Osteuropa

Grüne Chancen im Osten

CEE
14.06.2023

Die grüne Wende in Ostmitteleuropa bietet Perspektiven für österreichische Unternehmen. In Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei besteht in einigen Bereichen noch Aufholbedarf. Eine neue Studie zeigt, welche das sind und wie diese genutzt werden können.
Solarpaneele
Solarpaneele

Die angestrebte Klimaneutralität in der Europäischen Union (EU) bis zum Jahr 2050 ermöglicht für österreichische Unternehmen in Ostmitteleuropa Chancen. Denn in den Visegrád-Staaten (Polen, Ungarn, Tschechien und Slowakei) besteht einiges an Aufholbedarf im Bereich der erneuerbaren Energie und des Recyclings, so die neue Studie „Towards a Greener Visegrád Group: Progress and Challenges in the Context of the European Green Deal“ des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Die Studie zeigt auch, dass wirtschaftliche Prosperität und Klimaschutz gemeinsam gehen können, und genau hier gilt es anzusetzen.
Der europäische Green Deal der EU ist ein ehrgeiziger Plan. Eine Vielzahl an Maßnahmen zum Schutz der Umwelt, zur Reduktion der Emissionen in der Wirtschaft, aber auch im privaten Sektor sowie die Förderung zur Transformation hin zu einer grünen Wirtschaft wurden auf die Fahnen geschrieben. Die Voraussetzungen in den 27 Mitgliedstaaten sind allerdings sehr unterschiedlich. Kleinere Länder mit weniger großen Indus­triebetrieben werden sich bei den Umsetzungen etwas leichter tun als Länder, für die Industriezweige wie die Automobilindustrie oder auch der Kohleabbau eine zentrale Rolle spielen. Denn an diesen Branchen hängen viele Arbeitsplätze. Besonders die Visegrád-Staaten sind stark industriell ausgerichtet und haben eine hohe Abhängigkeit von fossiler Energie. „Die Automobilindustrie, deren Wertschöpfung und Lieferketten nach wie vor auf den Verbrennungsmotor ausgerichtet sind, spielt in der Region eine dominante Rolle“, sagt Tobias Riepl, Ökonom am wiiw und Co-Autor der Studie.

Aufholbedarf

Ziel zur Reduktion der fossilen Energien geeinigt. Zwar erreichten die vier Visegrád-Staaten im Zeitraum bis 2020 die vorgegebenen Ziele, jedoch besteht weiterhin ein großer Aufholbedarf bei erneuerbaren Energien. Ein Vergleich: Tschechien und die Ungarn erreichten 2020 rund 13 Prozent an erneuerbaren Energien, die Slowakei 14 Prozent und Polen 15 Prozent. In Österreich hingegen machen erneuerbare Energien bereits 40 Prozent aus. „Die Visegrád-Staaten befinden sich nach wie vor in einem wirtschaftlichen Konvergenzprozess, der tendenziell zu einem Anstieg der CO₂-Emissionen führt und deshalb teilweise im Konflikt zu den EU-Klimazielen steht“, erklärt Riepl den Unterschied. Der Energiemix in den Ländern ist höchst unterschiedlich. Nuklearenergie ist beispielsweise in der Slowakei äußerst wichtig. 54 Prozent der gesamten Energie wird in den Atomkraftwerken des Landes erzeugt. Ähnlich wichtig ist die Atomkraft auch in Ungarn, hier sind es immerhin 46 Prozent des ganzen Bedarfs. In Tschechien ist der Mix aus Kohle und Atomstrom der zentrale Energiefaktor. Beide Energieressourcen gemeinsam machen beinahe 80 Prozent aus. Polen hingegen setzt zu 70 Prozent auf Kohle. Um die Klimaziele der EU im Jahr 2050 zu erreichen, braucht es in den Ländern erhebliche Bemühungen, um den Umstieg auf erneuerbare Energien zu schaffen. Durch das Corona-Wiederaufbauprogramm NextGenerationEU soll nun der Umbau stückweise voranschreiten. Denn 40 Prozent der Gelder aus Brüssel an die Mitgliederstaaten müssen in klimarelevante Projekte investiert werden. „Den Visegrád-Staaten fehlt für ihre Umsetzung aber die industrielle Basis und die technologische Kompetenz. Österreich hat beides und auch viel Erfahrung in diesen Ländern“, meint Riepl.

