Humanoide Roboter stehen laut einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens Roland Berger vor dem Übergang von der Entwicklungsphase in die industrielle Anwendung. Fortschritte in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik-Hardware könnten dazu führen, dass entsprechende Systeme perspektivisch zu Betriebskosten von rund zwei US-Dollar pro Stunde arbeiten.
Damit könnten humanoide Roboter insbesondere in Hochlohnländern wie Österreich zu einem Faktor für Wettbewerbsfähigkeit werden. Gleichzeitig eröffnen sich laut der Studie neue Möglichkeiten, um dem Fachkräftemangel zu begegnen und zusätzliche industrielle Wertschöpfung zu schaffen.
„Wir erleben gerade, wie technologische Machbarkeit auf wirtschaftliche Notwendigkeit trifft. Die entscheidende Frage ist also nicht mehr, ob humanoide Roboter kommen, sondern wie schnell sie skalieren“, sagt Thomas Kirschstein, Partner bei Roland Berger in München.
Wachstumspotenzial in Milliardenhöhe
Die Studie prognostiziert für Hersteller von Robotiksystemen bis zum Jahr 2035 ein Umsatzvolumen von rund 300 Milliarden US-Dollar. In optimistischeren Szenarien könnten bis zu 750 Milliarden US-Dollar erreicht werden. Langfristig sieht die Analyse ein Marktpotenzial von bis zu vier Billionen US-Dollar, was einer Größenordnung vergleichbar mit der globalen Automobilindustrie entsprechen würde.
Neben den Herstellern selbst könnten auch Zulieferbetriebe und Technologieanbieter profitieren. Die Wertschöpfungskette reicht von mechanischen Komponenten und Sensorik bis hin zu Elektronik und Produktionsanlagen und baut vielfach auf bestehenden industriellen Kompetenzen auf.
Einsatz zunächst in klar definierten Anwendungen
Der breitere Einsatz humanoider Systeme hängt laut Studie weiterhin von technologischen Fortschritten ab. Während die Hardware bereits weit entwickelt sei, würden sich Softwarelösungen, Lieferkettenstrukturen und regulatorische Rahmenbedingungen noch in Entwicklung befinden.
Kurzfristig wird der Einsatz vor allem in standardisierten, wiederkehrenden Aufgaben gesehen, etwa beim Auspacken oder Transportieren von Gütern. Mit zunehmender Reife der Software könnten sich die Einsatzbereiche erweitern.
Eine zentrale Rolle spielen zudem Anforderungen an Haltbarkeit sowie Sicherheits- und Haftungsfragen. Humanoide Roboter müssten im Dauerbetrieb auch unter anspruchsvollen Produktionsbedingungen zuverlässig funktionieren.
Regulatorischer Rahmen
Bestehende Sicherheitsstandards sind laut Studie überwiegend auf klassische, abgeschirmte Automationslösungen ausgerichtet. Da humanoide Roboter in unmittelbarer Nähe zu Menschen arbeiten, seien neue Prüf- und Zertifizierungsverfahren sowie einheitliche gesetzliche Regelungen erforderlich.
Für Europa sieht die Studie sowohl Chancen als auch Handlungsbedarf. Zwar verfüge der Standort über eine starke industrielle Basis, insbesondere im Maschinenbau, in der Automobilindustrie und in der Automatisierungstechnik. Gleichzeitig lägen Investitionen, Produktionsvolumina und Startup-Strukturen derzeit hinter jenen in den USA und China.
„Europa hat die technologischen Fähigkeiten, in Zukunft von humanoiden Robotern zu profitieren. Was fehlt ist die Entschlossenheit, in eigene Wertschöpfungsketten zu investieren und schnell zu skalieren“, sagt Thomas Kirschstein, Partner bei Roland Berger in München.
Humanoide Roboter könnten laut Studie dazu beitragen, arbeitsintensive Produktion wieder verstärkt nach Europa zu verlagern. Voraussetzung sei jedoch der Aufbau eigenständiger Wertschöpfungsstrukturen sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen Industrie, Zulieferbetrieben und Technologieanbietern. Andernfalls bestehe das Risiko einer stärkeren Abhängigkeit von internationalen Technologien.