Die Wirtschaft: Wodurch zeichnen sich High Performer aus?

Christian Gröger: Viele High Performer gehören zur Generation der Babyboomer oder zur Generation X, also zu den Jahrgängen zwischen 1955 und 1980. Beide Generationen sind stark leistungsorientiert und verfügen über eine ausgeprägte Arbeitsmoral. Sie sind ans Kämpfen und Durchbeißen gewöhnt und machen oft auch dann weiter, wenn in der zweiten Lebenshälfte die Kräfte spürbar nachlassen.

Woher kommt der extreme Leistungsdrang?

Viele Führungskräfte dieser Generationen sind von Glaubenssätzen geprägt wie „Nur wenn ich viel leiste, bin ich gut“ oder „Alle brauchen mich, aber ich brauche niemanden“. Solche Überzeugungen wirken wie unbewusste Lebensregeln. Sie entstehen aus frühen Erfahrungen und bestimmen das Verhalten bis heute. Wer als Kind vor allem Anerkennung für Leistung bekam, wird auch später alles daransetzen, Höchstleistung zu bringen – notfalls bis zur völligen Erschöpfung.

Welche Muster prägen ihr Selbstverständnis, und welche Risiken entstehen daraus?

High Performer haben häufig den Anspruch, alles zu wissen und alles zu können. Schwäche zu zeigen, ist für sie kaum denkbar. Ähnlich wie ein Alpha-Tier in der Wildnis, das keine Verletzlichkeit zeigen darf, agieren manche Führungskräfte. Hilfe anzunehmen hieße, sich Grenzen einzugestehen. Gerade Top-Manager verlieren so leicht den Draht zur Organisation. Viele verharren im inneren Kampfmuster „Ich schaffe das schon“. Die Folge sind Erschöpfung, emotionale Distanz und zunehmende Ausbrenntendenzen. Der Gang zum Arzt bleibt oft die letzte Option.

Warum wird Selbstfürsorge oft vernachlässigt?

Selbstfürsorge war in den genannten Generationen selten Teil des Selbstverständnisses. Dominant war das Prinzip „höher, schneller, weiter“. Doch nachhaltige Leistungsfähigkeit braucht Pflege. Ich vergleiche das gern mit einem Auto: Ist es 150.000 Kilometer gefahren, entscheidet die Wartung über seine Zukunft. Wurde sie vernachlässigt, ist die Lebensdauer begrenzt. Viele Führungskräfte haben jedoch nie gelernt, rechtzeitig Stopp zu sagen. Ziele herunterzuschrauben oder ein Meeting abzusagen, kommt kaum infrage. Also wird weiter Vollgas gegeben.

Wann erkennen Führungskräfte, dass sie ihre Leistungsgrenzen erreicht haben?

Oft erst dann, wenn der Körper deutliche Signale sendet. Extreme Erschöpfung, massive Beschwerden oder im schlimmsten Fall der Krankenwagen vor der Tür sind keine Seltenheit. Viele Betroffene fühlen sich dauerhaft angespannt, latent depressiv oder innerlich getrieben. Typische Warnzeichen sind emotionale Erschöpfung, Zynismus, innere Unruhe, Gereiztheit, ständige Müdigkeit, Kopfschmerzen und ein schlechter Schlaf. Gleichzeitig werden selbst spätabends noch E-Mails beantwortet. Bewegung, gesunde Ernährung und echte Pausen kommen zu kurz. Das Feierabendbier wirkt wie eine Belohnung, verschlechtert aber die Schlafqualität. So entsteht chronischer Stress, der langfristig in ein Burnout führen kann.

Was sollten Führungskräfte tun, damit es nicht so weit kommt?

Zunächst braucht es die ehrliche Einsicht, dass man als Best Ager nicht mehr 25 ist. In vielen Managementkulturen dominiert das Prinzip der Extra-Meile. Doch diese Haltung ist mit über 50 häufig kontraproduktiv. Statt pausenloser Leistungssteigerung geht es um ein gesundes Sein in der Mitte des Lebens. Arbeit sollte im Einklang stehen mit ausreichend Schlaf, bewusster Erholung und Raum für soziale Kontakte. Entscheidend ist, die Signale des eigenen Körpers wahr- und ernst zu nehmen. Ignorieren oder dauerhaft zu Schmerzmitteln zu greifen, verschiebt das Problem nur.

