Wirtschaftsstandort Österreich - Was wir jetzt brauchen ist Zuversicht

Weltmarktführer
02.05.2021

Von: Mag. Stephan Strzyzowski

Mit welchen Rahmenbedingungen heimische Weltmarktführer und Mittelständler hadern und wie sich Österreich und die EU global positionieren müssen, diskutieren Bundesministerin Margarete Schramböck, IV-Präsident Georg Knill und die Hidden-Champions- Experten Hermann Simon und Othmar Schwarz.

Die Welt steckt aktuell noch mitten in der Pandemie. Asien und die USA beginnen sich allerdings schon zu erholen, während Europa viel langsamer aus der Krise kommt. Könnte dem Standort dadurch ein nachhaltiger Schaden drohen?

Hermann Simon: In China herrschen bereits wieder recht normale Zustände, allerdings gepaart mit anhaltender Vorsicht. Auch Amerika ist bei den Impfungen schon weit voraus. Europa fällt dagegen immer weiter zurück. Der Engpass resultiert vor allem aus dem Mangel an Impfstoffen. Wenn wir die Wirtschaft erst ein bis zwei Monate später hochfahren können, ist das ein massiver Nachteil.

Margarete Schramböck: Diese Krise ist durch ein Virus erzeugt worden, und die Unternehmen sind gesund reingegangen. Entsprechend rasch können sie auch wieder volle Fahrt aufnehmen. In China und den USA springt die Wirtschaft bereits wieder stark an. Das ist ein positiver Aspekt, da es sich Zuauch um wichtige Exportmärkte handelt. In Österreich selbst sehen wir aktuell eine Zweiteilung. Es gibt jene Branchen und Unternehmen, die schon lange geschlossen sind. Diese erhalten finanzielle Unterstützung. Es gibt aber auch viele Betriebe, die trotz Pandemie gut funktionieren. Sie müssen wir für den Wettbewerb stärken. Zum Beispiel durch die Investitionsprämie und durch konjunkturelle Impulse, die wir setzen.

Othmar Schwarz: Dieses Bild zeigt sich auch in unserem Stimmungsbarometer. Die klassisch exportorientierten Hidden Champions sehen für 2021 ein deutlich positiveres Bild als die restlichen KMU. 50 % sehen sogar signifikantes Wachstum im Vergleich zu 2019. Bei den KMU sieht sich die Hälfte auch 2021 noch mit erheblichen Umsatzrückgängen konfrontiert.

Georg Knill: Wir erleben gerade ausgehend von China und den USA eine globale Hochkonjunktur. Europa fällt leider zurück, was an der Pandemie und der Impfdynamik liegt. Ich gehe allerdings auch nicht von einem nachhaltigen Schaden aus. Im Sommer werden wir aufgrund der Impfungen wieder am Weltgeschehen teilnehmen. Dann können wir auch wieder zu unseren Kunden und in die wichtigsten Märkte reisen. Ich würde sagen, dass die heimische Industrie bislang sogar recht gut durch die Krise gekommen ist. Viele Betriebe arbeiten wieder auf dem Niveau von 2019. Was wir jetzt brauchen ist mehr Zuversicht, um aus der Lethargie rauszukommen. Denn der Lockdown hat sich auch in vielen Köpfen festgesetzt. Dafür benötigen die Unternehmen aber bestmögliche Planungsperspektiven. Immer nur auf 14 Tage planen zu können ist schwierig.

Immerhin zwei Drittel der Hidden Champions bewerten die teils geänderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und beschleunigten Veränderungen der letzten Monate als Chance. Bei den KMU überwiegt dagegen die Empfindung von Gefahr. Woran liegt das?

„Die Pandemie hat viele schon vorher existierende Trends beschleunigt.“ Othmar Schwarz, Partner bei Simon- Kucher & Partners

Simon: Jede Krise ist ein Sortiermechanismus, wo Spreu und Weizen getrennt werden. In guten Zeiten kann jedes Unternehmen zurechtkommen. In schlechten Zeiten gewinnen vor allem die Starken. Profiteure sind besonders häufig Hidden Champions. Deswegen sind sie auch wesentlich optimistischer. Wer in China stark ist, profitiert natürlich mehr als ein Friseur, ein Hotel oder ein Lokal, das geschlossen halten muss. Darüber hinaus ist diese Krise eine Bedrohung für all jene Betriebe, die schon davor schwach auf der Brust waren.

Schramböck: Hidden Champions zeichnen sich durch ihr hohes Maß an Innovation aus. Sie sind resilienter, digitalisierter, automatisierter, nutzen unterschiedlichste Vertriebskanäle und Geschäftsmodelle, was sie flexibler macht. Sie forschen und entwickeln auch mehr. In diesem Bereich war 2020 übrigens ein echtes Erfolgsjahr. In Österreich wurde mehr geforscht denn je. Es gab einen echten Run auf die FFG-Programme. Die Forschungsprämie, die mit 14 % entsprechend Cash zurückgibt, hat die Schwelle von einer Milliarde Höhe durchstoßen. Das war wichtig und positiv. Denn wir müssen gerade in der Krise in jene investieren, die auf Innovation setzen. Entsprechend intensiv arbeite ich daran, Programme für Forschung und Entwicklung auf Schiene zu bringen – insbesondere in den Bereichen Pharma und Nachhaltigkeit.

