Die Kunst der Improvisation

Koisser
05.04.2021

Von: Harald Koisser

Improvisation ist die einzige Antwort auf die Unplanbarkeit des Lebens. Wie der völlig gelassene Sprung in das Nichts gelingt und warum die Zeit für Fingerfertigkeit gekommen ist.

Was brauchen wir jetzt? Es muss doch eine Fertigkeit geben, die uns jetzt in der Ökonomie, und vielleicht auch sonst, hilft. Irgendein noch nicht gelüftetes Geheimnis, etwas, das wir noch nicht ausreichend sehen können. Mama Staat wird die EPU und KMU des Landes nicht nachhaltig säugen. Die körperliche Gesundheit, angeblich das Um und Auf, wird auch gerade massiv heruntergefahren. „Wir haben als Nation gerade einen Muskelschwund, der sich gewaschen hat“, sagt Olympiasportler Felix Gottwald. Die Bewegung in der Natur wäre eine Hilfe, aber „Menschen, die im Lockdown auf Skitouren gingen, wurden mit dem Helikopter verfolgt“ (Gottwald). Die Fitnessstudios sind immer noch geschlossen. Warum eigentlich, angesichts der enormen Hygienebestimmungen, die dort von Haus aus herrschen? Es gäbe so viele Sporttalente bei der Jugend, aber da sie nicht trainieren dürfen, wären sie für den Spitzensport verloren, meldet der ehemalige Tenniscrack Alexander Antonitsch.

Viel ist auch die Rede von Resilienz. Das wäre es, was wir brauchen werden, sagt man. Mir behagt der Begriff nicht sonderlich, denn er stammt aus der chemischen Fertigung und meint, dass ein Material trotz massiver Verformung in seinen Ausgangszustand zurückzukehren vermag. Zurück in den Zustand davor. Das ist der feuchte Traum rückwärtsgewandter Oligarchen und Großindustrieller. Das Davor ist tot. So viel sollten wir von der Evolution verstanden haben. Jeder Versuch, das zu ignorieren, führt zu unsäglichen Schmerzen.

Ich möchte einen anderen Begriff und eine andere Fertigkeit ins Spiel bringen – nämlich die Improvisation. Das ist die hohe Schule jeden Spiels. Wir kennen es aus der Musik. Improvisation ist das Ungeplante in voller Harmonie. Das, was ist, entsteht im Moment. Es ist nicht vorgesehen, steht auf keinem Blatt und in keinem Plan. Es ist der Raum des Unerwarteten und Möglichen, somit das Höchstmaß an Freiheit und Verantwortung. Solange man eine Komposition spielt, sei es auswendig oder vom Blatt, hat man etwas zum Anhalten, etwas Vorgefertigtes. Doch wenn die Improvisation beginnt, betritt man leeren Raum. Der letzte komponierte Ton ist gespielt, das Universum ist offen. Raum und Zeit sind leer und frei. Ja, auch die Zeit, denn niemand weiß, wie lange die Improvisation dauert, was der Musikerin einfällt, wo es sie hinführt, wie lange es sie führt, was dann passiert. Gute Improvisation klingt stets so, als wäre das Musikstück noch da. Es könnte ins Unendliche fortgeführt werden, sofern die Spielenden nicht müde werden.

Das ist die Qualität, welche die Zukunft von uns verlangt. Diese Fähigkeit zur Improvisation. Es ist der völlig gelassene Sprung in das Nichts. Dieser Sprung gelingt nur deshalb, weil die Musiker das Nichts vorhergesehen haben. Sie wussten, dass es kommt. Darin liegt die Pointe. Wir können das Unvorhersehbare niemals vorhersehen, daher müssen wir uns auf seine Existenz einstellen. Auf etwas zu reagieren, worauf man nicht vorbereitet ist, braucht Vorbereitung. Improvisation gelingt nicht einfach aus dem Nichts. Die Improvisation steht im Verruf. Es klingt nach Trickserei und mangelnder Vorbereitung. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Die Kunst der Improvisation ist die einzige Antwort auf die Unplanbarkeit des Lebens.

Es braucht Fertigkeit, Übung, Vertrauen, Sicherheit im Spiel. Wer immer vom Blatt gespielt hat und Sicherheit erst dann sucht, wenn ihm das Blatt weggenommen wird, wird sie nicht finden. Was also tun, jetzt, wo uns die Notenblätter der Lebensmusik weggenommen wurden? Können wir weiterspielen? Ohne dass uns jemand sagt, wie das geht? Haben wir geübt? Können wir auf hohem Niveau improvisieren? Es sind rhetorische Fragen, denn niemand hat uns darauf vorbereitet. Wir können es eben nicht. Darum die viele Angst.

Aber die Zeit bricht nicht abrupt ab. Der Raum ist nicht morgen schon haltlos leer. Wir sind in einem Umbruch, aber es gibt noch Halt. Wer noch nicht geübt hat, kann zu üben beginnen. Jetzt ist die Zeit für Fingerfertigkeit.