Wünschen & Wollen

27.11.2017

Von: Mag. Dr. Franz J. Schweifer

Nicht die Zeit ist zu kurz, sondern unsere Bedürfnisliste zu lang. Und das Zeitverstopfungsproblem ist ein “Zuvielisations”-Problem. So könnte eine überspitzte Diagnose des chronischen Zeitnotstandes unserer eiligen Gegenwart lauten. Oder um mit Peter Drucker, einem Pionier der modernen Managementlehre, zu sprechen: “Es ist immer wieder verblüffend, wie viele Dinge wir tun, die, wenn wir sie nicht mehr tun, keinem abgehen.“

Dazu eine kleine, ungewöhnliche Anregung in Versform. Gewissermaßen eine Zeit-Miniatur. Quergedachtes als Animo für erhellende Antworten. Zur nuancierten Selbstreflexion und Selbstkalibrierung, die den persönlichen „Zeitwohlstand“ heben kann.

Wünschen & Wollen

Wir haben nicht zu wenig Zeit,
sondern zu viele Bedürfnisse.
Wir wollen schlicht zu viel.
Alles. Gleichzeitig. Sofort. Pausenlos.
Auch deswegen sind wir die Zeit los.

Denn:
Wenn die Bedürfnisliste zu lang ist,
wird das Leben zwangsläufig zu kurz.
Und je länger die Wunschliste,
desto enger das Leben.

Deshalb
stellen sich uns unentwegt Fragen wie:
Was & wann ist (es) genug?
Was & wer treibt mich an?
Was & wohin will ich wirklich?
Woraus schöpfe ich Kraft & Sinn?

© Franz J. Schweifer

Wer für sich stimmige Antworten auf die „unentwegten Fragen“ oben geben kann, ist auf einem grandiosen Zeit-Weg. Kompliment. Und er oder sie wird dem ebenso grandiosen Gedanken des Philosophen Eric Hoffer zustimmen: „You can never get enough of what you don´t need to make you happy.“

*

[Anmerkung: Hoffer erblindete als Kind, nachdem seine Mutter mit ihm im Arm eine Treppe hinunterstürzte. Mit fünfzehn erlangte er sein Augenlicht zurück und begann aus Angst, erneut zu erblinden, so viel wie möglich zu lesen. Er verlor zwar seine Sehkraft nicht mehr, behielt aber ein Leben lang die Angewohnheit bei, viel zu lesen.

Ebenso treu blieb er seiner Angewohnheit, sich neben seiner Tätigkeit als gelegentlicher Goldsucher oder Hafenarbeiter umfassend literarisch zu bilden und zu schreiben. Sein inneres „Wünschen & Wollen“ hatte offenkundig auch im Außen eine stimmige Antwort gefunden.

In The True Believer (dt. Der Fanatiker) kommt er zum Schluss, dass Menschen die Inhaltsleere ihres Lebens durch eine fanatische Hinwendung an die äußere Welt, an eine Führerperson oder -ideologie kompensieren. „Wünschen & Wollen“ entgleisen. Eine wohl zeitlos gültige wie brennende Erkenntnis.]