Klare Worte zum Thema

Energieversorgung

Österreich ist stark von russischem Gas abhängig. Was das in der aktuellen Situation bedeutet und wie wir uns breiter aufstellen können, erklärt Industriellen-Vereinigung-General­sekretär Christoph Neumayer.
Industriellen-Vereinigung-General­sekretär Christoph Neumayer

Das Damoklesschwert eines plötzlichen vollständigen Gas-Stopps durch Russland schwebt seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine über unseren Köpfen und schafft damit Verunsicherung im Markt, die die Preise für Energie in ungeahnte Höhen treibt. Derzeit beschäftigen die Unternehmen zwei zentrale Fragen. Zum einen: Bekomme ich heute, morgen und übermorgen ausreichend Energie? Und zum anderen: Zu welchen Konditionen kann ich diese beziehen, damit noch zu wettbewerbsfähigen Preisen produziert werden kann?

Welche Versäumnisse zu dieser Situation geführt haben
Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten von günstigem und verfügbarem Gas aus Russland profitiert. Dessen sollten wir uns bewusst sein, wenn es nun Kritik gibt. Für Österreich als Binnenland ohne Häfen ist leitungsgebundenes Erdgas historisch gewachsen die bislang sicherste und günstige Art der Gasversorgung. Aber: Jetzt gilt es bei den Lieferländern zu diversifizieren und auch bei der Schnelligkeit der Genehmigungsverfahren gibt es massiven Verbesserungsbedarf. Wir müssen alle an einem Strang ziehen, um die Abhängigkeit von Russland schnellstmöglich zu reduzieren, denn die Industrie braucht Erdgas als Brückentechnologie noch auf Jahre hinaus – dafür braucht es eine fossile Übergangsstrategie.

Womit die heimische Wirtschaft rechnen muss
Die Auswirkungen eines Gas-Stopps lassen sich in der gesamten Tragweite derzeit noch schwer greifen, aber nur so viel: Unseren Schätzungen nach wären durch eine Gasmangellage rund 341.400 Arbeitsplätze in Österreich direkt gefährdet. Des Weiteren ist ein Flächenbrand zu erwarten, denn von den hohen Preisen und noch viel mehr von einem Totalausfall der Gaslieferungen sind alle produzierenden Unternehmen betroffen – auch solche, die vergleichsweise wenig Gas benötigen. Gas spielt aber auch eine zentrale Rolle für die Stromversorgungssicherheit. Ein gutes Drittel des Gas-Jahresverbrauchs geht in Verstromung und Fernwärme. Zeitweise tragen Gaskraftwerke bis zur Hälfte der gesamten Stromerzeugung bei.

Welche Lösungsansätze für Abhilfe sorgen könnten
Kurzfristig braucht es einen Mix aus Gas-Einspeicherung, Sicherung der alternativen Gasquellen und Substitution von Erdgas, wo es möglich ist – dabei geht es um Maßnahmen, die Abhilfe schaffen, sollten die Gaslieferungen kurzfristig ausfallen. Mittelfristig brauchen wir eine Diversifizierung der derzeitigen Energieversorgung Europas. Das bedeutet für Gas, den Anschluss verschiedener, neuer gasproduzierender Länder, sprich neue Pipeline-Projekte. Darüber hinaus müssen wir ebenso den Ausbau komplementärer emissionsfreier Energiequellen vorantreiben. Langfristig müssen wir den Anteil erneuerbarer Energie aus heimischer Produktion erhöhen. Dazu braucht es dringend eine Beschleunigung der Genehmigungsverfahren.

Wie unabhängig Österreich sein könnte
Langfristig muss unser Ziel eine „Strategische Autonomie“ der Energie- insbesondere der Gasversorgung sein. Wir müssen uns vom Wunschgedanken der österreichischen Energieautarkie verabschieden, es geht darum, in der Lage zu sein, frei aus einem differenzierte Lieferantenkreis wählen zu können, um damit nicht stets von nur einem Lieferanten abhängig zu sein.

Was die Bundesregierung tun sollte
Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren und müssen Genehmigungsverfahren drastisch beschleunigen. Um damit den Anteil erneuerbarer Energie aus heimischer Produktion zu erhöhen. Die Industrie steht bereit – wir warten auf den Startschuss der Klimaministerin. Gleichzeitig müssen wir insbesondere die Wasserstoffwirtschaft weiterentwickeln und marktfähige Lösungen anbieten. Die Regierung ist außerdem gefordert, rasch und treffsicher Maßnahmen zu setzen, um die hohen Energiepreise für die Unternehmen zumindest teilweise zu kompensieren.