Zartschmelzende Zeitenwende

Betriebsübergabe
10.10.2022

 
Durch Produktionssteigerung, Expansion und Einführung eines Online-Shops konnte der Wiener Schoko-Produzent Heindl den Umsatz sogar gegenüber vor Corona deutlich steigern. Zugleich bereitet die Familie einen Generationswechsel vor: Die neue Führung wird weiblich.
Barbara und Andreas Heindl.

Text: Alexandra Rotter

Schon im August klopfen jedes Jahr die Stammkunden an die Scheiben der Heindl-Eigenfilialen und fragen, ob es wieder Schoko Maroni gibt, erzählt Geschäftsführer Andreas Heindl. Das ist zwar noch zu früh, aber fragen wird man ja noch dürfen. Mittlerweile ist es so weit: Mitte September feierte die Confiserie Heindl zur Saisoneröffnung erstmals nach drei Jahren mit ihren Stammkunden wieder ein Schoko-Maroni-Fest. Jetzt gibt es Heindls „wichtigsten Artikel des Jahres“ wieder, wie Heindl sagt. Schoko Maroni sorgen zwischen September und Dezember täglich für rund 40 Prozent des Heindl-Umsatzes – bei einem Sortiment von mehr als 200 Artikeln. Dazu gehören etwa auch alle Pischinger-Produkte, seit Heindl 2006 den Waffel-Produzenten übernommen hat.

Neben dem Saisonstart der Schoko Maroni ist das Familienunternehmen mit Sitz im 23. Bezirk von Wien auch schon mitten in der Produktion der Nikolo- und Weihnachtsartikel. Dass der Betrieb wieder auf Hochtouren läuft, ist nach den Corona-Lockdowns besonders erfreulich. Zwar konnte man im ersten Covid-Jahr durch die Einführung eines Online-Shops die Stammkundschaft erreichen, doch das Geschäft durch die Laufkundschaft fiel weitgehend weg. Der Umsatz fiel von 20 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2019/20 (August bis Juli) auf 17,5 Millionen 2020/21. Heute kann Andreas Heindl darüber scherzen, dass die Corona-Lockdowns just immer dann begonnen haben, wenn die Saisonware schon produziert war: „Die haben nicht auf uns Rücksicht genommen, Gemeinheit!“ Damit die Ware nicht verdirbt, hat man viel verschenkt.

Umsatzstarke Online-„Filiale“

Mittlerweile zog der Umsatz deutlich an und lag 2021/22 – ohne die beiden auch 2006 übernommenen United-Chocolates-Filialen – bei 23,5 Millionen Euro. Die Mitarbeiter-Anzahl von 270 blieb seither stabil. Dass das gelungen ist, liegt unter anderem daran, dass man in der Corona-Zeit einige Eigenfilialen – es sind jetzt 32 – auf bessere Standorte verlegt und modernisiert hat. Neue Filialen gibt es in Wien in der Mariahilfer Straße und in der Galleria Landstraße sowie im Fischapark Wiener Neustadt. Und der 2020 eingeführte Online-Shop ist eine der umsatzstärksten „Filialen“.
Zudem beliefert Heindl mittlerweile fast den ganzen österreichischen Lebensmittel-Einzelhandel – trotz des kurzen Ablaufdatums von 30 Tagen ab Produktion sogar mit Schoko Maroni. Ein wichtiger Schritt war die Expansion nach Deutschland. So gehört die Drogeriekette Müller ebenso zu den neuen Vertriebspartnern wie Kaufhof Galeria und Edeka. Und auch im Fernsehverkauf ist man erfolgreich: Jeweils vor Saisonstart tritt dort in 123TV Andreas Heindls Nichte Barbara auf und verkauft „in drei Stunden einen Lkw“ Heindl-Produkte.