Reichen Achtsamkeit oder Gespräche aus, um Stress zu lösen?

Nein, das greift zu kurz. Glaubenssätze lassen sich nicht allein auf kognitiver Ebene verändern, weil sie auch im Körper verankert sind. Der Körper speichert alte Erfahrungen häufig als Spannungsmuster im Nervensystem. Körperbasiertes Mentoring nutzt genau diese Verbindung zwischen Geist, Emotionen und Körper. Ziel ist es, psychische Erschöpfung und mentale Blockaden über bewusste Wahrnehmung und Regulation des Nervensystems zu lösen. Die Integration von Körperarbeit ist dabei zentral für die Wirksamkeit.

Wie funktioniert die Methode „Five Moves“?

Die von Andy Dittrich, zertifiziertem Trainer für Atemtechniken, entwickelte Methode basiert auf neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie geht davon aus, dass Stress zuerst als Körperzustand entsteht, dann als Emotion und erst danach als Gedanke. Blockaden haben dabei eine konkrete körperliche „Adresse“. Im Prozess wird zunächst das gewünschte Gefühl definiert, etwa Sicherheit oder Klarheit. Anschließend wird die Blockade lokalisiert, über gezielte Atmung reguliert und schrittweise transformiert. Entscheidend ist die Arbeit mit dem Wunschgefühl. Der Körper orientiert sich an einem positiven Zielzustand, wodurch eine Re-Traumatisierung vermieden wird. Der Mentor begleitet lediglich den Prozess, die Steuerung bleibt beim Klienten. So entsteht Selbstwirksamkeit statt Abhängigkeit.

Wie zeigt sich die Wirkung im Führungsalltag?

Nehmen wir eine Führungskraft, die wiederholt Konflikte mit einer Mitarbeiterin erlebt. Zunächst wird gefragt: „Wie möchten Sie sich in dieser Situation fühlen?“ Die Antwort könnte lauten: sicher, frei und klar. Im nächsten Schritt wird wahrgenommen, wo im Körper die Blockade sitzt, die dieses Gefühl verhindert. Vielleicht zeigt sie sich als Druck in der Brust oder als Enge im Bauch. Das gewünschte Gefühl wird bewusst an diese Stelle gelenkt, die Atmung stabilisiert das Nervensystem, die Spannung löst sich. Die Führungskraft erlebt mehr innere Kontrolle und kann souveräner reagieren. Durch Wiederholung werden neue neuronale Verbindungen gestärkt. Hier wirkt die Neuroplastizität: Das Gehirn lernt, alte Muster durch neue Erfahrungen zu ersetzen.

Welche Rolle spielt Eigenverantwortung?

Eine sehr große. Entscheider tragen Verantwortung für Unternehmen und Mitarbeitende, aber auch für ihre eigene Leistungsfähigkeit. Regelmäßige Pausen sind keine Schwäche, sondern Voraussetzung für dauerhafte Höchstleistung. Ein Triathlon-Weltmeister formulierte es treffend: „Champions werden in Pausen gemacht.“ Genau das gilt auch für das Top-Management. Ob Sport, Meditation, ein Retreat oder bewusste Erholungsphasen – jeder muss seinen eigenen Rhythmus finden. Mentoren können den Prozess begleiten. Die Entscheidung, die eigene Energie zur Chefsache zu machen, bleibt jedoch persönlich.

Zur Person

Christian Gröger

Christian Gröger bietet ein körperbasiertes Mentoring kombiniert mit Executive Recovery für erschöpfte CEOs und Führungskräfte aus Deutschland und der Schweiz an. Dabei verbindet er gezielte Regeneration an ausgewählten Rückzugsorten „magic places“ mit dem strukturierten Ansatz „Five Moves“ zur Lösung von Blockaden. Als ehemaliger CEO kennt er den Zustand chronischer Erschöpfung aus eigener Erfahrung und hat nach Jahren des „Funktionierens“ einen systematisierten Weg zurück in die eigene Kraft entwickelt.