Auf zur dekarbonisierten Welt

Industrie
08.10.2021

Von: Harald Koisser

Die heimische Industrie geht mit enormen Investitionen Richtung Null-­Emissionen. Jetzt muss auch der Rest von Österreich Fahrt aufnehmen. Ein Überblick.

„Dass der Mensch Ursache der Erderwärmung ist, steht außer Frage“, sagt Peter Koren, Vize-Generalsekretär der Industriellenvereinigung, „wenn man das einmal verstanden hat, muss man handeln.“ Das tut die Industrie seit dem Inkrafttreten des Emissionshandelsgesetzes im Jahr 2005. Seit diesem Jahr ist sie an rechtsverbindliche Vorgaben zur CO2-Reduktion gebunden, die sie laut Koren auf Punkt und Beistrich erfüllt. Der Weg ist vorgezeichnet. Er führt Richtung Null-Emission im Jahr 2050. Das ist eine EU-Vorgabe. „Ohne ganz neue Produktionstechnologien ist die Vorgabe der Klimaneutralität nicht zu erfüllen“, sagt voestalpine-CEO Herbert Eibensteiner. „Eine CO2-neutrale Zementproduktion ist nur unter Anwendung bahnbrechender Technologien möglich“, betont auch Berthold Kren, CEO der Lafarge Zementwerke. Es ist ja nicht so, als ginge es darum, bloß ein bisschen leiser zu treten und weniger Lärm oder Schmutz zu machen. „Die Welt versucht, sich eines Problems zu entledigen“, betont Dieter Drexel, bei der Industriellenvereinigung zuständig für die Klimathematik, und das bedeute nicht mehr und weniger als „wir verändern die industrielle Basis des Kontinents.“ Die österreichische Industrie begibt sich hier mit viel Geld in einen Umbruch, dessen ökonomische Auswirkungen noch nicht ganz klar abgeschätzt werden können.

Mit neuen Technologien CO2-neutral

Die voestalpine will zum Beispiel mit „greentec steel“ bis 2030 seine Emissionen um rund ein Drittel reduzieren und bis 2050 soll Stahl komplett CO2-neutral produziert werden. Der Schlüssel dafür sind wasserstoffbasierte Technologien. Dafür forscht die voestalpine zum Beispiel in der „H2FUTURE“-Anlage in Linz, die weltweit als modernste der Stahlindustrie gilt. In der Versuchsanlage in Donawitz wird an der Herstellung von Rohstahl in einem Prozessschritt mithilfe einer neuartigen Wasserstoff-Plasmatechnologie geforscht. Das Roheisen muss bisher unter Einsatz fossiler Brennstoffe weiter reduziert werden. Wenn das wegfällt, entsteht lediglich gasförmiges Wasser als Endprodukt und somit fallen CO2-Emissionen weg. Für die Entwicklung einer großtechnisch realisierbaren Stahlproduktion ohne den Einsatz von fossilem Kohlenstoff hat die voestalpine das Schutzrecht vom Europäischen Patentamt erhalten.

