Wasser marsch!

Nachhaltigkeit
06.10.2021

Von: Harald Koisser

Sintflutartige Regenfälle führen immer häufiger Überlastungen der Kanalisation. Wienerberger schafft dem Wasser nun neue Abflusswege und kreiert gleichzeitig Produkte zur Bewältigung des Klimawandels. Ein Geschäftsfeld mit enormem Potenzial – für Unternehmen und Umwelt.

Wienerberger Versickerungssysteme

Seit einiger Zeit erlebt das wasserreiche Österreich, dass das kostbare und selbstverständliche Nass  auch unberechenbar sein kann. Auf Dürreperioden und Wassermangel folgen sintflutartige Regenfällen. Manchmal finden beide Phänomene sogar zeitgleich in benachbarten Regionen statt. Die Auswirkungen des Klimawandels sind im Alltag der Menschen angekommen. Der Wienerberger-Konzern sucht Lösungen, wie vom Einfamilienhaus bis zu ganzen Städten „from rain to drain“ (so ein Slogan) gelingen kann.
„Wir verstehen uns als führender Anbieter von smarten Baustofflösungen. Da mussten wir uns zeitgerecht mit den neuen Umweltbedingungen auseinandersetzen“, sagt Wienerberger CEO Heimo Scheuch. Das Unternehmen hat sich dem Wassermanagement verschrieben und es geschafft, binnen kürzester Zeit führender Anbieter von Wasser-Infrastruktursystemen zu werden. Das bislang größte Projekt wurde in Danzing abgewickelt. Die polnische Stadt hat in ein umfassendes Hochwasserschutzsystem investiert. In Ergänzung zur eindrucksvollen Anzahl von Speicherbecken und Deichen, die entstanden sind, hat die Wienerberger-Tochter Pipelife dazu mit unterirdischen Rohrsystemen beigetragen. Dazu gehören Sammel- und Ableitungskanäle entlang neu gebauter Straßenbahnlinien, unterirdische Rückhalte- und Filtersysteme für den Flughafen von Danzig, sowie Speicherbecken und in den Hafen führende Sammelleitungen. In den letzten vier Jahren hat Pipelife über 705 Kilometer Rohre, 75.000 Rohrverbindungen, 3.200 Zisternen und 5.100 Raineo-Stormboxen für die Stadt bereitgestellt. Die Stadtverwaltung musste einfach etwas tun, um die Kanalisation vor Überlastung durch Starkregen zu schützen. „Solche Konzepte bekommen festen Platz in städtebaulichen Entwicklungsprojekten“, sagt der Wienerberger-Chef. Die von Danzing eingesetzten Raineo-Stormboxen sind eine der ausgefeilten ­Antworten von Wienerberger auf die volatilen Wasserverhältnisse der Zukunft.
Rund drei Viertel der Weltbevölkerung leben mittlerweile in Städten und diese Entwicklung „führt zu neuen und besonderen Herausforderungen“, erklärt Scheuch.

From Rain to Drain: Wienerberger setzt auf eine smarte Verwaltung und Nutzung von Regenwasser, die auch extremen Regengüssen stand hält.

Da nicht zu erwarten ist, dass sich dieser weltweite Trend zur Verstädterung umkehrt und die Bodenversiegelung sofort aufhört, braucht es „unterirdische Rückhalte- und Versickerungsanlagen. Man muss dem Wasser neue Abflusswege schaffen.“

