Mit Tradition gegen die Masse

Industriellenvereinigung
04.06.2012

Ein Tiroler Traditionsunternehmen bestreitet erfolgreich den harten Verdrängungskampf am heiß umkämpften Möbelmarkt. Das Erfolgsrezept der seit 100 Jahren bestehenden Firma Wetscher klingt simpel: Regionalität, Flexibilität und Kundenzufriedenheit.

Text: Steffen Arora

„‚Be different or die‘ (,Sei anders oder stirb‘), heißt es so schön. Wir waren sowieso immer ‚different‘, allein schon wegen des Standorts hier in Fügen", erklärt Martin Wetscher die Erfolgsstrategie seines Familienunternehmens. Von einem Tiroler Seitental aus in der hart umkämpften Möbel- und Einrichtungsbranche zu bestehen, ist wahrlich eine Leistung. Während die großen multinationalen Konzerne wie Ikea, Kika-Leiner oder XXXLutz in sämtlichen Ballungsräumen des Landes ein Wettrüsten betreiben und rund 80 Prozent Marktanteil am Einrichtungssektor für sich beanspruchen, beobachtet Wetscher diese Entwicklung mit einer gewissen Gelassenheit vom Zillertaler Örtchen Fügen aus.

„Man kann sagen, wir haben unsere Nische gefunden", sagt Martin Wetscher. Anstatt auf Billigmöbel zum Diskonterpreis, setzt die Firma auf hochwertige Qualität. Ein Gutteil davon stammt aus der hauseigenen Tischlerei, die nicht wegzudenken ist, wie der Firmenchef erklärt: „Alle Wetscher-Generationen sind gelernte Tischler, bis heute. Mein Vater war der jüngste Tischler Tirols, mein Sohn Maximilian macht derzeit die Gesellenprüfung." Diese Tradition erkläre das hochwertige Angebot: „Weil man als Handwerker einen anderen Zugang zum Werkstoff Holz hat."

Der andere Kompletteinrichter
Das eingangs zitierte Credo „Be different!" hat schon der Urahn der Dynastie aus dem Zillertal gelebt. Denn er ging einen für die damalige Zeit unkonventionellen Weg, als er im Alter von 22 Jahren eine Tischlerlehre begann, anstatt am elterlichen Hof zu bleiben. Der junge Mann ließ sich nicht beirren und eröffnete 1912 eine kleine Tischlerei in Fügen. 100 Jahre später steht an derselben Stelle ein ausladender, mehrstöckiger Bau mit dem runden, roten Wetscher-Logo auf der Fassade, die ein riesiges Plakat ziert, von dem derzeit drei Männer auf den vorbeifahrenden Urlauberverkehr auf der Zillertal-Bundesstraße herablächeln. Es sind Hansjörg, Martin und Maximilian Wetscher, die Generationen drei, vier und fünf nach Tischlereigründer Franz, die dort in Überlebensgröße auf das 100-Jahr-Jubiläum des Unternehmens hinweisen. Aus dem Ein-Mann-Betrieb des Urgroßvaters ist ein Kompletteinrichter im Hochpreissegment geworden, der mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigt.

Regionalität ist Programm
Heute spielt der Zeitgeist Wetscher in die Hände. Schlagwörter wie Regionalität sind beim Familienunternehmen aus dem Tiroler Seitental unfreiwillig Programm. Aber auch Modeerscheinungen wie das Cocooning. „Ein psychosoziales Phänomen", erklärt Firmenchef Martin, „das eine Rückzugsreaktion der Menschen ins Eigenheim beschreibt, weil sie die globalisierte Welt als bedrohlich wahrnehmen und kaum noch mithalten können." Das Wohnzimmer wurde zur „Ladestation für die Persönlichkeit", zur geschützten Wohlfühloase in den eigenen vier Wänden fernab von der großen, weiten Welt. Die Zillertaler Einrichter haben früh darauf reagiert und gestalten für jeden Kunden seine ganz persönliche Oase. „Wir sehen uns die Wohnsituation unserer Kunden genau an, bitten sie, Fotos mitzubringen, und bieten dann maßgeschneiderte Lösungen an, in der sich die Persönlichkeit des Kunden widerspiegelt", so Martin Wetscher. Das kommt beim Verbraucher gut an, wenngleich man nicht wirklich auf Stammkunden baut: „In der Regel sehen wir unsere Kunden erst nach zehn bis 20 Jahren wieder. Bei unseren Küchen sind es sogar 30 Jahre."

Als in den 1990er-Jahren der österreichische Möbelmarkt vom Kaufrausch der großen Player erfasst wurde, ging eine ganze Reihe von mittelständischen Unternehmen in der Größenordnung von Wetscher unter. Mit seiner charakteristischen Mischung aus rustikalem Tiroler Chic und modernen italienischen Designermöbeln überlebte das Zillertaler Traditionsunternehmen diese Krise. Aktuell floriert das Geschäft sogar, wie Martin Wetscher sagt: „Weil die Menschen gerne in bleibende Werte investieren. Unsere Möbel sind wie auch Immobilien solche Investitionsobjekte." Man grenzt sich klar vom Großflächenanbieter ab, aber auch vom spleenigen Luxustandler: „Weil dort das Sortiment meist dem Geschmack des Eigentümers entspricht und nicht auf die Kunden ausgerichtet ist." Beim Kunden kommt dies offensichtlich gut an – Wetscher hat schon in Japan und Frankreich eingerichtet. Das Luxushotel Madlein von Günther Aloys in Ischgl ist ebenso mit Interieur aus der Zillertaler Werkstatt bestückt wie unzählige Nobelhotels in der Region.

David gegen die Goliaths
Doch der Name Wetscher taucht auch an unvermuteter Stelle auf. So stammt die Einrichtung in der Justizvollzugsanstalt Innsbruck aus der Zillertaler Tischlerei, mehrere Senioren- und Studentenheime in Tirols Landeshauptstadt können ebenso auf Möbel von Wetscher verweisen. Warum ein Einrichtungshaus, das Betten um 30.000 Euro das Stück verkauft, Gefängnisse einrichtet? „Unsere Tischlerei nimmt an zahlreichen öffentlichen Ausschreibungen teil. Wir sind ein ganz normaler Holzverarbeitungsbetrieb, der solche Großaufträge braucht, um zu überleben", erklärt dazu Martin Wetscher. Und auch den „Großen" überlässt Wetscher den Tiroler Möbelmarkt nicht ganz kampflos. Mit der Tochterfirma Avanti, einem klassischen Cash-&-Carry-Möbelmarkt in Innsbruck, hat das Zillertaler Unternehmen der Konkurrenz in Innsbruck einen veritablen Mitbewerber vor die Nase gesetzt. Doch das Kerngeschäft ist und bleibt der Luxus, wie Martin Wetscher betont: „Mit Wetscher gehen wir nach oben, mit Avanti nach unten."

Auch in Zukunft werde man in Fügen auf die bewährte Kombination aus traditionellem Handwerk und modernem Einrichtungshaus setzen. Und auf die Familie, wie Martin Wetscher sagt: „Es ist die nachhaltigste Form von Unternehmertum. Und wir sind ja auch alle vom Fach. Da sind alle mit Herzblut dabei. Da wird dann am Sonntagstisch oft leidenschaftlich diskutiert, wenn es um Möbel geht."