Klein kauft Groß

Industrie
12.09.2021

Vor 40 Jahren wurde die ams AG als Austria Mikro Systeme International GesmbH gegründet. Gemeinsam mit der einstigen Siemens-Tochter Osram will der Konzern nun zum globalen Technologieführer für Sensoriklösungen und Photonik aufsteigen.

ams-CEO Alexander Everke will einen global führenden Anbieter von Sensoriklösungen und Photonik schaffen.

Minus 17,7 %, der 25. Juni 2020 war ein Schreckenstag – zumindest für die Aktionäre des steirischen Technologieunternehmens ams AG. Auslöser für den Kurssturz der ams-Aktie waren Gerüchte über Ermittlungen der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA) wegen angeblichen Insiderhandels. Doch die ganze Geschichte war wohl eher ein Sturm im Wasserglas, denn schon wenige Tage später zog die Aktie wieder beharrlich nach oben. Tatsächlich laufen solche Geschichten nahezu immer nach dem gleichen Schema ab: Journalisten bekommen Wind von angeblichen Ermittlungen, rufen den FMA-Pressesprecher an und der antwortet wie immer: „Wir gehen selbstverständlich allen Hinweisen wegen Gesetzesverstößen nach und ermitteln den Sachverhalt“ – fertig ist die Story. Wenn die Geschichte an die Öffentlichkeit gelangt, verkaufen unsichere Aktionäre ihre Papiere, der computergesteuerte Handel tut ein Übriges und die Aktie kracht in den Keller. Ob die Gerüchte bewusst lanciert wurden, um der ams bzw. dem Management zu schaden, steht bis heute in den Sternen. Fakt ist, dass das Unternehmen bei einer Anleihen- Emission, die wenige Tage später über die Bühne ging, die Wertpapiere nur höher verzinst positionieren konnte. Fakt ist auch, dass die Gerüchte just im Vorfeld einer anstehenden Entscheidung der Europäischen Kommission zur Übernahme des deutschen Lichtkonzerns Osram durch die deutlich kleinere ams auftauchten. Am 6. Juli, also nur wenige Tage nach dem Gerücht, winkte die EU-Kommission den Deal jedenfalls durch. Laut Kommission werde der Wettbewerb unter Herstellern von optischen Sensoren und Halbleitern dadurch nicht wesentlich verringert. Mit der Entscheidung der EUKommission war für ams eine wesentliche Hürde zur Übernahme des Osram-Konzerns genommen.

ZÄHER ÜBERNAHMEKAMPF

Die Geschichte vom Juni/ Juli des Vorjahres ist nur eine von vielen Episoden im – ja, man darf es so bezeichnen – Übernahmekampf um die ehemalige Siemens-Tochter Osram, die der deutsche Weltkonzern erst im Jahr 2013 im Rahmen eines Spin-offs an die Börse entließ. Begonnen hat der Poker, der den ams-Managern einiges an kühlem Blut und strategischem Geschick abverlangte, ein Jahr davor, als die deutsche Agentur dpa/ AFX ein wenig erstaunt meldete: „Ein österreichischer Konzern schaltet sich in den geplanten Verkauf von Osram ein.“ Die Osram-Aktie schoss außerbörslich in die Höhe. Dafür, dass das Interesse der Österreicher an Osram frühzeitig bekannt wurde, hatte der deutsche Konzern selbst gesorgt. Mit unverhohlener Skepsis hieß es in einer Aussendung vom 15. 7. 2019: „Der Vorstand der Osram Licht AG erachtet auf der Grundlage der derzeit verfügbaren Informationen die Transaktionswahrscheinlichkeit als sehr gering.“ Notiz am Rande: Das Management und der Aufsichtsrat des Konzerns hatte wenige Tage zuvor bekannt gegeben, dass man ein Angebot der US-Finanzinvestoren Bain Capital und The Carlyle Group unterstützen werde.