Irgendjemand wird für die Investitionen bezahlen müssen. Wie kann die Zeche beglichen werden, ohne Standort und Wirtschaft abzuwürgen?

Knill: Der Schaden liegt in Österreich 2020 bei 6,6 % des BIP. Wir rechnen aktuell mit zwei bis drei Prozent Wachstum für 2021. Es sollte investitionsgetriebenes Wachstum sein, das die nötigen Steuereinnahmen bringt. Mit diesen Einnahmen könnten die Pakete der Regierung refinanziert werden. Vermögens- und Erbschaftssteuern darf es nicht geben. Damit würde man das Wachstum umbringen und das zarte Pflänzchen im Keim ersticken.

Schwarz: Die Pandemie hat viele schon vorher existierende Trends beschleunigt, speziell auch im B2B-Bereich. Deglobalisierung und Marktkonsolidierung, Veränderung der Kundenanforderungen und Aufschwung neuer Vertriebstechnologien: Hidden Champions nutzen diese Veränderungen aktiv, um aktuelle USPs zu verbessern bzw. neue zu entwickeln. Aber auch allgemein sehen wir in der österreichischen Industrie eine deutlich gestiegene Anzahl an Initiativen, um historisch gewachsene Vertriebs- und Geschäftsmodelle auf den Prüfstand zu stellen. Es wird von einer Vielzahl an Unternehmen aktiv an digitalen Vertriebsmodellen, verstärkter Nutzung von datenbasierten Entscheidungen und Unterstützung durch Tools und Systemen gearbeitet.

Passiert auf europäischer Ebene genug, um den Wirtschaftsraum zu stärken?

Schramböck: Die neue Kommission mit dem Industriekommissar Thierry Breton, der aus der IT-Branche kommt, setzt aus meiner Sicht die richtigen Akzente. Europa muss seine Naivität ablegen. Jeder darf bei uns alles tun, aber wir dürfen auf anderen Kontinenten fast nichts. Unsere Unternehmen haben aktuell nicht die gleichen Möglichkeiten in China wie die Chinesen bei uns. Wir wollen ihnen einen gleichwertigen Zugang ermöglichen. Um das zu schaffen, wurde ein Investitionsabkommen ausgearbeitet und eine gemeinsame Industriestrategie in Europa erstellt. Wir benötigen einen Schulterschluss, der zu Freihandel führt und dazu, dass die Betriebe auch hier in Europa wettbewerbsfähig produzieren können. Das schafft Arbeitsplätze.

Laut unserer Umfrage wäre es für fast die Hälfte der Hidden Champions denkbar, ihren Firmenstandort oder Teile des Unternehmens ins Ausland zu verlagern. Kommen diese Maßnahmen womöglich zu langsam?

Knill: Ich weiß nicht, ob diese Aussage nicht auch als Drohgebärde zu bewerten ist. Die wirklich zentrale Frage ist, wo die neuen Kunden sein werden. Wo muss und wo kann ich produzieren? Ich möchte dabei betonen, dass Produktion in Österreich und der EU durchaus attraktiv ist, wenn man die gesamten Standortfaktoren zusammenzählt. Bei der Steuerlast sind wir nicht top. Aber die Investitions- und Förderlandschaft, die Hochschulen, die Bildungseinrichtungen, die Fachkräfte – das sind stützende Säulen. Darum sind wir auch im Export so stark. Die Innovationskraft der Unternehmen basiert letzten Endes immer auf Hirnschmalz. Entsprechend wichtig ist die Förderung dieser Faktoren. Und zum Umgang mit China: Es geht um Gleichbehandlung. Wir sollten keine Barrieren aufbauen, aber gleiche Voraussetzungen schaffen.

Vor der Krise und in der Amtszeit von Präsident Trump waren die globalen Rivalitäten und der Protektionismus wesentlich stärker sichtbar. Die Rhetorik scheint sich zumindest verbessert zu haben. Überlagert die Pandemie nur weiterhin schwelende Konflikte?

Simon: Es hat sich nichts geändert. Es gilt immer noch: China, Europa und USA first. Das wird sich eher noch verschärfen. Ich glaube, dass ganz intensive Handelszoll-Themen auf uns zukommen. Positiv ist, dass die USA unter Joe Biden wieder am Weltgeschehen teilhaben und in der WTO und dem Pariser Klimaabkommen mitarbeiten. Die transatlantische Achse gewinnt also wieder an Bedeutung. Das ist wichtig, wenn man bedenkt, dass die größte globale asiatisch-pazifische Freihandelszone 2,5 Milliarden Menschen umfasst. Entsprechend gut ist es, dass das Freihandelsabkommen zwischen Europa und China auf Schiene ist. Um die europäische Wirtschaft wieder hochzufahren, werden vonseiten der EU 750 Milliarden Euro veranschlagt.

Welche Aspekte sind wichtig, damit diese Investitionen möglichst wirkungsvoll sind?