Kreisläufe statt Linien

Die Lafarge Zementwerke errichten im Werk Mannersdorf eine Anlage zur Abscheidung von nahezu 100 Prozent des jährlichen CO2-Ausstoßes, der im Moment immerhin 700.000 Tonnen beträgt. Diese Menge an CO2 stünde dann plötzlich als Ressource zur Verfügung – für Kunststoff oder Kraftstoffe, die Borealis oder die OMV verwerten könnte. Darum geschieht das Projekt auch in einer sektorübergreifenden Anstrengung. Aus Sicht der OMV ist CO2 nicht nur ein Treibhausgas, das reduziert werden muss, sondern auch ein wertvoller Rohstoff. Der frühere Borealis Chef und heutige OMV CEO Alfred Stern macht klar: „Das Konzept der Kreislaufwirtschaft verlangt von uns, das Gesamtsystem zu betrachten, und nicht aus Bequemlichkeit die einfacheren, linearen Optionen zu verfolgen.“ Auch hier kommt der grüne Wasserstoff als Gamechanger ins Spiel. Österreichs größtes Stromversorgungsunternehmen Verbund wird in dem Projekt den Strom und den daraus erzeugten grünen Wasserstoff zum Recycling des abgetrennten CO2 bereitstellen. „Grüner Wasserstoff entsteht durch die Elektrolyse von Wasser unter Einsatz von Strom aus erneuerbaren Energien“, erklärt Verbund-CEO Michael Strugl, „darin liegt ein enormes Potential für die Dekarbonisierung industrieller Prozesse.“
Somit strengt sich das Unternehmen an, in eine CO2-freie Stromversorgung hineinzuwachsen. Dazu wird das Pumpspeicherkraftwerk Limberg III mit einer Leistung von 480 Megawatt in Kaprun gebaut. Es wird komplett unterirdisch errichtet. Auch die Kärntner Kraftwerksgruppe Malta-Reißeck wird um ein unterirdisches Kavernenkraftwerk erweitert. Flexible Pumpspeicherkraftwerke sind laut Strugl „fundamental für das Gelingen der Energiewende. Diese Anlagen sind es, die die Integration von Strom aus volatilen Erzeugungsformen wie Wind und Sonne überhaupt erst möglich machen. Pumpspeicher sind und bleiben bis auf Weiteres die mit Abstand effizienteste Form, um Strom im großen Stil sauber zu speichern und in kürzester Zeit für Bedarfsspitzen vorzuhalten.“ Darum stärkt Verbund jetzt seine „grünen Batterien“ in den Alpen.
All diese Projekte werden von der Industrie mit enormen Investitionssummen realisiert, denen ebenso große Geldbeträge für Forschung und Entwicklung vorangegangen sind. Hohe Investitionen wollen gut überlegt sein, geben sie doch einen Weg in die Zukunft vor.

Wenn Verfahren über zehn Jahre dauern, wird das nichts.

Peter Koren, Industriellenvereinigung

Peter Koren, Industriellenvereinigung

Exportschlager Greentech

Für die Industriellenvereinigung hat dieser Weg Gestalt angenommen. „Wir müssen Produkte umweltfreundlich erzeugen und mit der dafür entwickelten Technologie in den Export gehen“, sagt Peter Koren. Das kleine Österreich mit einem weltweiten Emissionsanteil von gerade einmal 0,2 Prozent will also nicht einfach nur sein Plansoll erfüllen und emissionsfreie industrielle Produkte erzeugen, sondern mit bahnbrechenden Technologien international punkten. Es wäre nicht das erste Mal. Das Linz-Donawitz-Verfahren zur Stahlerzeugung ist weltweit führend und das jetzige Patent der voestalpine zur emissionsfreien Stahlerzeugung könnte hohes Potential auf ähnlichen Erfolg haben. So könnte High-Tech aus Österreich einen relevanten Beitrag zur Lösung der weltweiten Klimaproblematik leisten. Aber dazu braucht es politisches Leadership. „Ohne massive Unterstützung der öffentlichen Hand ist es aussichtslos“, so Koren. Es braucht den politischen Willen. Und er muss sich möglichst rasch in Taten ausdrücken. „Das Jahr 2040 [Anm.: das Jahr, wo Österreich klimaneutral sein will] ist für viele Sektoren vor der Haustüre“, so Koren, „das ist übermorgen. Da müssen Transportflotten umgestellt, ganze Häuser saniert, fossile Heizsysteme ausgetauscht werden.“ Selbst wenn es unendlich viel Geld gäbe, braucht das Zeit. Und Genehmigungen. Letzteres ist ein großes politisches Thema. „Wenn das Erneuerbarenausbaugesetz vorschreibt, dass es in den nächsten zehn Jahren 27 Terrawattstunden mehr an erneuerbaren Energien geben soll, dann braucht es dazu ein ganz anderes Tempo bei Anlagengenehmigung“, so Koren, „wenn Verfahren über zehn Jahre dauern, wird das nichts. So kann die Energiewende nicht stattfinden.“
Jedenfalls wird, so die politische Ankündigung, ein Klimaschutzgesetz kommen. Darin sollen die Klimaziele untermauert und alle volkswirtschaftlichen Sektoren in die Pflicht genommen werden. So wie die Industrie jetzt schon, müssen dann Landwirtschaft oder Verkehr und auch die Bundesländer mit einem jährlichen Klimabudget auskommen. Damit ist aber kein Geldbetrag gemeint, sondern ein rechtsverbindliches und jährlich sinkendes Limit an Emissionserlaubnis. Dann erst wäre die Klimathematik endgültig in Österreich angekommen.