GLOBALE BEDEUTUNG IM FOKUS

Nach dem frühzeitigen Gang an die Öffentlichkeit hieß es am nächsten Tag aus der ams-Zentrale, dass man zwar mit Osram gesprochen habe, angesichts der jüngsten Entwicklung aber „keine ausreichende Grundlage“ sehe, um die Gespräche fortzusetzen. Punktum: Der Bieterkampf um Osram schien vorbei, noch bevor er so richtig begonnen hatte. Hinter den Kulissen bastelte man in der ams-Zentrale aber weiter an einer möglichen Übernahme. Bereits im August erklärten die Steirer, dass sie das Angebot der US-Finanzinvestoren um rund 10 % überbieten wollen – der Preis: 38,50 Euro je Osram-Aktie. Von Osram hieß es nunmehr: „Nach unserer vorläufigen Einschätzung erscheint das vorgelegte Finanzierungskonzept verbindlich und tragfähig.“ Mitte September kam dann der endgültige Stimmungswandel bei Osram. Vorstand und die Mehrheit des Aufsichtsrates empfahlen ihren Aktionären die Annahme des ams-Angebotes. Nachdem Gerüchte über ein erhöhtes Angebot der Finanzinvestoren aufgetaucht waren, legte ams Ende September 2019 noch einmal nach und bot nun 41 Euro je Osram-Aktie. Dennoch schafften es die Österreicher im ersten Anlauf nicht ganz, die selbst auferlegte Mindestannahmeschwelle von 62,5 Prozent der Osram-Aktien zu überwinden. Nach Senkung der Schwelle auf 55 % und einer weiteren Empfehlung des Osram- Vorstandes, das ams-Angebot anzunehmen, gelang es dann doch im zweiten Anlauf, die Aktionäre zu überzeugen. Warum sich der österreichische Konzern das Ganze überhaupt angetan hat, erklärte der ams-CEO Alexander Everke mit folgenden Worten: „Unsere Vision mit Osram ist es, einen global führenden Anbieter von Sensoriklösungen und Photonik zu schaffen, der auf europäischer Technologie basiert und damit sicherstellt, dass Europa seine weltweite Spitzenstellung bei optischen Technologien beibehält.“ Dass der österreichische David den dreimal so großen „Goliath“ aus Deutschland übernehmen konnte, hat also nicht zuletzt mit der langfristig orientierten Unternehmensstrategie zu tun und dem vorausschauenden Engagement im Bereich F&E, welches dem Konzern zahlreiche nationale wie internationale Auszeichnungen einbrachte.

DURCH STRATEGISCHE ZUKÄUFE WACHSEN

Dabei gab es im Laufe der 40-jährigen Unternehmensgeschichte auch bei ams Höhen und Tiefen. 1981 von American Microsystems Inc. und der Voest-Alpine AG als Joint Venture gegründet, galt ams zehn Jahre später als eines der 25 am schnellsten wachsenden Unternehmen Europas. Im Juli 1993 wagte das Unternehmen als erstes Halbleiterunternehmen in Europa den Gang an die Wiener Börse. Nach der Übernahme des Unternehmens, das damals noch Austria Mikro Systeme International hieß, durch die von internationalen Investmentfonds getragene Aspern Industrie Beteiligungs AG im Jahr 2000 erfolgte der Rückzug von der Wiener Börse. 2004 startete die in austriamicrosystems umbenannte Firma an der Börse in Zürich. Die Wirtschaftskrise 2008/09 bekam auch ams zu spüren, doch bereits zwei Jahre später war der Konzern „back on track“. Es folgte eine Reihe von strategischen Zukäufen, durch die der Konzern bis Ende 2017 auf einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro wuchs. Trotz Wachstum sind Inklusion und Integration bei ams nicht nur ein Schlagwort, sondern werden auch tatsächlich gelebt. Aktuell arbeiten Menschen aus 60 verschiedenen Nationen für das Unternehmen, der Frauenanteil liegt bei rund 50 %. Erst vor wenigen Monaten wurde Jennifer Zhao Executive Vice President und General Manager der Advanced Optical Sensors Division von ams auf der Sensors Innovation Week 2020 von Questex als „Frau des Jahres“ ausgezeichnet. Um ein Zeichen der Integration zu setzen und wohl auch um einigen durchaus bösen Kommentaren deutscher Medien den Wind aus den Segeln zu nehmen, wird das Unternehmen künftig ams Osram heißen. Apropos böse Kommentare: Im November 2019, als der Übernahmekampf von Osram noch voll im Gang war, titelte der Spiegel über den ams-CEO Alexander Everke: „Der Möchtegern-007 im Casino Royale“. Im selben Jahr erhielt der Manager übrigens den Top of Styria Award und wurde auf der AspenCore Global CEO Summit als Executive of the Year geehrt. Letztlich bleibt alles im Leben eine Frage des Standpunktes.

Autor/in: HARALD FERCHER