Freie Fahrt für den Gigaliner?

Industriellenvereinigung
06.12.2013

Die Gegner nennen sie Gigaliner, die Befürworter bezeichnen sie lieber als Ökoliner. Die Debatte über eine EU-weite Zulassung der mehr als 25 Meter langen Riesen-Lkw wird aufgeregt geführt. Wir haben versucht die Argumente mit kühlem Kopf zu ordnen.

Der Vergleich der Transportmittel zeigt: Richtig „öko” ist nur die Bahn

Text: Daniel Nutz

Sie sind mehr als 25 Meter lang, können bis zu 60 Tonnen Nutzlast tragen und wirken nicht nur aufgrund ihrer Ausmaße recht bedrohlich. Der „Gigaliner" genannte Riesen-Lkw erhitzt die Gemüter. Vor allem, weil in den vergangenen Monaten der Verdacht entstanden war, die EU-Kommission würde dieses scheinbare Ungetüm per Verordnung auf die österreichischen Straßen loslassen. Was in Wahlzeiten freilich nie gut ankommt. Schnell formierte sich eine parteienübergreifende Ablehnung. So musste auch EU-Kommissar Johannes Hahn seine ursprüngliche Fürsprache für den Kommissionsplan einer europaweiten Zulassung der Riesen-Lkw schnell relativieren. Um hierzulande einen Befürworter der Gigaliner zu finden, muss man derzeit eine Weile suchen.

Logistiker würden von Gigalinern profitieren
Eigentlich will auch Oliver Wagner, der Sprecher des Verbandes der Spediteure und Logistiker, zu dem Thema nichts mehr sagen. Zu emotional sei die Debatte gelaufen, zu viele Unwahrheiten und Ungenauigkeiten seien verbreitet worden, sagt er, „als wir ihn beim vierten Versuch doch noch erreichen". Wagner präsentiert Studien. Sie alle untermauern den Nutzen und die Kostenvorteile, die eine Einführung des Lang-Lkw bringen würde. Das Hauptargument liest sich wie eine Milchmädchenrechnung: Aus drei mach zwei. Sprich zwei Gigaliner würden drei herkömmliche Lkw ersetzen. Eigentlich ein guter Deal, sollte man meinen.

Einsatz auf der mittleren Distanz
„Bei Wegstrecken von 300 bis 700 Kilometern, die über gut ausgebaute Straßenverbindungen führen, wäre der Einsatz sehr effizient", sagt Wagner. Er spricht dabei von erheblichen Kostenersparnissen von bis zu 30 Prozent, die in erster Linie aufgrund eines geringeren Spritverbrauchs pro Tonne erreicht würden und letztlich auch dem Logistikkunden zugutekämen. In diesem Zusammenhang würde auch die Umwelt profitieren, so Wagner weiter.

Dies würden auch aktuelle Schadstoffmessungen belegen, wonach der Lang-Lkw pro Ladetonne in etwa 20 Prozent weniger CO2 ausstößt als herkömmliche Lastkraftfahrzeuge. Vor diesem Hintergrund verwenden die Befürworter daher lieber den Begriff „Ökoliner". Sie verweisen darauf, dass jahrelange Erfahrungen aus Skandinavien und Testläufe der Lang-Lkw in Deutschland durchaus positive Resultate erbrachten und Sicherheitsbedenken einigermaßen zerstreuen würden. Stellt sich die Frage, warum dem Ökoliner ein so schlechter Ruf anhaftet?

Hohe Kosten für die öffentliche Hand
Ein Argument liegt in den erheblichen Infrastrukturkosten. Die Asfinag spricht von rund 5,4 Milliarden Euro, die in die Nachrüstung von Rückhaltesystemen, die Vergrößerung der Abstellplätze, Erweiterung der Tunnelradien und in die Neudimensionierung von Tunnellüftungsanlagen investiert werden müssten. Die Logistiker wollen dieses Argument abschwächen. Ihr Vorschlag: Statt 60 Tonnen werden nur 40 Tonnen Nutzlast in Anspruch genommen. Ein anderes Problem wird damit freilich nicht gelöst.

Konkurrenz zur Schiene
„Auch wenn das Gewichtslimit nicht auf 60 Tonnen erhöht wird und die Lkw nur länger werden, würden Gigaliner den Gütertransport auf der Straße günstiger machen. Das würde zu einer Verlagerung von der Schiene auf die Straße führen", erklärt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich. Der Hintergrund: Bis 2025 sollen laut Gesamtverkehrsplan in Österreich 40 Prozent des Güterverkehrs über die Schiene erfolgen und damit auch eine Menge CO2 eingespart werden (siehe Grafik). Der Gigaliner würde erst recht auf kürzeren Strecken der Schiene erheblich Konkurrenz machen und so die Verkehrsstrategie konterkarieren.

Bleibt die Frage zu klären, wie die verbleibenden 60 Prozent Rest­straßengüterverkehr optimiert werden könnten? Oliver Wagner wünscht sich eine offenere Diskussion über die Zulassung von innovativen Lkw: „Der Ökoliner hat für uns nicht oberste Priorität. Wichtiger wäre eine schnelle und unbürokratische Zulassung von aerodynamischen Lkw, die eine Menge Sprit sparen würden und so kostengünstiger und ökologischer wären." Man darf gespannt sein, ob diese weniger Gegenwind erfahren.