aus den USA und Asien heraus – mit Erfolg.

Sie waren bereits in jungen Jahren im Silicon Valley erfolgreich. Ihr Fintech Bluecode haben Sie jedoch in Österreich und der Schweiz gestartet. Welche Erkenntnisse aus Ihrer Zeit in Kalifornien können Sie dafür nutzen?
Mit 21 Jahren bin ich für mein Doktorat an die New York University gegangen. In San Francisco habe ich dann die Möglichkeit bekommen, ein Start-up zu gründen. Das war 1999. Die Musikindustrie war damals in einem Formatwechsel: von der CD als Format hin zu digitalen MP3-Files und dann zu Streaming. In jeder Industrie erfolgen Formatwechsel in Umbruchphasen. In solchen Phasen entscheidet sich enorm viel. Wir haben eine Software geschrieben, wie man Lieder mit dem Mobiltelefon erkennt. Man kennt das heute als Shazam. Mit dem zweiten Start-up haben wir genau das Gleiche gemacht: einen Formatwechsel von der DVD hin zum Streaming, Netflix war einer unserer Kunden. In diesem Formatwechsel wurden die Regeln neu geschrieben, wie wir heute Videos schauen, wer das Angebot liefert, wer die Daten bekommt, wer am Schluss die Geschäftsmodelle bestimmt. Wer die Kundenreise hält, der hält am Ende die Marge in der Wertschöpfung, das ist in der mobilen und digitalen Welt das A und O. Und im Payment ist jetzt wieder ein Formatwechsel in Gang. Die Plastikkarten und Cash weichen dem Mobiltelefon. Nun kommt es wieder zur Frage: Wer spielt am Ende mit? Wer erstellt die Regeln?

Kann man es als europäischer David überhaupt mit den digitalen Goliaths aus den USA und Asien aufnehmen? Das Produkt muss besser sein. Und zwar nicht ein wenig besser, sondern viel besser. Und das ist verdammt schwer. Apple Pay oder Google Pay sind tolle Produkte. Aber sie haben die jahrzehntealte Kartentechnologie als Basis. Klar ist, dass Payment der wichtigste und häufigste Geschäftsvorfall des Menschen ist. Wir alle zahlen, teilweise mehrfach am Tag. Und das Wichtigste: Es ist der ehrlichste Geschäftsvorfall des Menschen. Sie können den ganzen Tag lang tweeten und chatten und liken. Aber wo das Geld hingeht, das definiert Ihre Präferenzen besser als alles, was Sie sonst tun. Darum herrscht so ein enormer Kampf um die Kundenreise. Stand heute spielt Europa im Payment nicht mit. Jetzt wird es digital. Da reizt es mich zu sagen, den Formatwechsel kenne ich. Jetzt schauen wir mal, ob wir das in Europa doch hinbekommen. Es kann nicht sein, dass wir am Ende des Tages keine Möglichkeit haben, europäisch zu zahlen. Das werden wir schon noch schaffen. Denn das Glück eines Start-ups ist, die Dinge ganz neu definieren zu können.

Welche Vorteile ergeben sich dadurch? Bluecode ist ein Regelwerk, so wie eine VISA oder Mastercard, das Rechte und Pflichten der Teilnehmer regelt. Viel, viel kleiner natürlich, aber vom Prinzip ist es identisch. Und weil wir das Regelwerk selbst von Neuem schreiben, haben wir auch keine Legacy. Wir haben keine jahrzehntealten Dinge, die wir mitschleppen müssen. Wir konnten den Prozess einfach von Beginn weg neu designen, weil wir Technik und Juristerei dazu haben. Und damit ist das Produkt mit Abstand schneller und bequemer für den Endkunden und für den Kassierer als alles, was heute da ist. Am Ende soll der Kunde wirklich sagen, ich zahle lieber so mit einem blauen Code. Nicht nur, weil es europäisch ist – dafür steht die Farbe Blau, nicht nur weil er laut Datenschutzgrundverordnung anonym ist, sondern weil es auch wirklich schneller und angenehmer ist.

Gab es bisher einen großen Stolperstein oder Irrweg? Ich hatte diese Naivität aus Kalifornien mitgenommen, dass man nicht nur mit einer guten Idee, sondern auch mit einer fertigen Technologie und mit einem fertigen Produkt die Teilnehmer, also die Banken und den Handel, relativ schnell überzeugen kann. Es bringt der Bankwirtschaft mehr Erlöse und dem Händler weniger Kosten. Es ist also ein wirklicher Win-win. Ich war überzeugt, dass man damit sehr schnell Partner findet. Aber da war ich wirklich naiv, das ist nicht so schnell geglückt, wie ich mir das erträumt oder erhofft hatte. In Kalifornien wäre das ganz klar anders gewesen.

„Payment ist der wichtigste und häufigste Geschäftsvorfall des Menschen.“

Und das größte Highlight? Ein absolutes Highlight ist „jö&GO!“, also die Kooperation mit dem Jö-Bonusclub in Österreich. Man kann jetzt direkt aus der App mit einem Scan die Kundenbindung und die Zahlung erledigen. Und man kann den Scan sogar schon ganz zu Beginn der Kundenreise machen. Sie gehen also zu Ihrem Händler, Sie sammeln Ihre Ware und jetzt gehen Sie zur Kasse. Und das Erste, was Sie tun, Sie zeigen die App mit dem blauen Code. Das Zahlen entfällt völlig. An diesem Code, verknüpft mit der Cloud, hängt auch die Kundenkarte und damit alle Coupons und Gutscheine. Und dieser Code kann am Ende der Reise auch vom Konto direkt bezahlen. Es ist ein kleiner Anfang, aber der Bonusclub hat vier Millionen Mitglieder von acht Millionen Österreichern. Für uns ist es ein tolles Produkt.

Was kann Österreich von Kalifornien lernen, wo besteht Aufholbedarf? Viele von uns fahren inzwischen ein batteriebetriebenes Auto. Und das nicht wegen Tesla, sondern wegen Elon Musk. Wir nutzen das Mobiltelefon. Nicht, weil Apple es disrupted hat. Sondern wegen Steve Jobs. In jeder Industrie gibt es ein paar visionäre Unternehmer, leicht verrückt und doch sehr kompetent. Von Zehntausenden schaffen es fünf, aber die definieren dann: Hier geht es lang, mir nach! Im Silicon Valley trifft man ständig auf solche Menschen, deswegen gibt es dort so einen Drive. In Europa nimmt man an, dass Innovation und Disruption aus Firmen kommen, aus Gremienbeschlüssen. Wenn man ein wenig von dem kalifornischen Drive auf Schule, Politik und Betriebe in Europa übertragen könnte, dann hätte man schon viel erreicht.

INTERVIEW: MARKUS MITTERMÜLLER

BLUECODE

Die in Österreich entwickelte und patentierte Zahlungslösung Bluecode ermöglicht sicheres Bezahlen via Smartphone. Beim Bezahlvorgang lässt der User den angezeigten blauen Barcode an der Registrierkasse des Händlers scannen, der Einkaufsbetrag wird anschließend vom Girokonto der Hausbank des Kunden abgebucht. Das Unternehmen hält dabei keine sensiblen Kundendaten. Auch die Mehrwert-Plattform von Bluecode funktioniert anonym. Kunden können bei teilnehmenden Händlern automatisch digitale Stempelpässe sammeln, ohne ihre Identität preiszugeben.