„Fußball ist ein Risikogeschäft“

Industriellenvereinigung
13.12.2010

Der First Vienna FC ist der älteste Fußballverein des Landes. Wir baten Präsident und Ehrenpräsident zu einem Interview-Doppelpass über das harte Business Profifußball, Traditionspflege und Netzwerken im VIP-Club.

Herbert Dvoracek und Walter Nettig

Die großen Erfolge wie sechs Meistertitel und der Sieg im prestigeträchtigen europäischen Mitropacup (dem Vorgänger der Europa League) liegen zwar schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Dennoch darf sich der First Vienna FC einer der erfolgreichsten Vereine des Landes nennen. Zur Zeit der Gründung durch die Familie Rothschild im Jahr 1894 galt der älteste Fußballclub Österreichs als Verein des Großbürgertums und der Aristokratie. Mittlerweile ist auf den Rängen im Stadion Hohe Warte Publikum aus allen sozialen Schichten zu Gast. In den Katakomben eines der ältesten Stadien des Landes traf die WIRTSCHAFT zwei Persönlichkeiten, die den Verein heute prägen. Der ehemalige Wiener Wirtschaftskammerpräsident, Firmengründer und nunmehrige Sonderbeauftragter für internationale wirtschaftliche Angelegenheiten der Stadt Wien,  Senator Walter Nettig, führte den Verein als Präsident Ende der achtziger Jahre zu den letzten internationalen Erfolgen und zählt auch heute noch zu den Förderern. Sein Nachfolger Herbert Dvoracek ist mit der Firma Mass Response erfolgreicher Unternehmer in der Kommunikationsbranche und will mit der Vienna an vergangene Erfolge anschließen.

Wirtschaftlich betrachtet ist ein Profifußballverein ein typisches KMU. Welche Besonderheiten gibt es in der Führung eines Fußballklubs?
Nettig:
(lacht) Es hat definitiv mehr Nächte gegeben, in denen ich mir über die Zukunft des Vereins den Kopf zerbrach als über meine Firma. Es ist selbst für einen guten Unternehmer schwierig, einen Fußballverein zu führen. Vieles hängt von Sponsoren ab. Wenn man gute Kontakte zur Politik hat, geht es natürlich etwas leichter. Denn mir ist kein Verein bekannt, der ohne Mäzenatentum überlebt.

Dvoracek: Schwierig wird es, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt. Dann ziehen sich die Sponsoren zurück und die Zuschauereinnahmen werden weniger. Die Fixkosten bleiben aber gleich und müssen gedeckt werden. Fußball ist ein ziemliches Risikogeschäft. 

Wie setzt sich das Budget eines Proficlubs zusammen?
Dvoracek:
Heute sind die Fernseh-Gelder eine wichtige Einnahmequelle und machen derzeit mehr als ein Viertel unserer Einkünfte aus. Mit den Einnahmen aus dem Kartenverkauf und Sponsorengeldern kommen wir als Zweitligaverein auf ein Budget von zwei Millionen Euro jährlich.

Zwischen Ihren beiden Präsidentschaften liegen etwa 20 Jahre. Wie hat sich das Business Profifußball seither verändert?
Nettig:
Die Suche nach Sponsoren ist schwieriger geworden. Die Gehaltsansprüche der Spieler werden auch nicht bescheidener. Zu meiner Zeit kam ein angehender Nationalspieler zu mir und sagte, er wolle das doppelte Gehalt, außerdem netto statt brutto. Ich nehme an, dass es diese Fälle noch immer gibt…
Dvoracek: Ja, weil der Konkurrenzkampf zwischen den Vereinen enorm ist. Man kann heute nicht mehr so viele Spieler transferieren wie früher, weil jeder Spieler bereits einen Manager hat. Das Finanzielle wird da manchmal wichtiger als die Karrierechance eines Spielers.

Welche Verpflichtungen hat der FC Vienna gegenüber 116 Jahren Vereinsgeschichte?
Dvoracek:
Wir haben eine klare Verpflichtung gegenüber unserer Tradition. Da brauche ich gar nicht auf alle 116 Jahre zurückblicken, sondern es reichen die 20 Jahre zur erfolgreichen Präsidentschaft Nettig aus. Die Vienna ist ein Verein, der in die erste oder zweite Liga gehört. Daher ist es unsere Pflicht, sämtliche Anstrengungen zu unternehmen, damit das so bleibt. Das ist der Unterschied zwischen einem normalen Verein und einem Traditionsverein wie der Vienna.
Nettig: Das kann ich nur unterstreichen. Zuletzt war ich beim Bundespräsidenten eingeladen und die dritte Frage in unserem Gespräch war, wie es der Vienna ginge. Da besteht definitiv viel Verantwortung gegenüber der Tradition. Der Club hat einen hohen Stellenwert in der fußballinteressierten Bevölkerungsschicht. Das ist einerseits ein Kapital andererseits aber eine große Verpflichtung.

