#IWABI – Ich wische, also bin ich? (1)

Kolumne
02.06.2016

Von: Mag. Dr. Franz J. Schweifer

Machen uns Smartphones zärtlicher, weil wir sie unentwegt streicheln? Oder verfahren wir auch mit „echten“ Beziehungen künftig nach dem Motto „wisch und weg“? Nein, das ist kein Smartphone-Bashing. Das wäre billige und unnötige Erregung. Zudem falsch, weil einseitig. Aber ein kritischer Blick schärft den Sinn für ein epidemisches Phänomen. 

Erst Ende 2012 scherzte der Technologieriese Cisco und bezeichnete das Smartphone als 207. Knochen im menschlichen Körper. Weil 90 Prozent der jungen Arbeitnehmer und Studierenden zwischen 18 und 30 bereits am Morgen Mails oder soziale Netzwerke eifrig mit ihrem Smartphone checken.

Heute ist es längst ein altersloses Massenphänomen, auch ein klassenloses. So scheint es kaum jemand mehr zu geben, der nicht auch im öffentlichen Raum emsig Smartphone-wischend oder dauertelefonierend unterwegs ist. Bahnsteige oder Flughäfen sind hier ein besonders beliebtes Terrain. Selbst Theater- oder Konzertsäle (ja sogar Schlafzimmer) bleiben nicht verschont. Deshalb wurde ein bekanntes Wiener Musikhaus mit einem Störsender ausgestattet, nachdem das Handy-Geläut kein Ende nehmen wollte. 

Wis(c)h you where here

Gleichzeitig scheint sich das berühmte Dictum „cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich.“) von René Descartes, dem Begründer des modernen Rationalismus, in ein triviales und zuweilen irrationales Credo verkehrt zu haben: „Ich wische, also bin ich.“ Angelehnt an eine andere rastlose Maxime: „Ich eile, also bin ich (wichtig).“ Jedenfalls haben E-Prothesen hohen identitätsstiftenden Charakter. Fast etwas Sakrales. Etwas, dem gerne viel, sehr viel Zeit geopfert wird.

Ein WirtschaftsBlatt-Bericht vom 26.2.2016 mag das untermauern. Er nimmt Bezug auf einen Podcast von Alexander Markowetz, Professor für Informatik an der Uni Bonn und Autor des Buches „Digitaler Burnout“: 88 Mal am Tag schalten wir den Bildschirm unseres Smartphones ein. 35 Mal schauen wir nur auf die Uhr oder sehen nach, ob neue Nachrichten eingegangen sind. 53 Mal entsperren wir das Handy, um zu surfen, Mails zu schreiben oder eine App zu benutzen. Kurz: Alle 18 Minuten unterbrechen wir die Tätigkeit, mit der wir gerade beschäftigt sind. 

Und einer kanadischen Studie nach ist die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne bereits auf sagenhafte acht Sekunden geschrumpft.

#IWABI – Ich wische, also bin ich. Ein Such(t)reflex?

Sind Sie auch ein MAIDS-(Wo)man?

Jeder Zeit ihre Sucht. So hat auch postmodernes Suchtverhalten einen Namen: MAIDS (Mobile and Internet Dependency Syndrome). Allein in Österreich seien etwa 80.000 junge Menschen onlinesüchtig – so Michael Musalek, ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Instituts Wien, in einem Interview Anfang 2016. Und Erwachsene eifern eifrig mit. Der anerkannte Suchtexperte nennt sechs zentrale Kriterien, die auf ein explizites Suchtverhalten hinweisen – ob Alkoholismus oder Online-Sucht. 

  1. Verlangen: Ein kontinuierlicher und unbezwingbarer Drang, online zu sein.
  2. Immer mehr: Süchtige müssen die Dosis ständig steigern.
  3. Kontrollverlust: Aus 2 oder 4 Stunden online werden zig Stunden.
  4. Entzugserscheinungen: Süchtige wirken offline gereizt oder bekommen Angstzustände.
  5. Vernachlässigung: Obwohl Sucht zum Problem wird, erfolgt keine Verhaltensänderung.
  6. Zentrierung: Alles dreht sich nur mehr ums Internet. Sport, Gespräche etc.? Fehlanzeige. 

Dabei gilt: Viel im Web heißt nicht gleich Onlinesucht. Etwa, wenn eine 15-Jährige über ihr Leben in Social Media & Co berichtet: Das Smartphone bestimme zwar ihren Tagesablauf – der erste Gedanke morgens und der letzte abends würden sich darum drehen, onlinemäßig auf dem neuesten Stand zu sein. Dennoch: „Das Smartphone ist ein Teil meines Lebens – aber es ist nicht mein Leben.“ Weil Dinge wie „echte“ Kontakte mit Freunden doch noch wichtiger seien. (Kurier, 16.02.2016)

Andererseits verwundert das Ergebnis einer norwegischen Studie, wonach jedes zweite Kind eifersüchtig auf das Smartphone der Eltern ist, weil es gemeinsame Zeit stiehlt. #WUW – Wisch und weg! 

Und wie viel Zeit verwischen Sie? Oder lassen Sie sich stehlen?