Nicht wenige junge Menschen stellen sich die Frage: Warum überhaupt noch arbeiten, wenn alles den Bach runtergeht? Gegen einen Hintergrund von Klimakrise, Krieg, sozialer Spaltung, Inflation und Demokratieabbau erscheint die Notwendigkeit des täglichen Selbsterhalts wie ein tragischer Widerspruch, sowie alle Bemühungen, sich etwas für die Zukunft aufzubauen, ungewiss. Bei all den Krisen fällt es schwer optimistisch zu bleiben. Doch kann man die Welt überhaupt getrennt von Arbeit verstehen? Ist es nicht auch unser Arbeitsleben, in dem das gesellschaftliche Miteinander bestimmt wird? Wenn dort, wo wir arbeiten, gesellschaftliche Realität entsteht, lohnt sich ein genauerer Blick auf jene Orte, die diese Realität maßgeblich prägen: kleine und mittelständische Unternehmen (KMU).

Polykrisen sind nichts Neues

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Polykrisen sind nichts Neues. Historischen Analysen zufolge treten Krisen wie Klimaveränderungen, wirtschaftliche Probleme und politische Konflikte immer wieder gemeinsam auf. Entscheidend ist, wie Gesellschaften darauf reagieren: Wachsende Ungleichheiten und Elitenkonflikte destabilisieren Gesellschaften – während Kooperation und Ressourcenteilung ihre Widerstandsfähigkeit stärken. Wo Menschen sich austauschen, entstehen erste Formen von Solidarität – und damit die Grundlage kollektiver Gestaltung und Demokratie, sei es in informellen Netzwerken oder in institutionalisierter Mitbestimmung.

Sozialer Zusammenhalt als Resilienzfaktor

Was bedeutet das für die Gegenwart – und insbesondere für die Arbeitswelt? Unzählige Studien halten fest: Junge Menschen suchen nach Arbeit, die ihre Werte widerspiegelt und Zukunft gestaltet. Soziale Verantwortung, Nachhaltigkeit und ethisches Handeln sind längst kein Bonus mehr, sondern Grundvoraussetzung. Wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung lassen sich nicht mehr voneinander trennen. Darum: Wer heute mit Haltung handelt, bleibt morgen wettbewerbsfähig. KMU sind hier gefragt: Als Rückgrat der Wirtschaft (99 Prozent aller Betriebe in Österreich sind KMU) sind sie mehr als nur ökonomische Einheiten – sie sind soziale Labore für eine gerechtere Zukunft. Denn gerade in kleineren Betrieben können festgefahrene Strukturen hinterfragt und alternative, weniger ausbeuterische Arbeitsweisen entwickelt werden.

Arbeit zwischen Überlebensnotwendigkeit und Sinn

Die Philosophin Simone Weil hat vor fast 100 Jahren beschrieben, wie industrielle Produktionszwänge den Menschen erschöpfen und ihm Würde und Handlungsmacht nehmen: Menschen werden austauschbar, Ihre Arbeitskraft zum Mittel der Kapitalakkumulation. Gleichzeitig sah Weil in der Arbeit selbst eine mögliche Quelle von Sinn. In ihren späteren Überlegungen argumentiert sie, dass Arbeit eine „soziale Wurzel“ des Menschen sein kann – ein Ort, an dem sich die Beziehung zwischen Mensch, Welt und Gemeinschaft konkretisiert. Entscheidend ist jedoch, wie Arbeit organisiert ist. Wird sie von Effizienz, Tempo und Zwang bestimmt, entfremdet sie den Menschen. Wird sie dagegen so gestaltet, dass Verständnis, Mitgestaltung und Verantwortung möglich sind, kann sie zu einem Ort der Aufmerksamkeit, der Würde und des gemeinsamen Handelns werden.

