Studienergebnisse und Praxiserfahrungen aus Österreich zeigen: Viele potenzielle Teilnehmer*innen scheitern nicht am fehlenden Interesse, sondern an Unklarheiten über Funktionsweise und Nutzen von Energiegemeinschaften.
Zentrale Schlüsselfaktoren
Energiegemeinschaften gelten als wichtiger Baustein der Energiewende. Dennoch bleibt die Beteiligung vielerorts hinter den Erwartungen zurück. Das europäische Forschungsprojekt RENvolveIT untersuchte in qualitativen Workshops in Wien, Prag, Köln, Mainkofen in Bayern und Heeten in den Niederlanden die Beweggründe und Hürden potenzieller Beteiligter. Mehr als 35 Vertreter*innen aus Haushalten, Kleinunternehmen, Gemeinden und dem Energiesektor waren eingebunden.
Das zentrale Ergebnis: Finanzielle Einsparungen sind für alle Zielgruppen relevant, reichen aber nicht aus, um eine Teilnahme auszulösen. Zusätzlich wollen Interessierte verstehen, wie Energieteilung konkret funktioniert, welchen organisatorischen Aufwand sie erwartet, wie viel Kontrolle sie über ihre Energieversorgung behalten und ob Abrechnung sowie Prozesse zuverlässig funktionieren.
Praxisbeobachtungen aus Österreich
Die PowerSolution Energieberatung begleitet nach eigenen Angaben den Aufbau und Betrieb von mehr als 35 Energiegemeinschaften in Österreich und ist nationaler Umsetzungspartner von RENvolveIT. Roland Kuras, Geschäftsführer bei PowerSolution Energieberatung in Österreich, beschreibt eine wiederkehrende Erfahrung aus der Praxis: „Viele Menschen stehen Energiegemeinschaften grundsätzlich positiv gegenüber. Gleichzeitig merken wir in Gesprächen immer wieder, dass unklar ist, was eine Energiegemeinschaft konkret ist, wie sie funktioniert und was sie im Alltag tatsächlich verändert.“ Häufig müssten zunächst grundlegende Fragen geklärt werden, etwa dass bestehende Stromlieferverträge nicht gekündigt werden müssten oder dass Energieteilung ein organisatorisches und kein technisches Projekt sei.
Sein Fazit aus fast fünf Jahren Umsetzung: „Aufklärung ist kein Begleitfaktor, sondern die zentrale Voraussetzung dafür, dass aus Interesse auch Teilnahme wird.“
Unterschiedliche Anforderungen
Die Workshops zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Zielgruppen. Private Haushalte wünschen sich einfache, schrittweise Erklärungen und konkrete Praxisbeispiele. Wichtig seien nachvollziehbare Angaben zu realistischen Einsparungen – möglichst in Euro – sowie eine klare Darstellung der notwendigen Schritte. Zu komplexe rechtliche Details könnten abschreckend wirken.
Kleinunternehmen bewerten das Thema laut Projekt differenziert. Für sie stehen Wirtschaftlichkeit, Amortisationsdauer und transparente Abrechnungsmodelle im Vordergrund. Sie bevorzugen erprobte Modelle und reagieren sensibel auf zusätzlichen administrativen Aufwand.
Gemeinden wiederum suchen nach bewährten Umsetzungsmodellen, Vergleichsprojekten und Instrumenten zur Information und Einbindung der Bevölkerung. Erfahrungsaustausch und Vernetzung spielen dabei eine wichtige Rolle.
Risiko der Exklusion
Laut den Projektergebnissen werden bestimmte Bevölkerungsgruppen bislang nur eingeschränkt erreicht. Dazu zählen Bewohner*innen von Mehrparteienhäusern, ältere Menschen, junge Alleinerziehende oder Personen mit eingeschränktem Zugang zu digitalen Angeboten. Ohne gezielte Informations- und Unterstützungsformate bestehe das Risiko, dass diese Gruppen von Beteiligungsmöglichkeiten im Rahmen der Energiewende ausgeschlossen bleiben.
Digitale Werkzeuge
Als möglicher Lösungsansatz wird im Projekt die Entwicklung digitaler Werkzeuge vorangetrieben. RENvolveIT arbeitet an einer modularen Software-Lösung, die den Einstieg in Energiegemeinschaften erleichtern soll. Ziel sei es, nutzerspezifisch relevante Informationen bereitzustellen, Prozesse zu vereinfachen und Transparenz sicherzustellen.
Roland Kuras betont: „Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie muss Komplexität reduzieren – nicht erhöhen. Digitale Werkzeuge funktionieren nur dann, wenn sie auf realen Betriebserfahrungen aufbauen und Menschen dort abholen, wo sie stehen.“
Mit Blick auf die vollständige Umsetzung des Rechts auf Energy Sharing in allen EU-Mitgliedstaaten bis Juli 2026 sehen die Projektverantwortlichen Handlungsbedarf bei Rahmenbedingungen und Informationsangeboten. In Österreich ist das Thema besonders präsent: Ende 2025 waren laut den vorliegenden Angaben bereits mehr als 6.500 Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften und Bürgerenergiegemeinschaften in Betrieb.