Margarete Schramböck, Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort: „Europa muss seine Naivität ablegen.“

Schramböck: Es sind zwei: Digitalisierung und Ökologisierung. Den Umweltschutz bei der Vergabe von Mitteln mitzudenken ist sinnvoll und auch im Interesse aller Unternehmen. Zudem passt das Thema gut zum Mindset vieler Familienbetriebe, die in Generationen denken. Genauso wichtig sind Akzente auf Digitalisierung, Automatisierung und die Erhöhung der Produktionseffizienz. Wir sehen, dass jene Länder, die mehr Industrieroboter im Einsatz haben, weniger Arbeitslose aufweisen. Die Digitalisierung spielt aber natürlich auch im Dienstleistungsbereich eine wesentliche Rolle. Wenn E-Commerce im Handel voll Einzug hält und die Digitalisierung für eine Weiterentwicklung vieler Geschäftsmodelle sorgt, dann kann der Standort im Sommer reüssieren.

Simon: Ich stimme allem zu. Aber noch wichtiger als Nachhaltigkeit und Digitalisierung wäre Bürokratieabbau. Das ist das Hauptproblem von KMU. Geht mit der Mähmaschine herum und baut alle Hürden ab!

Schwarz: Das bestätigt auch unsere Umfrage. Größten Nachholbedarf sehen KMU hinsichtlich Bürokratie. Aber auch Hidden Champions sehen hier Verbesserungspotenzial.

Schramböck: Ich teile Ihre Meinung, dass Bürokratie abgebaut werden muss. Auch da ist aber die Digitalisierung das richtige Instrument. Es muss möglich werden, dass man Daten nur einmal in ein System eingibt, egal in welchem Bundesland man ist. Und die Bürokratie dahinter regelt, wie sie genützt werden. Dieses Thema ist bei mir angesiedelt und ich nehme es sehr ernst. Wir müssen das digitale Amt weiter ausbauen. Ist das einfach? Nein, weil wir dafür durch alle Behördengänge durchmüssen und alle Gebietskörperschaften brauchen. Unbemerkt vom Bürger soll alles geregelt werden. Sie sollen so viel wie möglich online abwickeln können.

Knill: Die Pandemie hat schonungslos unsere Schwächen im Bereich der Digitalisierung aufgedeckt. Im ersten Lockdown sind die Beamten ohne Laptops ins Homeoffice geschickt worden. Der digitale Akt und das digitale Amt müssen jetzt wirklich rasch Realität werden. Ein großes Thema auf dem Weg dahin ist der Datenschutz. Wir haben Datenschutz, aber keine Digitalisierung. Das sind Systemfragen. Ich will nicht das chinesische System. Aber sie sind meilenweit voran. Das werden wir nur schwer aufholen können.

Simon: Man braucht nicht einmal China als Beispiel mit seinem totalitären System heranziehen. Korea und Taiwan sind ebenfalls demokratisch und meilenweit voraus.

Sehen Sie eine echte Chance, dass Österreich am Ende gestärkt und transformiert aus dieser Krise hervorgeht?

Knill: Transformiert sind wir noch lange nicht. Eine Chance sehe ich insbesondere für den Bereich der Klimatechnologie. Hier haben wir Know-how, das wir global exportieren könnten. Die Pandemie hat deutlich gezeigt, dass es weitere Strukturreformen brauchen wird. Das ist die wichtigste Lektion: Vieles funktioniert nicht so gut wie gedacht. Aber darin steckt auch die Chance, die Dinge anzupacken und Europa so auszurichten, dass wir den Wohlstand langfristig aufrechterhalten können.

„In schlechten Zeiten gewinnen vor allem die Starken.“ Prof. Hermann Simon, Gründer von Simon- Kucher & Partners

Simon: Ich würde nicht sagen, dass Europa gestärkt hervorgeht. Wir sind weltweit nicht stark im Konsumgütermarkt. Alle digitalen Massenerfolge kommen aus den USA. Bei Industriegütern sind wir dagegen führend. Da gehen Hidden Champions gestärkt hervor. Genauso wichtig wird Nachhaltigkeit werden. Nachhaltigkeit ist die neue Digitalisierung. Da entsteht mittlerweile viel Druck von Investorenseite. Auch in dem Bereich sind wir in Europa führend. Nachhaltigkeit kann für uns also ein echter Wettbewerbsvorteil werden.

Was braucht es, um diesen Vorsprung nutzen zu können? Simon: Wir müssen erkennen, dass wir im internationalen Vergleich zu wenig ausgeben, um unsere Unternehmen zu positionieren. In Deutschland wurde die Agentur für Sprung innovation gegründet und mit 100 Millionen Euro ausgestattet. In den USA gibt es dafür die Darpa, die 3,5 Milliarden Dollar zur Verfügung hat. China will 1.000 neue Hidden Champions schaffen und gibt dafür 1,3 Milliarden aus. Im Vergleich dazu sind unsere Summen sehr bescheiden. Dass unsere Ingenieure super sind, reicht nicht. Wir müssen mehr investieren. Und wir müssen damit aufhören, in die Erhaltung alter Strukturen zu investieren.