KMU als soziale Innovations- und Experimentierräume

Wenn Arbeit – wie Simone Weil beobachtete – ihre Würde verliert, sobald sie vollständig den Zwängen von Effizienz und Profit untergeordnet wird, stellt sich die Frage, wo andere Formen der Organisation überhaupt entstehen können. Die Ökonom*innen hinter dem Pseudonym J. K. Gibson- Graham sehen die Antwort nicht in großen Systemumbrüchen, sondern im Kleinen. In „The End of Capitalism (As We Knew it)“ zeigen sie, dass alternative ökonomische Praktiken bereits heute existieren – oft gerade in kleinen Unternehmen, lokalen Initiativen und gemeinschaftlichen Projekten. Gerade hier liegt das Potenzial kleiner und mittelständischer Unternehmen. Weil sie oft überschaubarer sind als große Konzerne, können sie zu Räumen werden, in denen neue Formen der Zusammenarbeit erprobt werden: weniger hierarchisch, solidarischer und stärker an gemeinsamer Verantwortung orientiert. Diese Gestaltungsmacht ist dabei keine abstrakte Größe: Sie zeigt sich in ganz konkreten Entscheidungen. In der Frage, wie viel Mitbestimmung zugelassen wird, in Arbeitszeiten, Lohn- und Gewinnstrukturen, in der Offenlegung von Entscheidungen, im Zugang zu Informationen, in der Art, wie mit Hierarchien umgegangen wird, wie Konflikte gelöst werden, wie füreinander Verantwortung übernommen wird und wie inklusiv ein Betrieb tatsächlich ist. So können KMU zu Orten werden, an denen die Ambivalenz der Arbeit – zwischen Zwang und Sinn – neu ausgehandelt wird.

Der Gestaltungsprozess der Zukunft

Die Arbeitswelt wird nicht trotz der Krisen besser, sondern weil wir sie gerade in diesen Krisen neu gestalten. Dort, wo Menschen täglich miteinander arbeiten, sich organisieren und ihre Interessen gemeinsam vertreten, beginnt die Zukunft. Nicht als große Transformation, sondern in kleinen Entscheidungen und im Aushandeln zwischen Arbeitnehmer*innen und Unternehmer*innen. Wie wir arbeiten entscheidet immerhin mit, wie die Welt morgen aussieht. Darum dürfen wir nicht ohnmächtig werden – jede noch so kleine Veränderung trägt zu gesellschaftlicher Transformation bei. In einer von Polykrisen geprägten Welt wird Arbeit damit nicht nur zur Überlebensstrategie – sondern zu einer der zentralen Fragen demokratischer Gestaltung: In welcher Welt wollen wir leben, und wie wollen wir sie erarbeiten?

TIPP: Mahlzeit! – Die Mittagsstunde mit Mehrwert
Klar entscheiden in unsicheren Zeiten

Die Wirtschaft und die WU Executive Academy laden Sie herzlich zum Auftakt einer neuen Lunch-Talk-Serie ein – mit relevanten Impulsen für Unternehmerinnen und Führungskräfte.
Resilienzexperte Vladimir Preveden zeigt, wie Unternehmerinnen und Unternehmer auch unter Druck handlungsfähig bleiben und ihr Unternehmen stabil führen.


Termin: 2. Juni 2026, 12:30 bis 13:00 Uhr, Online (Zoom)
Thema: Klar entscheiden in unsicheren Zeiten
Anmeldung: hier (Die Teilnahme ist kostenlos)

Der Vortragende
Dr. Vladimir Preveden ist Experte für strategische Unternehmenstransformation und hat in dieser Funktion bereits über 240 Unternehmen in der DACH-Region und in Mittel- und Osteuropa beraten. Nach 20 Jahren bei Roland Berger, größtenteils in leitenden Positionen, leitet er nun sein eigenes Unternehmen, VP Strategy. Sein Fokus liegt auf der strategischen Transformation von Unternehmen. Darüber hinaus unterstützt er als Senior Associate (Teilzeit) das Institut für Internationales Business (Team Nell) und die Initiative „Hauptsitz in Österreich“ der Wirtschaftsuniversität Wien (WU Wien). Er lehrt außerdem an der WU Wien und der WU Executive Academy zu den Themen strategische Transformation, Nachhaltigkeit und strategische Resilienz. Sein neuestes Buch „Nachhaltigkeit als strategischer Wettbewerbsvorteil“ ist bei Springer Gabler erschienen.