Schwarmintelligenz

Harald Koisser
12.09.2021

Von: Harald Koisser

Der Einzelne hat vom großen Ganzen keine Ahnung mehr. Nur der Gruppengeist kann Lösungen in einer komplexen Welt bringen.

Die große Frage ist, wie wir gut und sicher durch diese Wendezeit hindurchmanövrieren. Wie gelangen wir zu Sicherheit in der Unsicherheit? Ich habe an dieser Stelle schon mehrere Vorschläge gemacht, etwa indem ich die Fähigkeit der Improvisation gelobt habe. Nun ist es bekanntlich am schönsten, wenn in einer Band alle Musikerinnen diese Fähigkeit beherrschen. Musik ist ein Spiel, und spielen lässt es sich am besten gemeinsam.

Das aber gilt auch für die Ökonomie. Auch sie ist ein vom Menschen geschaffenes Spiel, und auch sie lässt sich nur gemeinsam spielen. Die Natur hat uns ja allen – Menschen wie Tieren – wunderbare Werkzeuge mitgegeben. So verfügen wir alle über das Wunder der Schwarmintelligenz. Das einzelne Tier eine Herde verfügt niemals über ausreichend Information über das gesamte Geschehen im Wald und in der Savanne, aber wenn die Herde sich versammelt und eine gemeinsame Absicht entsteht, so passiert das Wunder eines intelligenten Miteinander. Die Gemeinschaft agiert unendlich klüger, als ein einzelnes Tier es alleine könnte. Durch Rückkoppelungsschleifen und unmittelbare Verstärkung von Bewegungen entsteht ein faszinierendes Ballett, um zu jagen oder um Predatoren zu entkommen. Diese Koppelung von Individuen zu einem temporären Gemeinschaftsgeist, der alle einzelnen Geister überragt, nennt man Schwarmintelligenz.

Diese Befähigung ist auch uns Menschen vertraut. Wir haben sie schon ausreichend in ihrer inversen Form probiert – als Schwarmdummheit. Wenn sich menschliche Individuen zu einer Herde zusammenfügen, können sie in ihren Gemeinschaftsentscheidungen dümmer werden, als es jedes einzelne Individuum für sich alleine wäre. Sie nivellieren ihren Geist und ihre Intuition auf das unterste gemeinsame Niveau, bis sich alle im Stumpfsinn einig sind. Der Mensch als zwanghaft tribales Wesen fügt sich geschmeidig in große Gruppen ein, auch wenn sie dann gemeinsam zu sagenhaften Blödheiten und Grausamkeiten fähig sind. Die Geschichte hat es gezeigt.

Aber genau diese geschichtliche Lehre macht auch Hoffnung. Wenn wir gemeinsam unendlich blöde sein können, dann können wir auch sagenhaft klug sein. Das Wesen von wahrem Wissen ist die Dialektik. Wenn etwas sehr schädlich sein kann, dann kann es auch sehr nützlich sein. Ist ein Werkzeug oder eine Fertigkeit hingegen so angelegt, dass man damit garantiert keinen Schaden anrichten kann, so kann man damit gewiss auch keinen großen Nutzen stiften. Ich habe einmal eine einfache Druck- und Akkupressurtechnik gelernt, wo die Vortragende meinte: „Wenn wir nicht genau den Punkt am Körper treffen, macht es nichts. Wir können da nichts falsch machen.“ Damit war mir klar, dass die ganze Technik wertlos ist, denn wenn ich nichts falsch machen kann, kann ich auch nichts richtig machen.

Der Zusammenschluss von Menschen zu einem Gruppengeist ist mit Sicherheit ein Werkzeug wahren Wissens. Es kann unendlichen Schaden anrichten, und jetzt wäre es an der Zeit, den Nachweis zu erbringen, zu welch unglaublichen co-kreativen Leistungen wir Menschen uns aufschwingen können. Wir haben viel zu lange auf die Kraft einzelner mehr oder minder genialer Individuen vertraut. Jetzt sind wir in einer Zeit angekommen, wo der Einzelne vom großen Ganzen absolut keine Ahnung mehr hat und es daher auch nicht steuern kann. Das gilt in der Politik, in der Ökonomie und im Sportverein gleichermaßen. Jetzt ist die Zeit der Gruppenseele. Wir können die komplett unüberschaubare und unsichere Zukunft nur mit Schwarmintelligenz bewältigen. Wir dürfen uns jetzt voll Vertrauen und Liebe in Gruppen zusammenfinden und paritätisch und co-kreativ an Lösungen arbeiten. Es gibt kein Zaudern mehr. Die Zeit der Kooperation und Co- Kreation ist angebrochen.