Sind Sie in Balance?

03.07.2018

Von: Mag. Dr. Franz J. Schweifer

Das nervöse „Keine-Zeit-Karussell“ scheint sich immer schneller zu drehen. Umso größer ist die Herausforderung, all die Bedürfnisse und Ansprüche so unter einen Hut zu bekommen, dass unterm Strich eine gesunde Lebensbalance möglich wird. Abgesehen davon, dass „Gesundheit“ und „Balance“ diffuse Begriffe sind – mit individuell höchst unterschiedlichen Deutungen. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken und praktikable Schlüsse zu ziehen. Eine Anregung dazu.

Dass die perfekte Work-Life-Balance wohl kaum jemand auf die Reihe kriegt, überrascht wenig. Denn Balance ist erstens ein dynamischer Prozess. Und zweitens bedeutet Lebensqualität nicht Statusoptimierung auf immer höherem Niveau: mehr Karriere, mehr Freizeit, mehr Familie. Das Leben ist kein Fleischladen nach der More-more-Devise: Darf´s ein bisschen mehr sein?  

Auch Work-Life-Integration scheint nicht alle zu beglücken. Irgendwie plausibel, haben doch widersprüchliche Lebensansichten lange Tradition: „Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen.“ So Martin Luther. Konterkarierend dazu Sokrates: „Die Muße ist eine Schwester der Freiheit.“ Und Zeitforscher Karlheinz Geissler postuliert heute: „Arbeiten ist leichter als leben.“

Ebenso taugen Rezepte zwischen Hyperflexibilisierung oder herkömmlichen 9to5-Modellen nur bedingt. Sie gleichen einer Flucht nach vorne (bzw. hinten) oder enden in Verweigerung.

Work & Life – (k)ein Widerspruch

Arbeit und Leistung – freiwillig oder unfreiwillig auf sich genommen – sind einerseits elementare menschliche Grundkategorien. Ob aus purer Notwendigkeit, das (Über-)Leben zu sichern oder um Anerkennung und Status zu erwerben. Anderseits wurde in der Antike (v.a. körperliche) Erwerbsarbeit als etwas betrachtet, das des Menschen unwürdig sei – jedenfalls nur etwas für Hörige und Sklaven, nicht aber für freie Menschen.

Dass im hypermobilen 4.0-Kontext eindeutige Lebens-, Wertekonzepte passé sind, macht die Sache nicht leichter. Das gilt auch für den widersprüchlichen „Work & Life“-Diskurs. Begleitet von wuchernden Begriffen im Anglo-Jargon: Work-Life-Balance, Life-Energy-Balance, Work-Tide-Balance, Work-Life-Blending, Work-Life-Integration, Work-Life-Dynamik. Oder „Bleisure“ als Symbiose von Business & Leisure. Flankiert von New Work, Anti-Work, Hard Work, Smart Work, Slow Business oder Flexicurity.

Fazit: Es gibt wohl keine allgemeingültige, „richtige“ Wahrheit. Auch nicht in der goldenen Mitte oder am Rande vermeintlicher Lebenspole von „Work &  Life“. Sie muss im jeweiligen Lebenskontext immer wieder neu ausverhandelt und gesucht werden. Dabei kann eine menschliche Erkenntnis tröstlich wie hilfreich sein, die Albert Einstein zugeschrieben wird: „You can´t make everyone happy – you´re not a pizza!“

Die 4 Qualitäten des Lebens

Die sog. „Work-Life-Balance“  wird  nicht nur strapaziert, sondern vielfach missinterpretiert. Sie ist keinesfalls als unversöhnliches Gegensatzpaar zu verstehen, das nur aus „Arbeit“ und/oder „Leben“ besteht. Vielmehr weist sie auf die Notwendigkeit bzw. Sinnhaftigkeit eines dosierten Ausgleichs hin. Etwa dort, wo Gesundheit oder Beziehungen aus dem Ruder laufen, weil „Leben“ nur noch aus „Arbeit“ besteht. Es geht um Work and Life, nicht um Work versus Life.  

Work-Life-Balance lässt sich nicht auf Dualitäten wie „Arbeit – Leben“ oder „Arbeit – Freizeit“ reduzieren. Sie ist weit differenzierter. „Lebensbalance“ könnte deshalb zutreffender sein. Der persische Arzt Nossrat Peseschkian hat dazu schon vor zig Jahren ein bis heute brauchbares Modell entwickelt.

Für ihn bestanden die „4 Qualitäten des Lebens“ aus den Bereichen „LEISTUNG“ (Beruf, Arbeit, materieller Wohlstand etc.), „KÖRPER“ (Gesundheit, Erholung, Ernährung etc.), „KONTAKT“ (Beziehungspflege, Familie, Freunde etc.) und „PHANTASIE“ (Bereiche, die über unmittelbar materielle Dimensionen hinausgehen, Sinnfragen, Selbstverwirklichung etc.). Dabei stehen die Lebensbereiche nicht in Konkurrenz zueinander, sondern bilden ein wechselseitiges Kontinuum.

Lebensbalance in der Praxis – eine Anregung

In der Praxis kann das „Lebensbalance“-Modell eine wertvolle Reflexionskrücke sein. Zur Anregung ein Beispiel, das die subjektive Zufriedenheit im Fokus hat: Wenn Sie die 4 Qualitäten betrachten – wie zufrieden sind Sie mit den einzelnen Lebensbereichen?  0 = überhaupt nicht, 10 = total zufrieden. Und was schließen Sie daraus? Eine alte persische Lebensweisheit mag Anreiz sein, dort erste oder weitere Schritte zu setzen, wo es nottut: „Es ist nie zu früh oder zu spät, es ist immer nur höchste Zeit.“

Apropos: Wofür ist es bei Ihnen „höchste Zeit“?

Hinweis: Vertiefend dazu der OaseLetter Nr. 21 der ManagementOASE zum Leitthema Work & Life, inkl. Praxistipps, Literatur,  Grafiken, SchmunzelEcke etc.