Innviertler Unternehmen in Polen

Ein kompetentes österreichisches Unternehmen mit bereits beinahe 40 Jahren Erfahrung ist der Heiztechnikspezialist Hargassner mit Hauptsitz in Ried im Innkreis. Das Unternehmen hat sich bei der Gründung zum Ziel gesetzt, umweltfreundliches Heizen mit erneuerbaren Energien voranzutreiben. Damit gehörte man in den mittleren 1980er-Jahren zu den Pionieren in Europa. Für das Produktsortiment bei Pellet-, Hackgut- und Stückholzheizungen wurde dem Unternehmen 2021 sogar der Staatspreis in der Kategorie „Umwelt, Klima und Energie“ von Umweltministerin Leonore Gewessler (Die Grünen) verliehen. Über 700 Mitarbei­ter*innen beschäftigt Hargassner, und der Export der Produkte ist ein wichtiger Bestandteil der Firmenstrategie. In 43 Länder wird exportiert, was einen Export von 70 Prozent ergibt. Im Jahr des Staatspreises expandierte das Unternehmen aus dem Innviertel nach Polen, also eines der Länder, in denen laut wiiw beste Chancen für österreichische Unternehmen bestehen. Hargassner übernahm damals das polnische Unternehmen Rakoczy Stal. „Wir haben bereits seit geraumer Zeit das Tochterunternehmen Hargassner-Polska, wo wir einen Großteil unserer Wärmetauscher fertigen. Über diese Firma haben wir natürlich immer wieder Kontakte zu anderen polnischen Firmen erhalten. Die Firma Rakoczy Stal haben wir damals zum Kauf angeboten bekommen und wollten damit unsere Produkte für den osteuropäischen Markt erweitern bzw. festigen“, sagt Anton Hofer, Produktmanager bei Hargassner im Gespräch.

Umweltschonende Heizprodukte bei Hargassner
Moderne Produktionsstätten sind bei Hargassner zentral für die umweltschonenden Heizprodukte.

Erfolg durch Kooperation

Zwei Jahre nach der Übernahme des Unternehmens aus der Stadt Stalowa Wola hat Hargassner im März 2023 ein weiteres Mal in Polen zugeschlagen. „Die neue Kooperation mit HT-Heiztechnik ist für uns in zweierlei Sicht sehr interessant, erstens fertigt die Firma sehr gute und preisgünstige Pelletkessel im großen Stil für den osteuropäischen Markt und zweitens haben sie eine neue Wärmepumpenproduktion aufgebaut“, so Hofer. IT-Heiztechnik ist in der Kleinstadt Skarszewy in Pommern beheimatet und exportiert Biomassekessel, Wärmepumpen und weitere Heizgeräte auch in das Baltikum, nach Tschechien, Moldawien und Ungarn. „Die neuen Wärmepumpen wird IT-Heiztechnik am osteuropäischen Markt platzieren und wir werden ein Hybridprojekt Pellets plus Wärmepumpe für Westeuropa erarbeiten und prüfen“, sagt Hofer. Hargassner glaubt an ein weiteres Wachstum der Biomasse am osteuropäischen Markt, daher hat das Unternehmen mittlerweile ein Vertriebsnetz aufgebaut, und mit den Tochterunternehmen soll das auch in Zukunft gut gelingen. „Wir haben ein Vertriebsnetz von Rumänien bis Lettland aufgebaut. Wir verkaufen hier auch bereits größere Anlagen von 100 bis 2.500 kW sehr gut. Im kleineren Leistungsbereich stellt sich der Verkauf aber relativ schwierig dar, da das ortsübliche Preisniveau relativ niedrig ist. Mit den neuen Tochterunternehmen haben wir jetzt auch für die Preisschiene die richtigen Produkte“, erklärt Hofer.

Große und kleine Projekte

Eine weitere Aufgabe für die Visegrád-Staaten ist es, dass Umwelt-, Klima- und Energiefragen noch nicht den Stellenwert in der breiten Gesellschaft haben, wie es in Westeuropa und Österreich der Fall ist. Hierzulande ist mehr als ein Viertel der Bevölkerung davon überzeugt, dass das die dringenden Fragen für das Land sind, auf die es Antworten benötigt. In Polen und Ungarn hingegen sind es nur zehn Prozent, in der Slowakei und in Tschechien etwas unter 15 Prozent. Die Studie des wiiw beruft sich dabei auf die Beziehung zwischen dem Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung, also dem Bruttoinlandsprodukt, und den Fortschritten gemessen an den CO₂-Emissionen. Weniger fortschrittliche Volkswirtschaften haben daher eine doppelte Herausforderung zu bewältigen, um die wirtschaftliche und die ökologische Konvergenz zu verbinden. Hierin sieht auch Hargassner für österreichische Betriebe in Ostmitteleuropa eine Möglichkeit. „Wir sehen eine sehr große Chance für österreichische Unternehmen, da diese in den letzten Jahren sehr viel Geld in den Bereichen Klima und Umwelt in die Entwicklung investiert haben. Bei größeren Projekten ist die Umsetzung jedoch einfacher möglich, da es hier sehr gute finanzielle Unterstützung der Staaten, aber auch von der EU gibt. Bei den kleineren Projekten im privaten Bereich ist der Verkaufspreis meistens das Hindernis“, so Hofer.

Anton hofer
Anton Hofer, Projektmanager bei Hargassner

"Ich sehe sehr gute Chancen für österreichische Unternehmen in Osteuropa."