Überlastungen abfangen

Derzeit ist es ja so, dass die Wassermengen von den versiegelten Böden in die Kanalisation, oder - etwas cleverer - in Wasseraufbereitungsanlagen abgeleitet werden. Aber beides führt bei den neuerdings aufkommenden Wassermassen zu dramatischer Überlastung. Bei den Abwasserkanälen wurde bislang mit einer Vergrößerung des Rohrdurchmessers reagiert. Alle Rohre in überdimensionalen Varianten neu zu verlegen, ist jedoch keine zukunftstaugliche Idee. Wienerberger setzt daher darauf, das Regenwasser besser „zu verwalten“. Genau das machen die Stormboxen. Sie verstehen sich als modular zusammensetzbare Auffangstationen mit sehr hoher Speicherkapazität, ohne die Kanalisation zu belasten. Der Grundwasserstand kann besser reguliert und das Wasser besser genutzt werden. Solche Boxen können unter einem Einfamilienhaus oder städtischen Straßennetzen vergraben werden. Sie leiten das Wasser nicht ab, sondern halten es zurück. Wenn es dann wieder trocken ist, kommt von dort Wasser für Bewässerung von Grünanlagen, Nutzwasser für das Zuhause oder für die Industrie. So soll die Belastung von Wasseraufbereitungsanlagen verringert und Betriebskosten gesenkt werden. Kürzlich hat Wienerberger auch hundert Prozent der Aktien von FloPlast (GB) und Cork Plastics (Irland) übernommen. Die beiden Unternehmen produzieren Dachrinnen und Abflussrohre und ergänzen damit das Produktportfolio, mit dem Sammlung, Transport, Speicherung und Filtrierung von Regenwasser durchgeführt wird.

Wir wollen die Kreislaufwirtschaft und ­Biodiversität fördern.

Heimo Scheuch

Heimo Scheuch

„Damit reagieren wir auch auf die sich ändernden Kundenbedürfnisse“, erklärt Scheuch. Auch die Bewohner von Einfamilienhäusern fragen nach In-House-Wasserlösungen und Produkten für Regenwassersammlung, Entwässerung und Abwasseranwendungen.

Lösungen zur Dekarbonisierung im Zentrum 

„Die Klimakrise ist ein Faktum und nur mit ambitionierten Nachhaltigkeitszielen können wir eine lebenswerte Zukunft gestalten“, sagt Scheuch. Wenn nicht gerade Wasser das Hauptthema ist, „wollen wir zukunftsweisende Lösungen zur Dekarbonisierung erarbeiten und die Kreislaufwirtschaft und Biodiversität fördern. Damit unterstützen wir den European Green Deal.“ In die Entwicklung des aktuellen Nachhaltigkeitsprogramms 2023, wo das festgeschrieben ist, waren sämtliche Stakeholder-Gruppen der Wienerberger AG - Mitarbeitende, Kunden, Partner, Investoren sowie Entscheidungsträger aus Forschung und Politik - eingebunden. Darin ist auch das Ziel formuliert, bis spätestens 2050 klimaneutral zu sein. Erster Schritt ist eine Reduktion der CO2-Emissionen um 15% bis zum Jahr 2023. Dazu wird der Anteil an Sekundärrohstoffen in der Beschaffung weiter ausgebaut und Transporte werden mit dem gruppenweiten Supply Management optimiert. Der CO2-Ausstoß in der Produktion soll durch technologische Innovationen laufend minimiert werden. Beim Stammprodukt der Ziegel verweist das Unternehmen darauf, dass sie jetzt schon klimaneutral sind. „Wir haben unsere Energieträger hinterfragt“, sagt Scheuch „und beziehen jetzt Strom und Gas aus erneuerbaren Energien. Restlos emissionsfrei sind wir aber noch nicht.“ Der nicht emissionsfreie Rest bei der Ziegelproduktion wird mit Klimazertifikaten abgedeckt. Mit einer jährlichen Investition von 60 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung soll das große Ziel erreicht werden. Es braucht neue Prozesse und neue Produkte. In der neuen dekarbonisierten Welt von Wienerberger gilt laut Heimo Scheuch auch: „Künftig werden alle neuen Produkte zu 100 % wiederverwendbar oder recycelbar sein“. In Sachen Biodiversität „setzen wir mit der Ansiedlung von 80.000 Honigbienen auf dem Dach unseres Headquarters ein Zeichen“, so Heimo Scheuch. Das ist insoferne bedeutungsvoll als die Bienen sich den Blütenstaub von dort holen, wo Wienerberger seinen Ursprung hat. Vor 200 Jahren entstand am Wienerberg die erste Tongrube. Rund um den ehemaligen Ziegelteich hat sich ein Naturschutzgebiet mit reicher Fauna und Flora entwickelt. Wenn die Bienen vom Firmendach aus ihre Sammelflüge starten, fördert das Unternehmen die wichtigen Insekten, verbindet sich aber zugleich auch mit seiner unternehmerischen Quelle.