Starke Kostensteigerungen

Doch nicht alles ist derzeit rosig: So spürt auch Heindl die erheblichen Preissteigerungen, zum Beispiel beim Strom, wenngleich es erfreulich ist, dass man zehn Prozent des Gesamtbedarfs durch eine eigene Photovoltaik-Anlage am Dach abdeckt. Die zugekaufte Schokolade wurde fast um ein Viertel, Zucker gar um 60 Prozent teurer. Verpackungsmaterial hat sich um bis zu 40 Prozent verteuert. Auch die Gehälter steigen in Inflationszeiten wie diesen. Hinzu kommt, dass der Tourismus sich noch nicht richtig erholt hat, was sich insbesondere auf den Verkauf von Produkten wie Mozartkugeln oder Sissitalern auswirkt.
Eine Erhöhung der eigenen Preise war da unumgänglich, wenngleich das Unternehmen die gestiegenen Kosten laut Andreas Heindl nicht zur Gänze an die Kundschaft weitergeben kann. Schließlich erhöhte Heindl die Preise im März um fünf und im Herbst um zehn Prozent. Immerhin mangelt es bisher nicht an Nachfrage. So hat etwa Billa heuer so viel der co-gebrandeten Heindl-Produkte bestellt, dass „wir ganz schön unter Druck sind“. Eine zusätzliche Produktionsmaschine für Schoko Maroni wurde gekauft und eine neue Einlegestraße angeschafft, wo die Maroni per Hand in die Bonbonnieren gelegt werden. Heindl: „Wir produzieren jetzt Riesenmengen an Maroni.“

Wunsch nach mehr Raum

Heindl sucht seit einiger Zeit nach einem Grundstück für einen Neubau, um noch mehr zu produzieren, denn: „Jetzt sind wir auf engstem Raum und produzieren dort so viel wie möglich.“ Doch da man wegen der Mitarbeiter nicht zu weit wegziehen will, ist die Suche schwierig: „Wir haben im 23. Bezirk einmal 250 Euro pro Quadratmeter gezahlt, mittlerweile muss man mindestens 1.000 zahlen.“ Ob Andreas Heindl, der auch frühere Neubauten realisiert hat, das noch ein letztes Mal tun kann, bleibt spannend, denn er geht in viereinhalb Jahren in Pension. Damit steht eine spannende Zeitenwende im Hause Heindl bevor: Die neue Generation ist weiblich. Sowohl die vier Kinder von Andreas als auch die zwei seines Bruders Walter junior, der seit zwei Jahren in Pension ist, sind Frauen. Vier von ihnen arbeiten bereits im Unternehmen – eine Tochter von Walter schon seit 20 Jahren. Den anstehenden Generationenwechsel überlässt die Familie nicht dem Zufall: Sie setzte vor einigen Jahren eine Familien-Verfassung auf, die auch die Firmen-Übergabe regelt – damals lebte auch Firmengründer Walter Heindl noch, der 2020 mit 93 Jahren starb. Barbara Heindl, eine der Töchter von Walter junior, erzählt: „Die ganze Familie hat gemeinsam mit einem Berater mehrere Monate lang erarbeitet, wie wir uns die Zukunft vorstellen.“ 

Geschäftsführungs-Ambitionen

In diesem Prozess wurde auch klar, dass Barbara die Einzige der nächsten Generation mit Ambitionen auf die Geschäftsführung ist. Sie wollte schon immer ins Unternehmen einsteigen, aber vorher andere Erfahrungen sammeln. So war sie etwa sechs Jahre bei Lauda Air und absolvierte einen MBA. Schon ein Dreivierteljahr nach ihrem Einstieg bei Heindl ergab sich die Möglichkeit, die Eigenfilialen zu übernehmen: „Ich habe mir gedacht: jetzt oder nie.“ Das ist fast 13 Jahre her und mittlerweile leitet sie auch das Marketing und ist somit für „alles, was der Kunde sieht“, verantwortlich. Schon jetzt führt sie mehr als 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und das mit Freude: „Ich kann mich selbst verwirklichen und frei entfalten.“ Auf die Frage, ob sich durch die weibliche Führung etwas ändern werde, sagt sie: „Jeder hat einen anderen Führungsstil, aber ich glaube nicht, dass das etwas mit männlich und weiblich zu tun hat. Das sind einfach Charaktereigenschaften.“ 
Bevor es zur Zepter-Übergabe kommt, steht noch ein großes Jubiläum an: 2023 wird Heindl 70 Jahre alt. Und wie wird das gefeiert? „Wir werden ganz sicher etwas machen“, sagt Barbara Heindl, „aber mehr wollen wir noch nicht verraten.“ Gut vorstellbar, dass zu diesem Anlass Eier-, Schoko-Maroni- und Punschkrapfen-Liköre fließen, die es seit Kurzem neu im Sortiment gibt. Die allerjüngste Generation wird da jedoch noch nicht mittrinken, denn sie sind noch Kinder. Fun-Fact: Mit einer einzigen Ausnahme sind es lauter Burschen.