Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Wo früher das klassische Vollzeitmodell dominierte, prägen heute vielfältige Arbeitszeitformen den Alltag: Teilzeit, Viertagewoche, flexible Gleitzeitmodelle oder Workation. Gleichzeitig stehen Sozial- und Versicherungssysteme unter Druck, Unternehmen klagen über fehlende Fachkräfte, und politisch wird intensiv über Leistungsbereitschaft und Anreize diskutiert. Ist Teilzeit Ausdruck mangelnder Motivation oder eine notwendige Anpassung an neue gesellschaftliche Realitäten? Martin Mayer, Managing Director von Iventa Österreich, plädiert im Interview für mehr Realitätssinn und flexible Lösungen statt pauschaler Verbote.

Die Wirtschaft: Die deutsche Debatte über ein Verbot von Lifestyle-Teilzeit ist zu uns geschwappt. Was meinen Sie: Sollte Teilzeit verboten werden?

Martin Mayer: Die Diskussion in Deutschland geht an den Lebensrealitäten vorbei. In Österreich hatten wir noch nie so viele Menschen in Beschäftigung, gleichzeitig war die Zahl der geleisteten Stunden noch nie so niedrig. Unser Beschäftigungsmaximum ist nur wegen diese Vielzahl von Teilzeitstellen möglich, weil das den Lebensrealitäten der Menschen entspricht. Das berühmteste Beispiel sind die 1960er/70er-Jahre. Damals arbeiteten die Männer 40 Stunden Vollzeit, die Frauen blieben daheim. Heute arbeiten beide 32 Stunden, zusammen 64 Stunden, mit denen sie deutlich mehr Effekt erzielen als mit den 40 Stunden von damals.

Unser Versicherungssystem benötigt aber von beiden Beiträge für die heutigen 38,5 Stunden Vollzeit. Laut Statistik Austria arbeiten 51 Prozent der Frauen und fast 14 Prozent der Männer in Teilzeit.

Die wenigsten machen das wegen des Lifestyles. Dahinter stehen immer handfeste Gründe. Bei den Frauen sind es meist Betreuungspflichten für Kinder und – oft unterschätzt – für die alten Eltern. Bei den Männern ist es oft Weiterbildung – die meisten Master-Programme sind heute berufsbegleitend, in dieser Zeit arbeitet man kürzer. Bei beiden ist Gesundheit ein Thema, oft die psychische: Da kann eine Stundenreduktion viel bringen.

Manche sagen, wenn alle Vollzeit arbeiten würden, wäre der Fachkräftemangel vom Tisch.

Ich tue mir schon mit dem Begriff schwer. Fachkräftemangel hat meist mit schlechten Arbeitsbedingungen zu tun. Viele Arbeiter sind mit ihren Schichtenplänen unzufrieden, mit Nachtarbeit oder mit der Pausengestaltung. Das lässt sich nicht über ein Verbot von Teilzeit beseitigen.

Sondern wie?

Indem man die Leute nach ihren Lebensumständen fragt und sie mitbestimmen lässt. Es fasziniert mich immer wieder, wie wenig Chefinnen und Chefs über ihre Mitarbeiter und deren Probleme wissen. Da haben Eltern etwa Dienstbeginn um 7:30 Uhr, aber die Schule sperrt erst um 7:45 Uhr auf. Was bleibt ihnen übrig als Stunden zu reduzieren? Oder: Das Kind muss nachmittags zum Sportplatz gebracht werden. Dafür muss heute wenigstens ein Elternteil in Teilzeit gehen. Warum bekommt es nicht die Flexibilität, diese Zeit am Abend einzuarbeiten? Es gibt immer einen Grund hinter einem Teilzeitwunsch. Den muss man verstehen und flexible Lösungen suchen. Viele Handwerker machen mit der Viertagewoche gute Erfahrungen. Ihre Leute haben oft Migrationshintergrund und wollen früher in die Heimat fahren. Oder Workation: Wo das möglich ist, kann die Arbeit einige Wochen im Jahr von einem beliebigen anderen Ort aus erledigt werden. Mitarbeiter mit Migrationshintergrund können so im Sommer Zeit mit ihren Familien daheim verbringen und trotzdem ihre Arbeit machen.

Aber: Solche flexiblen Lösungen müssen nach innen und außen kommuniziert werden. Ich kenne ein Unternehmen, das hatte ausgeklügelte Arbeitszeitmodelle, aber niemand wusste davon. Die haben sich gewundert, warum sie am Arbeitsmarkt niemanden gefunden haben.

Offen sein für individuelle Lösungen und diese nach außen kommunizieren ist also der Königsweg?

Ich glaube an den mündigen Menschen. Das ist einer meiner Vorwürfe an die deutsche Diskussion. Es hat totalitäre Züge, über die Lebensmodelle anderer Menschen zu urteilen, und zu definieren, was richtig oder falsch ist. Das steht niemandem zu. Es geht darum, Anreize in die richtige Richtung zu schaffen. So wie jenen, dass man neben dem Bezug von Arbeitslosengeld nicht mehr geringfügig dazuverdienen darf.

Zum Abschluss: Wie machen wir die gute alte Vollzeit attraktiver?

Wir können diskutieren, ob wir Teilzeit von gewissen Benefits ausschließen. Der Partizipation am Provisionssystem etwa: Sie bleibt jenen vorbehalten, die eine gewisse Stundenzahl erreichen. Vollzeit bekommt damit wieder eine höhere Wertigkeit. ■

Zur Person

Martin Mayer, Managing Director von Iventa Österreich ©Iventa

Martin Mayer ist Managing Director (Managing Partner) der Iventa Group Holding GmbH, einem Human-Management-Consulting-Unternehmen im DACH-Raum. In dieser Rolle verantwortet er ein Team von rund 150 Mitarbeitenden und steuert die Bereiche Personalberatung, Employer Branding, Recruiting und Organisationsentwicklung auf nationaler und internationaler Ebene.