Wie kann man bei Sponsorengesprächen Kapital aus dieser Tradition schlagen?
Nettig:
Durch das Renommee des Vereins. Bei uns weiß man, dass Geld gut angelegt wird. Wir stehen für etwas, das klar und deutlich ist.
Dvoracek: Es geht auch darum, eine soziale Verantwortung zu tragen und Kindern eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu bieten. Deshalb legen wir großen Wert auf unsere Nachwuchsarbeit. Wir halten 250 Kinder, die bei uns im Verein tätig sind, davon ab, dass sie irgendwelche Dummheiten machen. Natürlich ist das auch ein Argument, das wir gegenüber unseren Sponsoren einbringen.

Gibt es Visionen, aus der Tradition auszubrechen?
Dvoracek:
In unserem Stadion Hohe Warte fand vor einiger Zeit eine Vorstellung der Oper Aida statt. Ich bemühe mich in Zukunft diese Verschränkung von Fußball mit Kultur zu intensivieren. Ich glaube, dass das gut zu unserer Vereinsidentität passt. Fußballstadien für andere Zwecke zu öffnen ist letztendlich ein Argument für öffentliche Investitionen in die Stadion-Infrastruktur.

Inwiefern können Sie bestehende Geschäftskontakte für den Verein nutzen?
Nettig:
Meine Kontakte zur Politik haben jedenfalls geholfen, Investitionen für unser Stadion zu sichern. Wobei ich sagen muss, dass die Zeiten schon einfacher waren. Man muss sich heute mal anschauen, wie viele große österreichische Firmen vom Ausland abhängig sind. Da ist die Bank Austria, die sich ja lange im Fußball engagiert hat und das jetzt nicht mehr tut, ein gutes Beispiel. Heute benötigt man schon Kontakt zur Konzernmutter Unicredit, weil defacto alle größeren Aufwendungen dort entschieden werden.
Dvoracek: Mir gelingt es immer wieder, Geschäftspartner zu überzeugen, uns zu sponsern.

Moderne Fußballklubs verfügen allesamt über VIP-Klubs. Ist das Stadion mittlerweile ein Ort, an dem man Geschäfte macht?
Nettig:
Ich finde VIP-Klubs bringen gesellschaftliche Chancen. Wenn es gelingt, den einfachen Polier mit dem Generaldirektor zusammenzubringen, dann ist es perfekt. Die andere Komponente sind jene Bekanntschaften, aus denen Geschäfte entstehen. In diesem Bereich hat sich der Fußballplatz in den letzten Jahrzehnten durchaus weiterentwickelt.
Dvoracek: Ein gut geführter VIP-Klub gehört als Einnahmequelle auch zum Geschäftskonzept. Wesentlich ist mir dabei die Tatsache, dass alle Gäste gleichberechtigt sind: der Professor von der Uni wie der Unternehmer. Der Verein funktioniert sozusagen als Andockpunkt.

Wie würden Sie Ihr Netzwerk beschreiben? Welche Events sind Pflichttermine?
Dvoracek:
Ich gehe nirgends hin, um irgendwem etwas zu verkaufen. Das ist mir zuwider. Gerade unser jetziger Hauptsponsor ist ein gutes Beispiel wie das Netzwerk der Vienna funktioniert. Die Firma Paylife kam auf uns zu, weil der Junge des Geschäftsführers im Verein spielt
und er dadurch einen guten Eindruck von unserer Arbeit gewann. Ich will auch Sponsoren hier haben, die das aus freien Stücken tun und von niemandem genötigt werden absurde Summen zu investieren.

Wir haben noch kein Wort über die aktuelle sportliche Situation verloren. Was wünschen sich die Herren fürs Frühjahr?
Dvoracek:
Derzeit sind wir Tabellenletzter. Es gibt nur einen Wunsch: Wir müssen den Klassenerhalt sichern. Das werden wir auch schaffen.

(Interview: Daniel Nutz)